Ex-Topbanker der UBS wegen Libor-Vorwürfen unter Druck

Gegen Carsten Kengeter werden von Tom Hayes schwere Vorwürfe erhoben.

Kaum ist Carsten Kengeter Chef der Deutschen Börse geworden, holt ihn seine Vergangenheit ein. Foto: Arne Dedert (Keystone)

Kaum ist Carsten Kengeter Chef der Deutschen Börse geworden, holt ihn seine Vergangenheit ein. Foto: Arne Dedert (Keystone)

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Sein Curriculum liest sich wie ein Gipfelsturm: London School of Economics, Goldman Sachs, UBS, nun Chef der Deutschen Börse. Ausgerechnet jetzt, da er an die Spitze einer grossen Organisation im weltweiten Finanzgeschäft gelangt ist, holt Carsten Kengeter eine Geschichte aus der Vergangenheit ein – mit dem Potenzial, seine stolze Karriere zu beenden.

Schuld am Schatten, der auf Kengeter fällt, ist ein junger Händler, der seit zwei Wochen vor einem Londoner Strafgericht steht. Thomas Hayes heisst er, ist 35 Jahre alt und gilt als Kopf einer verschworenen Truppe, die bis 2010 systematisch den Referenzzinssatz Libor ­manipuliert hatte.

Beim Prozess gegen Hayes drehen sich die Vorwürfe vor allem um dessen Zeit bei der UBS in Tokio von 2006 bis 2009. Was Hayes damals getan hatte, gab der Trader in stundenlangen Verhören zu. Seine Aussagen gelangen nun im Gerichtsverfahren an die Öffentlichkeit.

Die Schockwellen reichten am Mittwoch bis Frankfurt. Dort sitzt Carsten Kengeter seit Anfang Woche im Chef­sessel. Der in der Schweiz bekannte Spitzenbanker wechselte im Herbst 2008, als die UBS vom Staat gerettet werden musste, von Goldman Sachs zur Schweizer Grossbank und wurde dort Chef des weltweiten Zinsen- und Devisen­geschäfts.

1,7 Milliarden Strafe für die UBS

Der angeklagte Hayes war scheinbar weit weg von Kengeter, in Japan und ­einige Hierarchiestufen weiter unten. Doch Hayes sollte die Bank teuer zu ­stehen kommen. Wegen seiner Absprachen mit Händlern bei anderen Banken mit dem Ziel, den Libor zu steuern, musste die UBS 1,7 Milliarden Dollar Strafe zahlen – Rekord.

Die Absprachen seien ein derart offenes Geheimnis innerhalb der UBS gewesen, dass alle Involvierten darum gewusst hätten, behauptete Hayes in seinen Verhören. Diese trugen die Ankläger der Jury vor. Laut Hayes sei an Meetings freimütig darüber gesprochen worden.

«Es war zu verbreitet und lag zu offen da, als dass es die Leute nicht gemerkt hätten», sagte der 35-jährige Hayes in seinen Einvernahmen. Laut Hayes, der als leicht autistisch gilt, habe das Wissen bis zuoberst gereicht. Carsten Kengeter sei selber an einem Meeting in Tokio dabei gewesen, als er, Hayes, offen über Möglichkeiten gesprochen habe, den ­Libor zu beeinflussen.

Die Nachricht sorgte für Aufregung. Kengeter kamen die Vorwürfe unge­legen. Als neuer starker Mann hatte er eben Expansionspläne für seine Deutsche Börse skizziert. Nun muss er sich gegen schwere Anschuldigungen verteidigen. Wegen eines Feiertags war gestern niemand in Frankfurt erreichbar.

Hayes und Kengeter arbeiteten nur kurz zusammen. Wenige Monate nachdem Kengeter bei der UBS angeheuert hatte, verliess Hayes die Grossbank und ging zur amerikanischen Citigroup. Diese entliess ihn 2010, als erste Gerüchte über seine Rolle im Libor-Skandal laut wurden. Ab 2011 ermittelten die Behörden in Grossbritannien und in den USA.

Der bestverdienende UBS-Mann

Da stand Kengeter im Zenit. Der Deutsche hatte im Frühling 2009 vom neuen CEO der UBS Oswald Grübel den Job des Co-Leiters der ganzen Investmentbank erhalten. Anderthalb Jahre später, im September 2010, machte Grübel Kengeter zum alleinigen Chef des Investmentbankings.

Zum hierarchischen Aufstieg kam das grosse Geld. Carsten Kengeter war 2010 mit 9,3 Millionen Franken der bestverdienende UBS-Manager. CEO Grübel gab sich mit 3 Millionen zufrieden. In London, wo Kengeter sein Büro hatte, fragten sich Beobachter, ob der Deutsche Grübel beerben würde.

Es kam anders. Im September 2011 erschütterte der Zweimilliardenverlust von Juniorhändler Kweku Adoboli die Bank. CEO Grübel ging sofort, Kengeter wurde schrittweise entmachtet, bis er Anfang 2013 ebenfalls abtrat. Der Vorfall mit Adoboli und die Machtverschiebung unter Grübel-Nachfolger Sergio Ermotti hatten Kengeter ins Abseits gedrängt. Laut einem Insider war er nie Kronfavorit für den CEO-Job: «Er hatte nicht das nötige Format.»

Erstellt: 04.06.2015, 23:35 Uhr

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Der Prozess gegen den mutmasslichen Drahtzieher des Skandals um manipulierte Libor-Zinsen, Tom Hayes, hat am 26. Mai begonnen. Die britische Straf­verfolgungs­behörde wirft ihm in acht Fällen Ver­schwörung zum Betrug in den Jahren 2006 bis 2010 vor. Damit drohen Hayes zehn Jahre Gefängnis. Der 35-Jährige plädiert auf nicht schuldig. Der Prozess dürfte etwa zwölf Wochen dauern. Mit dem Verfahren erreicht die Aufarbeitung des Zinsskandals eine neue Dimension: Erstmals steht eine Einzelperson vor einem Geschworenengericht. In den vergangenen sieben Jahren haben sich die Regulierer zunächst die Banken vorgeknöpft. Dabei gingen sie unter anderem der Frage nach, ob die internen Kontrollen ausreichten, um Tricksereien zu vermeiden. Etliche Grossbanken wurden zu hohen Strafen verurteilt. (Reuters)

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