Fast ein moderner Henry Ford

Seine Firma stellt Elektronik- und Computerteile für iPhones, Nokia-Handys oder HP-Notebooks her. Er selbst würde als moderner Henry Ford gelten, wenn nicht einige seiner Angestellten in den Tod gesprungen wären.

Alles begann mit einem 7500-Dollar-Kredit der Mutter. Heute ist Terry Gou der reichste Mann Taiwans.

Alles begann mit einem 7500-Dollar-Kredit der Mutter. Heute ist Terry Gou der reichste Mann Taiwans. Bild: Keystone

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Es war eine aussergewöhnliche Feier auf dem Fabrikgelände in Shenzhen, wo eine Armee von 300'000 Foxconn-Angestellten isst, schläft und iPhones, Sony-Playstations und Dell-Computer am Fliessband produziert. Auf eine von Vuvuzela-Getröte begleitete Parade verkleideter Arbeiter folgte eine Show – durchsetzt von Sprechgesängen wie «Schätze dein Leben» und «Gemeinsam bauen wir eine wundervolle Zukunft.»

Die Gewerkschaften und das Management des Konzerns hatten das Fest gemeinsam organisiert, um die kollektive Psyche der chinesischen Arbeitskräfte – über 920'000 verteilt auf 20 Fabriken – aufzurichten, nachdem sich elf Angestellte in der ersten Jahreshälfte zu Tode gestürzt hatten, meist von den Wohnheimen des Konzerns. Die Suizidserie hatte das in Taipeh beheimatete Unternehmen und seinen öffentlichkeitsscheuen Gründer, Terry Gou, auf die schrecklichste Art ins Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit katapultiert: als industrielles Monster, das Arbeiter wie Roboter behandelt und primär junge Leute vom Land einsetzt, um Produkte wie das iPhone unglaublich billig herzustellen.

Fabrikareal wie eine Stadt

Die verlorenen Leben waren eine Einladung an Konsumenten im Westen, über die wahren Kosten ihrer elektronischen Spielzeuge nachzudenken. Zumal eine Studie unlängst auch noch zutage förderte, dass die Angestellten des Konzerns durchschnittlich 83,2 Überstunden im Monat leisten. Für die imagebewussten Foxconn-Kunden von Microsoft über Nokia, Sony und HP bis hin zu Apple war die Suizidserie ein PR-Albtraum, der die Auslagerung der Produktion infrage stellte. Dass Foxconn langsam und unbeholfen reagierte, machte das Ganze noch schlimmer.

Nach dem neunten Suizid erst setzte das Krisenmanagement voll ein: 3 Millionen Quadratmeter gelber Auffangnetze wurden um die Gebäude verlegt und ein Beratungsdienst mit 100 Sozialarbeitern eingerichtet. Das Management hob die Löhne der Arbeitenden in Shenzhen um ein Drittel auf umgerechnet rund 170 Franken im Monat an. Schliesslich engagierte der Konzern eine New Yorker PR-Agentur, eine Strategie für die Öffentlichkeitsarbeit zu entwickeln; die erste in der 35-jährigen Firmengeschichte. So haben ausgewählte Medien erstmals Zugang zu den Werkstätten erhalten. So konnten sie Terry Gou treffen.

Der reichste Mann Taiwans

Der Eingang zum Firmengelände in Shenzhen gleicht einem Grenzposten: mit sieben Spuren und Uniformierten in Kontrollhäuschen. Das Areal dahinter sieht aus wie eine Stadt: mit Fastfood-Restaurants, Bancomaten, Swimmingpools, riesigen LED-Schirmen, über die Werbespots und Trickfilme laufen, und einem Buchladen, der Biografien von Gou in der Auslage hat und eine Sammlung seiner Sprüche wie «hungrige Leute haben einen klaren Kopf» und «eine Armee ist leicht zu bilden, aber einen General zu finden, ist schwer».

Foxconn ist heute Chinas grösster Exporteur und sein General der reichste Mann Taiwans. Das Wirtschaftsmagazin «Forbes» schätzt sein Vermögen auf 5,9?Milliarden Dollar. Gou selbst behauptet in seinem amerikanisch gefärbten Englisch, das er sich auf US-Reisen angeeignet hat: «Mir fehlt der Überblick.»

«Der beste Verkäufer weltweit»

Sein Unternehmen hat er mit einem 7500-Dollar-Kredit seiner Mutter gegründet. Sein erstes Hauptquartier war ein Schuppen, den er 1974 in einem schmuddeligen Vorort von Taipeh mietete. Gou, damals 23-jährig, hatte nach einer Lehre und dem Militärdienst eine Zeit lang für ein Schiffsunternehmen gearbeitet und Einblick in die boomende Exportwirtschaft erhalten. Mit dem Geld seiner Mutter kaufte er einige Plastikform-Maschinen und begann Bedienungsknöpfe für Schwarzweissfernseher herzustellen. Schon bald zählten Zenith und Philips zu seinen Kunden – und er übte, seine Unterschrift in Buchstaben zu schreiben.

1980 zog er von Atari den Auftrag für die Stecker an Land, die den Joystick mit der Videospielkonsole 2600 verbanden. Doch Gou war nicht zufrieden damit, Lieferant einfacher Teile zu sein. Er liess neue Technologien für die Kabelproduktion entwickeln, beantragte Patente und bemühte sich, Fuss auf dem US-Markt zu fassen. Innerhalb von elf Monaten bereiste er 32 Bundesstaaten, fuhr bei Firmen unangekündigt in einer Lincoln-Limousine vor und übernachtete auch einmal auf dem Rücksitz, um Kosten zu sparen. In Raleigh, North Carolina, benötigte er drei Tage, um einen Termin bei IBM zu erhalten. «Gou ist einer der besten Verkäufer weltweit», sagt Max Fang, ein früherer Einkaufschef von Dell. «Er ist sehr aggressiv und lässt nie locker.»

Als der taiwanische Arbeitsmarkt ausgeschöpft war und die Löhne stiegen, begannen viele Firmen in Malaysia, Thailand oder auf den Philippinen zu produzieren. China lag zwar näher und verfügte über ein grenzenloses Reservoir an billigen Arbeitskräften, aber die meisten Unternehmen schreckten vor der schlechten Infrastruktur und der kommunistischen Regierung zurück. Gou aber baute eine Fabrik in Shenzhen und brachte seine Holding, Hon Hai Precision Industry, 1991 an Taiwans Börse, um die Expansion zu finanzieren.

Das harte Los der Angestellten

Nach dem Vorbild von Henry Ford setzte er auf vertikale Integration, also die Produktion seines eigenen Materials, und auf Leistungsmaximierung am Fliessband. Schnell realisierte er, dass er Unterkunft, Verpflegung und Gesundheitsversorgung selbst bieten musste, wollte er in China effizient produzieren. Was Ford einst in Michigan getan hatte, vollbrachte Gou in Shenzhen.

1996 offerierte er die Notebook-Gehäuse für Compaq (heute HP) zu einem Bruchteil dessen, was der Eigenbau die Firma kostete. «Er hat den Mut, alles in grossem Massstab zu machen», so Max Fang. «Die Produktionskette organisierte er in der Fabrik effektiv durch, am einen Ende wurde Metallblech geschnitten, zu Deckeln und Böden von Notebooks geformt, geschweisst und gestempelt. Dann wurden Floppydrive, Batterie und Stromanschluss am Fliessband eingebaut und das Ganze den Kunden geliefert. Das war eine Revolution.»

Hohe Gewinnmargen

Die Entwicklung zum weltgrössten Hersteller von Unterhaltungselektronik wurde in den westlichen Medien kaum wahrgenommen. Das änderte sich, als die britische Zeitung «Daily Mail» 2006 einen Artikel über das harte Los der Angestellten in der iPod-Fabrik von Foxconn publizierte. Gous erste Reaktion war ein Gegenangriff. Das veranlasste Apple, ein Team nach Shenzhen zu entsenden. Dieses beanstandete von exzessiven Überstunden bis zu inakzeptablen Unterkünften in Dreistockbetten so manches und verlangte Anpassungen. Ein Kappen der Geschäftsbeziehung stand für Apple-Chef Steve Jobs aber ausser Diskussion, zumal die Vorbereitungen für die Herstellung des nächsten Apple-Gadgets, des iPhones, bereits angelaufen waren. «Steve Jobs’ Erfolge sind undenkbar ohne Terry», sagt Chang Tien-wen, der Autor eines Buches über Gous Marktstrategie mit dem Titel «The Tiger and the Fox».

Die Krise ging vorbei, und Gou, hungrig nach Wachstum, begann sich für den Notebook-Markt zu interessieren, den die taiwanischen Konzerne Quanta, Compal und Wistron dominierten: alles Foxconn-Kunden, die Komponenten für mehrere Milliarden Dollar jährlich kauften. Die eigenen Kunden zu rivalisieren, ist riskant, aber Gou rechnete: Die Zeit, die jene brauchen würden, neue Lieferanten zu finden, würde ihm genügen, von ihnen ausreichend Marktanteile zu erobern, um sich durchzusetzen.

Das ist das Schöne am Foxconn-Modell: Die Gewinnmarge der Einzelteile, welche die Firma für die Geräte liefert, ist so hoch, dass Foxconn bei der abschliessenden Montage, wenn es um Kunden wie Dell, Nokia oder Sony geht, auf den Gewinn verzichtet – oder sogar einen Verlust in Kauf nimmt. Analysten erwarten, dass die Hon-Hai-Holding ihren Umsatz im laufenden Jahr um 40 Prozent steigern wird, auf 85 Milliarden Dollar. Das Geschäft beruht längst nicht mehr nur auf Billigarbeitskräften. Foxconn beschäftigt heute 50'000 Werkzeugmacher und 2000 Designer. So war es Terry Gou möglich, für das spezielle Metallgehäuse des iPhone 4 innert Nullkommanichts eine völlig neue Produktionslinie aus dem Boden zu stampfen.

Ein Mann der Extreme

Der Foxconn-Boss, der seine Zeit normalerweise zwischen den Hauptquartieren des Konzerns in China und Taiwan aufteilt, wohnt seit fünf Monaten in einem Raum hinter seinem Büro in Shenzhen, als oberster Krisenmanager. Er sagt, dass er täglich 16 Stunden arbeite und drei Mahlzeiten am Pult esse. Seit Monaten habe er kein Golf mehr gespielt.

Zuvor hatte sein Privatleben Taiwans Boulevardmedien einige Schlagzeilen geliefert. Serena, fast 30 Jahre lang seine Frau und Mutter seiner erwachsenen Kinder, starb 2005 an Krebs. Danach begann sich Gou mehr für das Leben jenseits der Fabriktore zu interessieren. Er nahm Yogakurse, führte seine Mutter regelmässig zum Nudelessen aus, engagierte sich stärker in seiner wohltätigen Stiftung und ging den chinesischen Wurzeln seiner Familie nach.

Streng und gütig

Immer häufiger erschienen Fotos, die ihn mit jungen Frauen zeigten. Schliesslich entschied er sich für Delia Tseng, eine 24 Jahre jüngere Tanzlehrerin, die angeheuert worden war, um ihn auf den Foxconn-Ball zum chinesischen Neujahrsfest vorzubereiten, wo er Tango mit einem Topmodel tanzen wollte. Die beiden heirateten 2008 im Grand Hyatt Hotel in Taipeh. Während des Empfangs entledigte sich Terry Gou seines Smoking-Jacketts und machte 30 Liegestütze, um seine Manneskraft zu beweisen. Neun Monate und vier Tage später brachte Delia eine Tochter zur Welt.

Gou vereinige Extreme, so ein einstiger Foxconn-Manager. Als Chef lege er Strenge sowie Güte an den Tag. An einer internen Konferenz letztes Jahr, wo die zu wenig rentable Handy-Abteilung zur Debatte stand, hiess Gou einen Manager, dessen Antworten er als ungenügend empfand, zehn Minuten vor der versammelten Hundertschaft stehen zu bleiben. Doch Gou stellt auch Belohnungen zur Show. Der Foxconn-Boss, der offiziell nur einen Lohn von 3 Taiwan-Dollar bezieht, das sind 9 Rappen, bezahlt die Boni der Topmanager laut Analysten aus dem eigenen Sack, von seiner Dividende. Und als ersten Preis für die Neujahrs-Tombola des Konzerns 2008 stiftete er 300 000 Aktien. Die sind heute 1 Million Dollar wert.

Originalfassung: Bloomberg. Übersetzung aus dem Englischen: Manuela Kessler

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.10.2010, 12:00 Uhr

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