Firmen meiden Tamoil

Die Krise in Libyen bringt Tamoil Schweiz in Bedrängnis. Grund dafür sind aber nicht die Sanktionen des Bundesrates.

«Das Unternehmen läuft Gefahr, trockengelegt zu werden»: Die Tamoil-Raffinerie in Collombey VS wird vorerst stillgelegt.

«Das Unternehmen läuft Gefahr, trockengelegt zu werden»: Die Tamoil-Raffinerie in Collombey VS wird vorerst stillgelegt. Bild: Keystone

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Die Mineralölgesellschaft Tamoil legt in diesen Tagen ihre Raffinerie in Collombey VS still. Wegen Unterhaltsarbeiten bleibt das Werk drei bis fünf Wochen geschlossen. Das Unternehmen begründet den Schritt mit dem hohen Erdölpreis: Weil die Margen im Raffineriegewerbe derzeit wenig interessant seien, ziehe man die Wartungsarbeiten vor. Eigentlich hatte Tamoil geplant, das Werk erst im Juni zu schliessen.

Marktbeobachter indessen halten die Begleitumstände der Schliessung für alles andere als einen normalen Vorgang: «Das Unternehmen läuft Gefahr, trockengelegt zu werden», sagt ein gut informierter Brancheninsider. Grund dafür seien jedoch nicht die vom Bundesrat verhängten Sanktionen, sondern die Mitkonkurrenten. So hinterfragen die grossen, international tätigen Mineralölkonzerne unter den heutigen Vorzeichen die Geschäftsbeziehungen mit Tamoil. Zu gross ist das Risiko, wegen der Geschäfte in der Schweiz gebüsst zu werden oder zumindest einen Reputationsverlust zu erleiden. Was die Konzerne zum Umdenken bewegte: Gemäss den letzte Woche verhängten Sanktionen der EU und den USA sollen Geschäftsbeziehungen von Tochterfirmen mit in Libyen gelisteten Mutterunternehmen wie der National Oil Company (NOC) künftig nicht mehr erlaubt sein. Diese Regelung dürfte auch Tamoil betreffen, die über die Holding Oil Invest mehrheitlich der NOC gehört.

BP und Shell springen ab

Die Folge: Die Firmen kappen ihre Verbindungen zu Tamoil. Bereits am Freitag haben Shell und BP die Abnahme von deren Raffinerieprodukten in der Schweiz suspendiert. Es handle sich dabei um eine Massnahme der Firmengruppe in Europa, sagt BP-Sprecherin Isabelle Thommen. Damit wolle man die Sanktionen der EU und den USA erfüllen. «Es herrscht aber Unklarheit, ob auch Tamoil Schweiz von diesen Sanktionen betroffen ist», so die Sprecherin weiter.

Laut dem «Wall Street Journal» soll auch der italienische Ölkonzern Eni, Betreiber des Tankstellennetzes Agip, die Geschäftsbeziehungen mit Tamoil gestoppt haben. Das französische Unternehmen Total wiederum soll Zweifel an der Kreditwürdigkeit von Tamoil haben. Die Finanzabteilung befürchte, die Firma erhalte von den Banken keine Kredite mehr und sei nicht mehr in der Lage, seine Zulieferer zu bezahlen. Auf Anfrage von TA wollte ein Sprecher von Total diese Information weder bestätigen noch dementieren.

Grossbank will nicht zahlen

Es sind jedoch nicht nur die Ölkonzerne, welche Tamoil in diesen Tagen das Leben schwer machen. Laut Informationen, die dem TA vorliegen, verweigerte ein international tätiges Schweizer Finanzinstitut vergangene Woche einem Tessiner Heizölhändler, eine Zahlung für eine Lieferung an Tamoil zu transferieren. Die Bank befürchtete, gegen Sanktionen aus der EU zu verstossen.

Hält diese Entwicklung an, so glauben Marktbeobachter, könnte das Unternehmen früher oder später in einen Liquiditätsengpass gelangen. Mit der Folge, dass es das Rohöl nicht mehr bezahlen kann, das es zum Raffinieren benötigt. Immerhin: Weiterhin zählen kann das Unternehmen auf Schweizer Kunden, die keinen verlängerten Arm ins Ausland haben. «Wir werden der vertraglich festgehaltenen Abnahmepflicht auch weiterhin nachkommen», sagt Daniel Hofer, Geschäftsleiter von Migrol. Er beruft sich auf die Sanktionen, die der Bundesrat Anfang März verhängt hat. Diese erlauben es Unternehmen, die geschäftlichen Beziehungen mit Tamoil weiterzuführen. Ausgenommen davon sind bloss all jene natürlichen und juristischen Personen, die auf der Sanktionsliste der Schweiz gegen Libyen stehen. Tamoil-Sprecher Laurent Paoliello gibt sich dessen ungeachtet zuversichtlich, dass die Grosskunden wie Shell und BP schon bald wieder zur Abnahme von Tamoil-Raffinerieprodukten bereit sein werden. Es sei verständlich, dass die Geschäftspartner Klärung wünschten, sagt Paoliello. Deshalb habe man in diesen Tagen den Kunden einen Brief des Seco zugesandt. «Darin machen die Behörden klar, dass unser Unternehmen nicht von den Sanktionen des Bundesrates betroffen ist.»

Erstellt: 29.03.2011, 08:21 Uhr

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