Finanzkrise macht Mafia noch gefährlicher

Im Bereich der organisierten Kriminalität wurden im letzten Jahr 130 Milliarden Euro umgesetzt. Jeden Tag nimmt die Mafia 250 Millionen Euro an Schutzgeldern ein.

Noch zu seltene Erfolge: Pasquale Condello, einer der Bosse der 'Ndrangheta wurde im Februar verhaftet.

Noch zu seltene Erfolge: Pasquale Condello, einer der Bosse der 'Ndrangheta wurde im Februar verhaftet. Bild: Keystone

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Die Liste der «Unternehmenssparten» ist lang. Drogen- und Waffenhandel, Geldwäsche und Schutzgelderpressung, Prostitution, Entsorgung von illegalem Müll und der Handel mit gefälschten Agrarprodukten sind nur die wichtigsten, mit denen die Mafia in Italien jedes Jahr Milliarden umsetzt. Nach neuesten Schätzungen des Händlerverbandes Confesercenti, der rund 270'000 Mitglieder hat, ist die Mafia längst das grösste «Unternehmen» Italiens.

Allein im vergangenen Jahr, haben die vier grossen Mafiaorganisationen, die Cosa Nostra in Sizilien, die Ndrangheta in Kalabrien, die Camorra rund um Neapel und die Sacra Corona Unita in Apulien, rund 130 Milliarden Euro umgesetzt und einen Gewinn von 70 Milliarden Euro eingestrichen. Zieht man die Einnahmen durch Schutzgelderpressung ab und beschränkt die Umsätze auf reinen «Handel», bleiben immer noch mehr als 92 Milliarden Euro übrig, fast 7 Prozent des italienischen Bruttoinlandprodukts.

Wie einträglich aber auch das Geschäft mit dem «pizzo» ist, rechnete Marco Venturi, der Präsident des Verbandes, bei der Präsentation des neuesten Berichts «SOS Impresa» in Rom besorgt vor. Etwa 180'000 Unternehmen und kleine Betriebe, die meisten davon in Süditalien, müssen die örtlichen Mafiabosse teuer für ihre Geschäfte bezahlen. So kostet es in Palermo einen Euro täglich, einen Marktstand zu betreiben, in Neapel immerhin 5 bis 10 Euro. Wer ein kleines Geschäft betreibt, muss dafür in der sizilianischen Metropole durchschnittlich 200 bis 500 Euro pro Monat hinlegen, in Neapel 100 bis 200. Handelt es sich um einen etwas teureren Laden in guter Lage, steigt der Obolus auf 500 bis 1000 Euro im Monat, für einen Supermarkt sind gar zwischen 3000 und 5000 Euro zu entrichten. «Jeden Tag presst die Mafia Geschäftsleuten etwa 250 Millionen Euro ab», so Venturi. «Das sind 10 Millionen in der Stunde und 160 000 jede Minute.» Alarmiert zeigten sich die Händler auch über die Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise. Italien zählt zu jenen europäischen Ländern, die als erste ein eine Rezession schlittern werden. Weil auch die italienischen Banken immer weniger Kredite vergeben, sind viele kleine Geschäftsleute gezwungen, sich andernorts Geld zu beschaffen. «Die Rückwirkungen auf Süditalien sind noch gar nicht abzuschätzen», warnte Tano Grasso, ein bekannter Anti-Mafia-Aktivist aus Sizilien. Die Finanzkrise, darin sind sich die Händler einig, die auf legalem Weg ihr Geld verdienen, mache die Mafia noch gefährlicher.

BILD HANS MADEJ/GRUPPE 28

Pro Marktstand muss ein Euro Schutzgeld am Tag bezahlt werden: Strassenhändler in Palermo, Sizilien. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2008, 06:33 Uhr

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