Hintergrund

Familie Peugeot muss das Lenkrad abgeben

Nach zwei Jahrhunderten verliert die Familie Peugeot die Kontrolle über ihren Autokonzern. Der französische Staat und der chinesische Partner Dongfeng greifen rettend ein.

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Für einmal ist das Prädikat «historisch» wohl nicht zu hoch gegriffen. An der ­Pariser Avenue de la Grande-Armée, im Büroturm von Peugeot, hat sich gestern Geschichtsträchtiges zugetragen. 204 Jahre nach der Gründung der Firma, die immer wie eines der glanzvollsten Aushängeschilder der französischen Industrie gefeiert wurde, hat ihr Verwaltungsrat eine Zäsur beschlossen und öffnet das Kapital dem französischen Staat und dem chinesischen Autofabrikanten Dongfeng. Beide investieren 800 Millionen Euro und werden künftig je 14 Prozent der Stimmrechte besitzen – gleich viel wie die Familie Peugeot, die Kontrolle und Vorsitz abgeben wird.

Freunden des alten Familienkapitalismus, der ja gerade im Autogeschäft einst mächtig und glamourös war, muss der Tag wie eine weitere bittere Konzession an die Turboglobalisierung und den wachsenden Gigantismus in der Branche vorkommen. Die Zeitung «Le Parisien» nennt es eine «Kulturrevolution». «Le Monde» schreibt: «Was vor einigen Jahren noch unvorstellbar gewesen wäre, wird nun tatsächlich Realität.»

Die Peugeots bremsen nicht freiwillig, sie hatten keine Wahl. PSA, wie der Grosskonzern nach der Einverleibung von Citroën heisst, erlebt die grösste Krise seiner Geschichte. Sein Marktanteil sinkt zusehends: In Europa beträgt er noch 12 Prozent, und die Schwellenländer können den Ausfall wegen mangelhafter Internationalisierung nicht kompensieren. 2012 schrieb PSA einen Rekordverlust von 5  Milliarden Euro und musste eines seiner grossen Werke, die Fabrik in Aulnay-sous-Bois bei Paris, definitiv schliessen. Der Staat sprang schon einmal ein und rettete mit 7 Milliarden Euro PSA Finance, die Bank des Konzerns.

Der Streit der Cousins

Trotz dieser düsteren Entwicklung wehrte sich Thierry Peugeot, der abtretende Präsident des Verwaltungsrates, bis zuletzt gegen eine Lösung, die das Ende der dynastischen Kontrolle bedeuten würde. Er sah sich als stolzer Erbverwalter und balgte sich mit seinen beiden Cousins, mit denen er die Macht seit dem Tod des letzten grossen Patriarchen, Pierre Peugeot, teilte. Der hatte seine Nachfolge nicht rechtzeitig geregelt, ­bevor er 2002 mit erst 70 starb. Und so passierte in der 8. Generation, was in ­solchen Fällen oft passiert: Es gab viel böses Blut, als die Erben über Zuständigkeiten und Posten stritten. Fast drei ­Wochen brauchten sie, um sich zu einigen. Der Grundzwist aber überlebte.

Man war sich in den letzten zwölf Jahren selten einig über die Strategie des Konzerns und warf sich gegenseitig Raubbau am Vermächtnis vor. Vor allem aber investierten die Peugeots die beträchtlichen Dividenden, die sie in guten Zeiten eingestrichen hatten, nicht in die Entwicklung der Marke, als diese es am meisten gebraucht hätte. Thierry Peugeot suchte nach kräftigen westlichen Partnern, fand aber keinen, der zum Unternehmen gepasst hätte. Und so blieb am Ende nur eine Allianz mit dem staatlichen chinesischen Hersteller Dongfeng, mit dem Peugeot schon seit 20 Jahren kooperiert und gemeinsam Fabriken in China betreibt. Dongfeng kam die Not des Alliierten nicht ungelegen: Man will wachsen, man hat Geld – man hätte ganz gerne die Kontrolle übernommen.

Diese Aussicht wiederum alarmierte den französischen Staat, der es aus Wirtschaftspatriotismus nicht verwunden hätte, wenn dieses nationale Aushängeschild nach China verkauft worden wäre. Peugeot wurde zum systemrelevanten und strategisch unverzichtbaren Unternehmen erklärt, eine Stellung, die es auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor hat: 91'000 Mitarbeiter beschäftigt der Konzern in Frankreich, weitere 200'000 Jobs hängen an Zulieferdiensten für Peugeot. Frankreichs sozialistische Regierung fürchtete, die Chinesen würden ­rabiat restrukturieren und Stellen streichen, was ihrer eigenen, bereits arg ­angeschlagenen Popularität nicht eben einträglich gewesen wäre. Nun wird die Regierung mitreden können.

Wunschkandidat Louis Gallois

Man verweist in Paris gerne darauf, dass die US-Regierung vor einigen Jahren General Motors auch vor dem Niedergang gerettet und in kurzer Zeit zu neuem Erfolg geführt habe. Weniger gerne redet man darüber, dass dafür zunächst einmal viele Jobs geopfert werden mussten. Der französische Staat, und auch das ist eine erstaunliche Entwicklung, wird nun bald bei beiden grossen nationalen Autobauern in den Entscheidungsgremien sitzen: An Renault, dem es dank der ­Allianz mit Nissan und einem aggressiveren Expansionskurs deutlich besser geht als PSA, hält die französische Regierung 15 Prozent. Und Renault hat in den letzten Jahren mächtig delokalisiert. Ob der Staat nun auch bei Peugeot einer Verlagerung von Werken und Stellen ins Ausland zustimmt? Gerät er da vielleicht sogar in einen Interessenkonflikt?

Als neuer Chef von Peugeot wird Louis Gallois gehandelt, der ehemalige Chef der Airbus Group (vormals EADS), ein hoher Staatsfunktionär mit ungetrübtem Renommee. Er ist der Wunschkandidat der Regierung. Das operative Geschäft wird bald jener Mann verantworten, der sich beim Rivalen Renault in 23 Jahren bis zur Nummer 2 emporgearbeitet hatte: Carlos Tavares, ein «Car Guy», dem der Ruf vorauseilt, ein harter Sanierer zu sein. Er soll schnell neue, spannendere Modelle auf den Markt bringen und neue Märkte erschliessen: mehr Südamerika, Asien und Russland. Einen neuen und umweltfreundlicheren Motor, den Hybrid Air, soll er auch fertig entwickeln. Er soll möglichst viel aus der Allianz mit den Chinesen herausholen. Und er soll dem alten Familiennamen neuen Glanz verleihen, gerade jetzt, da die Familie verblasst.

Erstellt: 18.02.2014, 20:31 Uhr

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