Interview

«Es gab lange Gesichter bei den Händlern auf dem Floor»

Börsen-Experte Jens Korte spricht über die aufgeladene Stimmung in New York vor dem Facebook-Börsengang am Freitag. Und warum die Parkett-Händler von der NYSE neidisch Richtung Nasdaq schauen.

«Der Rummel war gross, er könnte bei einem Auftritt von Madonna nicht grösser sein»: Börsen-Experte Jens Korte über die Facebook-Roadshow – unter Beteiligung von Mark Zuckerberg – von vorletzter Woche an der Wallstreet.

«Der Rummel war gross, er könnte bei einem Auftritt von Madonna nicht grösser sein»: Börsen-Experte Jens Korte über die Facebook-Roadshow – unter Beteiligung von Mark Zuckerberg – von vorletzter Woche an der Wallstreet. Bild: zvg

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Herr Korte, am Freitag steigt Facebook in den Börsenring. Was geht an der Wallstreet ab?
Von der Grösse her gesehen ist das natürlich ein historischer Deal. Es gibt einen Riesenhype um Facebook. Dem New Yorker Finanzplatz kann es recht sein, denn dieser Börsengang bringt quasi wieder etwas Action in den Markt. Man muss dazu wissen, dass in den letzten Wochen und Monaten gerade bezüglich des gehandelten Volumens nicht viel los war.

Mark Zuckerberg war vor wenigen Tagen selber in New York. Wie war das?
Sie sprechen die sogenannte Roadshow an. Zuckerberg zeigte sich bei den Investmentbanken an der Wallstreet. Der Rummel war gross, er könnte bei einem Auftritt von Madonna nicht grösser sein. Zuckerberg bringt natürlich Starpower und Glamour an die New Yorker Märkte.

Von wegen Märkten. Facebook wird ja nicht an der New York Stock Exchange gehandelt, sondern an der Technologiebörse Nasdaq. Was ist der Unterschied?
An der New York Stock Exchange (NYSE) gibt es rein schon durch den physischen Handel der Papiere mehr öffentliche Aufmerksamkeit. Zuckerberg aber hatte ja gerade mit aller Deutlichkeit signalisiert, dass er eigentlich gar nicht an die Börse will – so nebenbei, an die Roadshow kam er in Jeans und zerschlissenem Pulli. Mitunter darum hat er wohl auch die Nasdaq gewählt, da gibt es weniger Publizität.

Gibt es zwischen diesen beiden Börsen Rivalität?
Ja klar. An der NYSE hätte man Facebook noch so gerne gesehen. Man hatte sich auch darum bemüht. Entsprechend gab es lange Gesichter und enttäuschte Minen bei den rund 1000 Händlern auf dem Floor, als bekannt wurde, dass Facebook an die Nasdaq geht. Die Rivalität zwischen den beiden Börsen zeigt sich etwa darin, dass immer wieder mal Firmen den Platz wechseln.

Von der NYSE kennen wir diese Balkonszenen mit prominenten Managern, Glocken und Hammerschlägen. Wird es das mit Facebook an der Nasdaq auch geben?
Nein, diese Balkonbilder werden wir nicht sehen. Zwar gibt es an der Nasdaq auch eine Eröffnungssequenz, aber da wird einfach auf einen Knopf gedrückt. Es würde mich zudem wundern, wenn Zuckerberg am Freitag zur Handelseröffnung nach New York käme. Beim letzten grossen Börsengang in New York, dem Internetunternehmen Zynga, haben sich die Leute von Zynga aus dem Silicon Valley per Video einspielen lassen.

Sie sagen, Zuckerberg will gar nicht an die Börse, warum tut er es dennoch?
Das ist eine Zwangsehe, die wir immer wieder zwischen den Tech-Pionieren im Silicon Valley und der Wallstreet sehen. Auf der einen Seite geht es nur um Ideen und wie man die als Unternehmer umsetzt. Und auf der anderen Seite geht es an der Wallstreet primär ums Geld. Am Schluss aber ist es nun mal so, dass ab einer bestimmten Grösse Geschäftsideen ohne geordnete Finanzierung nicht vorankommen.

Nochmals zum Facebook-Hype an den New Yorker Märkten. Was merkt man davon im Big Apple? Gibt es Facebook-Bagels beim Bäcker?
(lacht) Nein, natürlich nicht. Es ist ja nicht so, dass deswegen jetzt die ganze Stadt verrückt spielt. Auffällig ist sicher die grosse Videoleinwand am Gebäude der Nasdaq. Da wird der Event vom nächsten Freitag sicher sichtbar.

Gibt es Tricks unter den Händlern, wie man am schnellsten zu Facebook-Aktien kommt?
Für Kleinanleger gibt es da von mir aus gesehen nichts zu holen. Man muss wissen, dass die Aktie ja jetzt schon gehandelt wird, einfach nicht offiziell an der Börse. Aber dass man da jetzt möglichst schnell rein muss, davon raten doch fast alle Analysten und Beobachter ab. Der erste Handelstag wird vermutlich auch keine spektakulären Kursbewegungen zeigen. Für die federführenden Banken und Facebook wären kleine Kursgewinne in den ersten Handelstagen optimal. Man will ja weder negativ starten noch mit einem Kursfeuerwerk, weil das dann nur die Gefahr eines Rückschlags mit sich bringt.

Erstellt: 14.05.2012, 13:07 Uhr

Jens Korte

Seit über zwölf Jahren arbeitet Jens Korte als wirtschaftspolitischer Korrespondent für Fernsehen (u. a. Schweizer Fernsehen und n-TV), Radio (u. a. DRS 4) und Print (Kolumnist «NZZ am Sonntag» und «Financial Times Deutschland»). Er berichtet täglich vom Parkett der New York Stock Exchange.

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