Finma hat Angst vor Krise bei Raiffeisen

Die Genossenschaftsbank könne zu wenig rasch auf Schieflagen reagieren, findet die Finanzmarktaufsicht.

Die Bankgruppe muss eine Umwandlung ihrer Zentrale in eine Aktiengesellschaft prüfen: Raiffeisen-Filiale.

Die Bankgruppe muss eine Umwandlung ihrer Zentrale in eine Aktiengesellschaft prüfen: Raiffeisen-Filiale.

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St. Gallen Der ehemalige Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz hat die einstmals verschlafene Genossenschaftsbank zu einer der bedeutendsten Bankengruppen der Schweiz geformt. Im Hypothekengeschäft ist Raiffeisen Marktführer. Die Bilanzsumme ist auf 227 Milliarden Franken angewachsen. Sie hat für mehr als 170 Milliarden Franken Hypotheken finanziert, das Volumen hat sich in den vergangenen zehn Jahren etwa verdoppelt. Damit ist sie systemrelevant. Das heisst, käme die Bank in Schieflage, wäre das ein Problem für die ganze Volkswirtschaft.

Diese Woche warnte die Schweizerische Nationalbank vor den steigenden Risiken auf dem Hypothekenmarkt. Eine drohende Preiskorrektur bei den Häuserpreisen könne die auf das Immobiliengeschäft fokussierten Banken hart treffen. Raiffeisen muss sich daher auf eine Krise vorbereiten. Auch das Genossenschaftsmodell steht dabei auf der Kippe. Die Finanzmarktaufsicht (Finma) verlangt, dass Raiffeisen prüft, was es bringen würde, wenn die Bank statt einer Genossenschaft eine Aktiengesellschaft (AG) wäre. Die Umwandlung gälte zwar nur für die Zentrale in St. Gallen, doch stösst nur schon das bei vielen Genossenschaftern auf Ablehnung.

Auch wenn bei den 255 regionalen Genossenschaftsbanken nichts geändert würde, müssten diese einen Weg finden, um die Zentrale angemessen kontrollieren zu können, sagte Finma-Chef Mark Branson vor einer Woche der «NZZ am Sonntag». Die Umwandlung in eine AG verbessere aber nicht nur die Kontrolle, sondern auch die Möglichkeit, in höchster Not zu frischem Kapital zu kommen. «Eine Rechtsform wirkt sich zudem nicht nur auf die Governance aus, sondern auch auf den Zugang zum Kapitalmarkt oder auf die Frage der Abwicklung in einer Krise.»

Bei Ansteckungsgefahr wären die Gegenmittel ungenügend Was die Finma damit genau meint, will die Behörde nicht kommentieren. Gemäss Informationen aus Bankenkreisen geht es offenbar um die Frage, wie die Bank reagiert, wenn eine der 255 Genossenschaftsbanken in Schieflage gerät und sich der Schaden auszuweiten droht. Das bereite der Finma Kopfzerbrechen, so ein Spitzenbanker auf dem Zürcher Finanzplatz. Denn jedes Institut bewirtschaftet seine Bilanz selbst; das sei eine hohe Kunst und dabei könnten Fehler passieren, die sich auf die gesamte Bankengruppe auswirken können, so der Banker. Die Raiffeisen-Gruppe könne dann aufgrund ihrer genossenschaftlichen Struktur nicht schnell genug auf eine drohende Ansteckungsgefahr der einzelnen Banken reagieren. Falls eine Krise ausbricht, könne die Geschäftsleitung in St. Gallen nicht einfach einen Notfallplan diktieren.

Der interimistische Raiffeisen-Präsident Pascal Gantenbein und Bankchef Patrik Gisel widersprechen über das Onlineportal «Finews», dass eine Genossenschaftsbank im Krisenfall schlechter dastehe. Dort schreiben sie, dass sich die Kritik der Finma auf die Corporate Governance beziehe.

Die Ausgestaltung von Risikomanagement und Risikoüberwachung unterscheidet sich schon heute nicht von anderen vergleichbaren Instituten mit anderen Rechtsformen. Auch soll es Raiffeisen bald möglich sein, Partizipationsscheine wie bei einer Aktiengesellschaft herauszugeben. Weil das Parlament die Finanzgesetze Fidleg und Finig angenommen habe, könne die Bank Partizipationsschein-Kapital nutzen, so eine Sprecherin der Bank: «Dies wird es Raiffeisen erlauben, zukünftig auch in Krisensituationen besser Kapital aufzunehmen.»

Aber: Seit einigen Jahren kann die Bank die Genossenschafter nicht mehr anzapfen. Sie sind nicht mehr nachschusspflichtig. Heute kann Raiffeisen ihre Gewinne einbehalten und so das Kapitalpolster stärken. Die 255 Banken sollen sich zudem im Notfall gegenseitig aus der Patsche helfen. Die Raiffeisen-Gruppe habe in ihren Statuten ein ausgewogenes, auf gegenseitige Haftung beruhendes Sicherheitsnetz zur Deckung finanzieller Schäden verankert, so die Sprecherin. «Raiffeisen führt regelmässig Stress-Szenario-Berechnungen durch.» Diese würden aufzeigen, dass das Kapital ausreichend sei, um Stressphasen zu überstehen. Der ehemalige Swiss-Life-Präsident Bruno Gehrig leitet derzeit die interne Aufarbeitung der Ära Vincenz. Er hat bereits Erfahrung damit, wie sich ein Wandel von einer Genossenschaft in eine AG auswirkt. Der Versicherer Swiss Life vollzog diesen Schritt 1997. Vor wenigen Tagen sagte Gehrig, die Raiffeisen-Gruppe sollte ein Modell mit einer AG in St. Gallen ernsthaft prüfen. Man könne eine Genossenschaft auch so ausgestalten, dass sie wie eine AG funktioniere, aber Kapital aufnehmen könne sie nicht.

Diese Fähigkeit habe der Swiss Life einst durch die Finanzkrise geholfen, sagt Gehrig. Sie habe in höchster Not auf dem Kapitalmarkt frische Mittel eingesammelt. Wäre das Unternehmen damals eine Genossenschaft gewesen, würde Swiss Life heute gemäss dem Ex-Präsidenten nicht mehr existieren.

Erstellt: 25.06.2018, 11:43 Uhr

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