«Extreme Volatilität führt zu Panik»

Panik an der Börse, Verunsicherung bei den Bankkunden: Vielleicht tut die Aufregung ganz gut, findet Wirtschaftspsychologe Christian Fichter.

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Notenbündel in Schliessfächern lagern, Geld vergolden lassen oder zu Hause horten: Ist das bloss vorsichtig oder sind das bereits Panik-Aktionen?
Beides. Die Grenze zwischen Panik und Vorsichtsmassnahmen ist fliessend. Wenn zu viele Leute Vorsichtsmassnahmen treffen, kann das Angst auslösen. Wie in einem Stadion: Stürmen zu viele Leute Richtung Ausgang, weil irgendwo eine Leuchtrakete brennt, strömen immer mehr zu den Toren und es kommt zu einer Massenpanik. Dasselbe kann man im Moment an den Finanzmärkten beobachten. Extreme Volatilität führt zu Panik.

Ist dieses Verhalten «irrational»?
Man kann das so nicht verurteilen. Der Mensch hat gewisse Programme, die sein Verhalten steuern. Die machen zum Beispiel, dass er mit der Herde mitläuft – weil sich das in der Evolution als sinnvoll erwiesen hat. Objektiv gesehen mag es unvernünftig sein, jetzt Geld abzuheben und es zu Hause unter der Matratze zu verstecken. Aber es ist trotzdem auch verständlich. Denn: Bargeld ist ein vermeintlich sicherer Wert – und viele andere tun es ja auch. Doch kann man seine Panik kurz ausblenden, merkt man: Das ist gar nicht vernünftig. Denn machen das alle so, bricht unser Bankensystem ein, weil wir den Banken einen Teil der Kapitalgrundlage entziehen. Sich aus dieser Panik zu lösen, gestaltet sich jedoch für den einzelnen sehr schwierig.

Wie kann man selber noch rational handeln, wenn die Börse von Panik beherrscht wird?
Das ist nicht leicht. Nehmen Sie an, Sie befinden sich in einer Lebenskrise. Und dann sagt Ihnen Ihr Therapeut: «Kein Problem: Beruhigen Sie sich einfach und seien Sie vernünftig!» Wir wissen alle, dass das nicht so einfach ist. Sich in Gelassenheit zu üben, wäre dennoch im Moment wohl das Beste für die am Finanzmarkt Beteiligten.

Die einen horten das Geld, die anderen spekulieren: Wie lassen sich diese Unterschiede erklären?
Beides sind Bewältigungsstrategien. Die eine bedeutet absolute Sicherheit und die andere volles Risiko – oder zumindest erhöhtes Risiko, denn viele, die Daytrading betreiben, sind sich der Risiken nicht bewusst. Grundsätzlich haben alle Menschen nun das Bedürfnis, ihre finanzielle Sicherheit zu überprüfen und zu gewährleisten. Doch die Umsetzung dieses Sicherheitsbestrebens ist je nach Charakter und Background unterschiedlich.

Warum versagen die Experten?
In dieser Ausnahmesituation spielt das Wissen eine untergeordnete Rolle. Ich kann auch nicht sagen, was man im Moment tun sollte. Niemand kann das. Und wer behauptet, ein Rezept zu haben, um aus dieser Krise zu finden, ist in meinen Augen nicht seriös. Im Nachhinein werden wir jemanden finden, der für den 24. Oktober das Richtige vorausgesagt hat. Doch wer das sein wird und was er sagt, kann man nur vermuten.

Welche Massnahme könnte eine «Deeskalation» provozieren?
Ich halte eine gewisse Eskalation für reinigend. Womöglich hilft sie uns, wieder in Werte zu investieren, die wirklich existieren. Wir wollen keine Bubbles mehr. Das sind ja keine Luftblasen, das sind Gasblasen, die zu einem regelrechten Inferno in der Wirtschaft führen. Ich halte einen Kompromiss, wie ihn uns Deutschland vormacht, für sinnvoll: einerseits stützen und Hilfe anbieten, andererseits regulatorisch klare Änderungen vornehmen. Nur so kommt das Gefühl zurück, dass es sinnvoll ist, sich am Markt zu beteiligen. Die Vergabe von faulen Krediten, Boni in Milliardenhöhe, dieser ganze Wasserkopf, der sich in der Wirtschaft angesammelt hat, muss weg.

Macht die Schweizer Politik das Richtige, um das Vertrauen in Banken und Finanzmarkt zu reparieren?
Teilweise. Ich fand es persönlich nicht ideal, dass der Bundesrat die UBS stützt. Und auch wie er es kommunizierte: Wenn das Volk schon nicht Ja oder Nein sagen kann, hätte die Aktion vielleicht besser im stillen Kämmerchen stattfinden sollen. Hätten sich Bundesrat und UBS-Führung geeinigt, dass man im schlimmsten Fall von Illiquidität einspringt, wäre mir das lieber gewesen. Und auch besser für das internationale Ansehen des Finanzplatzes Schweiz – hier hat man meiner Meinung nach eine grosse Chance verpasst. Ausserdem: Dass die Schweiz die UBS unterstützt, bedeutet eher einen Vertrauensverlust als einen Vertrauensgewinn. Waren vorher schon Zweifel an der Kapitalkraft der UBS vorhanden, dann wurden diese doch erst recht genährt.

Könnte sich die Lage nach den US-Wahlen drehen?
Auf jeden Fall. Man darf nicht vergessen, wo das Ganze angefangen hat: Mit der Subprime-Krise, den Steuersenkungen und dem enormen finanziellen Aufwand, den George W. Bush in Krieg gegen Terrorismus gesteckt hat. Das war der eigentliche Keimpunkt der Krise: die übermässige deregulierte US-Kreditwirtschaft. Schon wenn McCain kommt, wäre das also eine Verbesserung. Doch Obama ist bestimmt die bessere Wahl, allein schon um die Märkte zu beruhigen.

Erstellt: 24.10.2008, 14:17 Uhr

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