Fliegen mit Treibstoff aus Algen

Boeing und Airbus setzen auf eine neue Generation von Agrartreibstoffen. Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko soll den Umstieg beschleunigen.

Kurswechsel in der Luftfahrt: Die Branche will mit einem starken Engagement bei Agrartreibstoffen Zeichen setzen

Kurswechsel in der Luftfahrt: Die Branche will mit einem starken Engagement bei Agrartreibstoffen Zeichen setzen Bild: Keystone

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Die beiden führenden Flugzeughersteller sind des Zauderns überdrüssig. «Wir warten nicht mehr ab, was die Politik für die Zukunft der Energieversorgung entscheidet. Für uns ist die Sache klar», sagt Darrin Morgan, Direktor für alternative Treibstoffe der Boeing-Flugzeugwerke in Seattle. Nach mehrjährigen Laborversuchen und Testflügen haben Boeing und Airbus entschieden, die Entwicklung neuer Agrartreibstoffe zu koordinieren. Ob und wann die USA einem Klimaabkommen und verbindlichen Energiegesetz zustimmen, ist aus Sicht einer Industrie, die 3 Prozent der Klimagase verursacht, nicht länger massgebend. Bereits 19 Airlines, darunter die Swiss, haben sich einem Plan angeschlossen, wonach Agrartreibstoffe ab 2013 kommerziell verwendet werden.

Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko war zwar nicht dafür verantwortlich, die neue Generation von Agrartreibstoffen voranzutreiben, sagt Morgan. Aber das Debakel habe die Meinung klar bestärkt, dass die Versorgung mit Kerosin unsicherer und die Preisausschläge noch schwieriger abzufedern seien. «Da unser Planungshorizont ungewöhnlich lang ist, müssen wir heute entscheiden, wie die Flotte und der Energienachschub in 50 Jahren aussehen sollten», sagt Michael Lakeman, ein von Boeing vor zwei Jahren eingestellter Experte für die Entwicklung von Treibstoffen aus Algen. «Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir mit Sicherheit wissen, dass Agrartreibstoffe einen wesentlichen Teil der Versorgung der kommerziellen Fliegerei ausmachen werden», so die Experten bei einer Präsentation in der Boeing-Zentrale.

Das Interesse aus China

Noch vor wenigen Jahren stagnierte die Forschung mit neuen Treibstoffen aus nicht fossilen Quellen. Die zunehmenden Preisausschläge für Erdöl, die absehbaren Probleme mit der Offshore-Exploration, staatliche Fördermittel durch die Regierung Obama sowie die zu erwartenden CO2-Abgaben haben der Forschung jedoch markante Impulse versetzt. Eine wichtige Rolle spielt auch China: Wirtschaftsdelegationen aus Peking machten gegenüber Boeing klar, dass sie mehr denn je an neuen Treibstoffen interessiert sind. China wächst rasch zum grössten Flugzeugmarkt der Welt heran und ist deshalb besorgt wegen der künftigen Kerosinversorgung. «China hat uns zugesichert, jede noch so kleine Menge Agrartreibstoffe abzunehmen, die der Staat Washington produziert», sagt Keith Philips, Chefberater von Gouverneurin Chris Gregoire, die im Herbst in China erste entsprechende Abkommen auszuhandeln hofft.

Entscheidend ist für Boeing, dass die Agrartreibstoffe der ersten Generation – namentlich Ethanol – nicht länger als ernsthafte Alternative in Frage kommen. Sie würden zu stark von Subventionen abhängen, sagt Morgan, sie beanspruchten kostbares Ackerland und Wasser und bedrohten so die Lebensmittelproduktion.

Boeing setzt deshalb voll auf Agrartreibstoffe der zweiten Generation, gewonnen aus Ölsaaten wie Camelina und Jatropha, die auch auf unfruchtbarem Boden wachsen und zudem im Fruchtwechsel mit Getreide angebaut werden. Dazu kommen Treibstoffe aus Algen sowie aus salzwasserresistenten Pflanzen. «Der Markt entscheidet, welche Treibstoffe sich durchsetzen und wie rasch sie verfügbar sind», so Morgan. «Doch sind die Anbauversuche weltweit so schnell vorangekommen, dass wir Anfang 2011 die Zertifizierung für den ersten Treibstoff in den USA erhalten sollten.»

80 Prozent weniger Abgase

In Testflügen wurden unterschiedliche Mischungen erprobt, wobei meist bis zu 50 Prozent herkömmliches Kerosin zugesetzt wurden. Dies deshalb, weil die bestehenden Flugzeugflotten nicht umgerüstet und auch die Tank- und Abfüllanlagen auf den Flugplätzen noch in 50?Jahren genutzt werden sollen. Unabhängig vom Gemisch aber schnitten die neuen Treibstoffe besser ab als Kerosin. Sie haben einen tieferen Gefrierpunkt, einen höheren Energiegehalt und stossen bis zu 80 Prozent weniger klimaschädliche Abgase aus. Airbus hatte zunächst auf eine andere Option gesetzt, nämlich verflüssigtes Erdgas, doch lagen die CO2-Emissionen sogar noch höher als bei Kerosin. Deshalb hat sich Airbus dem Weg von Boeing angeschlossen.

Auch die Swiss ist dabei

Die beiden Hersteller erwarten, dass 1 Prozent des Gesamtkonsums durch Agrartreibstoffe ersetzt werden muss, um einen funktionierenden Markt aufzubauen. Diese Marke sollte 2015 erreicht sein, so Boeing, für 2030 dann wird ein Anteil von 30 Prozent des weltweiten Flottenverbrauchs erwartet. Im Verbund mit der Lufthansa hat sich auch die Swiss dem Boeing/Airbus-Konsortium angeschlossen – wie 18 andere Airlines.

Bemerkenswert ist, dass ausser der kleinen Alaska-Airlines bisher keine US-Gesellschaft die Initiative unterstützt. Bei Boeing erklärt man sich dies mit dem ungewissen energie- und klimapolitischen Kurs der US-Regierung. «Doch gerade diese Unsicherheit bestärkt uns darin, die Führung zu übernehmen und die Richtung anzuzeigen», sagt Morgan. Eine Reduktion der Kerosinabhängigkeit sei absolut notwendig, meint auch Swiss-Mediensprecher Jean-Claude Donzel. Das Hauptproblem sei nur, ausreichend Agrartreibstoff zu produzieren. Auf den europäischen Flughäfen dürfte der Nachschub aber immerhin zwischen 2015 und 2020 gesichert sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2010, 22:12 Uhr

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