Ex-Wegelin-Banker geht bis zum Äussersten

Deutschland will Roger K. nach Amerika ausliefern. Dieser wehrt sich, obwohl seine finanziellen Mittel begrenzt sind. Der Erfolg bleibt aus.

Die USA werfen K. vor, zusammen mit «Mitverschwörern» US-Kunden beim Verstecken von Vermögen bei der Bank Wegelin geholfen zu haben: Wegelin-Hauptsitz in St. Gallen 2012. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Die USA werfen K. vor, zusammen mit «Mitverschwörern» US-Kunden beim Verstecken von Vermögen bei der Bank Wegelin geholfen zu haben: Wegelin-Hauptsitz in St. Gallen 2012. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Roger K.s Verhaftung im Flughafen Frankfurt liegt bald elf Monate zurück. Nun ist ein rechtsgültiger Entscheid, wonach der frühere Vermögensberater der Privatbank Wegelin den USA überstellt wird, nach monatelanger Haft und sich türmenden Aktenbergen gefallen. Dem Schweizer, der aus gutbürgerlichem Haus stammt, jedoch nicht auf Rosen gebettet ist, bleibt nur noch eine Verfassungsbeschwerde. Ob er eine solche einreicht, ist offen.

Banker K. liess nichts unversucht. Nachdem der 2. Strafsenat des Oberlandesgerichts Frankfurt im Oktober gegen Roger K. entschieden und dem Antrag der USA auf seine Auslieferung stattgegeben hatte, gab der 51-Jährige nicht nach. Im Gegenteil: K., der seit September gegen Kaution auf freiem Fuss ist, sich aber regelmässig in Deutschland melden muss, beschloss zu kämpfen – bis zum Äussersten.

Entscheid verzögerte sich

Unmittelbar nach dem negativen Beschluss stellte er einen zweiten Antrag, erneut beim 2. Strafsenat. Das ist nach dem «Gesetz über die internationale Rechtshilfe in Strafsachen» möglich. K.s Anwälte beriefen sich dabei auf einen Paragrafen, mit dem sie die «Zulässigkeit» der Auslieferung ihres Mandanten nochmals gerichtlich prüfen lassen können. Offenbar glaubten K.s Juristen an eine Chance. Schliesslich hatten die Richter bei der ersten Prüfung nur in «einigen Fällen» auf Beihilfe zu Steuerhinterziehung von US-Kunden geurteilt, in «anderen Fällen» nicht.

Der Entscheid der zweiten Runde hätte ursprünglich vor Weihnachten fallen sollen, wie eine Sprecherin des Gerichts auf Anfrage sagte. Das Prozedere zog sich dann aber wegen einer krankheitsbedingten Absenz eines Richters in die Länge. Nun hat das Gericht der Auslieferung an die Amerikaner zum zweiten Mal zugestimmt. Zuletzt muss das Auswärtige Amt in Berlin endgültig entscheiden, ob Deutschland den Schweizer in die USA überstellt

Der erbitterte Widerstand macht deutlich, was auf dem Spiel steht.

Der erbitterte Widerstand des Ex-Wegelin-Kundenberaters macht deutlich, was auf dem Spiel steht. In erster Linie für den Betroffenen. Dieser wird seit Anfang 2012 mittels eines internationalen Haftbefehls gesucht. Die USA werfen K. vor, zusammen mit «Mitverschwörern» amerikanischen Kunden beim Verstecken von Vermögen bei der Bank Wegelin geholfen zu haben, um ihre Steuern in der Heimat zu vermeiden. In seiner Anklageschrift gegen K. und zwei weitere Ex-Wegelin-Banker teilt Preet Bharara, der bekannte Staatsanwalt von Manhattan, heftig aus. Er und seine Ermittler werfen den drei Schweizern Beihilfe zu Steuerhinterziehung in mehr als 100 Fällen vor. Die dank der Hilfe der Banker versteckt gehaltene Summe belaufe sich auf 1,2 Milliarden Dollar – eine gigantische Zahl.

Besonders streichen Bharara & Co. hervor, wie K. und seine «Mitverschwörer» auch nach Bekanntwerden der US-Ermittlungen gegen die UBS im Frühling 2008 «Dutzende von Amerika-Kunden» bei sich und der Bank Wegelin aufgenommen hätten. Der Grund: Die Swiss Banker sollen als wissentlich handelnde Verbrecher dastehen. In der Anklage steht denn auch, dass K. und seine Wegelin-Kollegen ab 2008 das US-Schwarzgeld und die damit generierten Gebühren «substanziell» erhöhen konnten.

Mehrjährige Haftstrafe riskiert

Die schweren Vorwürfe kontrastieren mit dem Befund der Frankfurter Richter. Diese werfen Roger K. Beihilfe zur Steuerhinterziehung lediglich für rund 100'000 Dollar vor. Dem Familienvater hilft das wenig. Laut einer Quelle aus dem Umfeld der alten Wegelin-Bank – diese musste im Zuge des zähen Steuerdisputs 2012 aufgeben – könnten die US-Strafverfolger in einem Prozess Roger K. trotz den deutschen Vorbehalten für viel mehr, nämlich die genannten 1,2 Milliarden Dollar, belasten. Entsprechend riskiere K. eine mehrjährige Gefängnis­strafe.

Für den Banker, der vor Wegelin für die Bank Vontobel gearbeitet hatte, könnte nachteilig sein, dass die US-Justiz eine Scharte auszuwetzen hat. Im Herbst 2014 mussten die US-Ankläger im Prozess gegen Raoul Weil, den ehemaligen Topshot der UBS, eine herbe Niederlage einstecken. Eine Jury in Florida hatte Weil im Rekordtempo freigesprochen. Mit dem kürzlich publizierten Buch über seine Erlebnisse hat dieser es nun auf die Bestsellerliste geschafft.

Während Raoul Weil dank einer Versicherung seiner einstigen Arbeitgeberin UBS finanziell abgesichert war und sich entsprechend ein teures Anwaltsteam leisten konnte, sind die Ressourcen von Roger K. begrenzt. Umso mehr erstaunt, dass er bis zuletzt kämpft. Wird er unterstützt? Eine Nichtauslieferung von K. wäre für dessen Ex-Chefs bei der Wegelin-Bank von Vorteil. Im Falle eines Prozesses müssten sie nämlich befürchten, dass K. sie belastet.

Otto Bruderer, neben Konrad Hummler der leitende Partner bei Wegelin, wollte keine Stellung nehmen zur Frage, ob er K. finanziell zur Seite stehe. Es handle sich um ein laufendes Verfahren, deshalb «kann und will» die Wen AG – das ist die Rechtsnachfolgerin der einstigen Wegelin-Bank, dessen Nicht-US-Geschäft an Raiffeisen verkauft wurde – «keine Stellungnahme abgeben», hält Bruderer fest.

Erstellt: 27.12.2015, 23:19 Uhr

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