Flotten-Check bei Swiss: Das Leiden mit den Motoren begann 2014

Bei einem Test der neuen Triebwerke vor fünf Jahren wurden Teile abgesprengt. Es folgten Anpassungen und die Auslieferung der Maschinen. Doch neue Probleme tauchten auf.

Der erste C-Series-Jet für die Swiss im Juni 2015 auf dem Fabrikgelände von Bombardier in Kanada. Foto: VQH

Der erste C-Series-Jet für die Swiss im Juni 2015 auf dem Fabrikgelände von Bombardier in Kanada. Foto: VQH

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Der erste Betreiber eines ganz neuen Flugzeugs sein – das klingt erst einmal ziemlich gut. Doch längst nicht alle Fluggesellschaften reissen sich um diese Ehre, wenn ein neuer Jet auf den Markt kommt. Denn als Erstkundin ist man auch zuerst mit allfälligen Kinderkrankheiten konfrontiert. Wie mühsam das sein kann, hat die Swiss beim Airbus A220 miterlebt. Die Probleme mit dem Flugzeug begannen nämlich nicht erst in den vergangenen drei Monaten.

Die Leidensgeschichte der Triebwerke von Pratt & Whitney begann am 29. Mai 2014. Damals hiess der Airbus A220 noch Bombardier C-Series. Den neuen Namen hat der Jet erst, seit Airbus das Programm 2018 von den Kanadiern kaufte. 2014 kam es bei einem Triebwerkstest auf dem Fabrikgelände von Bombardier bei Montreal zu einem sogenannten «Uncontained Engine Failure». Das heisst: Teile des Triebwerks wurden abgesprengt und beschädigten sogar das Flugzeug, eine von zwei Test­maschinen. Bei mindestens zwei der drei Swiss-Zwischenfälle kam es ebenfalls zu einem solchen Problem. Die Flugzeugrümpfe wurden dabei allerdings nicht beschädigt.

Erster Jet mit Verspätung

100 Tage lange blieben beide Flieger 2014 am Boden, bis das Problem ausgemacht war. Schliesslich wurden Verbesserungen am Schmiersystem des Motors durchgeführt, und die Tests konnten weiterlaufen.

Die Swiss erhielt ihre erste von insgesamt 30 bestellten C-Series im Sommer 2016 – mit ein paar Jahren Verspätung, wie es bei neuen Flugzeugen quasi üblich ist. Doch auch bei den weiteren Auslieferungen kam es zu Verspätungen. Bombardier nannte als Grund dafür «Probleme mit den PW1500G-Triebwerken». Wegen der Verzögerungen musste die Swiss ihre älteren Airbus A319 länger betreiben.

Als die neuen Flugzeuge dann in Betrieb waren, zeigte die Swiss sich aber zufrieden. Auch Passagiere mochten den A220 wegen der geringeren Geräuschbelastung, der geräumigen Kabine und der grossen Fenster. Es schien fast, als bleibe man von den gefürchteten Kinderkrankheiten verschont. Doch 2018 änderte sich das. Im September musste ein A220 der Swiss auf dem Weg von Stockholm nach Zürich das linke Triebwerk abschalten, weil ein zu niedriger Öldruck angezeigt wurde. Da das Problem kurz vor der Landung auftrat, musste die Crew nicht ausweichen. Nur einen Monat später kam es auf einem Flug von Paris nach Zürich zu einem weiteren Zwischenfall, in dem ein Triebwerk abgeschaltet werden musste.

Von da an schien der Wurm drin zu sein: Im Dezember 2018 wurde bekannt, dass die Swiss die Motoren all ihrer Airbus A220 in die Reparatur nach Montreal schicken musste. Es handelte sich um «nicht sicherheitsrelevante vorzeitige Verschleisserscheinungen», hiess es damals. Am Boden bleiben musste kein Flieger, Pratt & Whitney stellte Ersatztriebwerke zur Verfügung. Dennoch resultierte für die Mechaniker ein paar lange Monate deutliche Mehrarbeit. Immerhin mussten Dutzende Triebwerke ab- und wieder angebaut werden.

Im Dezember 2018 wurde bekannt, dass die Swiss die 
Motoren all ihrer A220 nach Montreal schicken musste.

Nicht nur bei der Swiss zickten die A220. Ebenfalls vergangenen Dezember kam es zu einem Zwischenfall mit einem Airbus A220 in Übersee. Bei einem Flugzeug von Korean Air musste ebenfalls ein Triebwerk abgeschaltet werden. In den USA ging es der Crew eines A220 von Delta Air Lines im Juni ähnlich. Ende Juli ereignete sich der nächste Vorfall bei der Swiss – bei dem der A220 sogar Teile des Triebwerks verlor.

Nun gerieten die Motoren ins Visier der Lufttfahrtbehörden. Anfang September dieses Jahres wies die US-amerikanische Federal Aviation Administration (FAA) auf Brandgefahr bei Triebwerken von Pratt & Whitney hin. Der Grund: Zwischen Bauteilen könne es zu Öl-Lecks kommen – geschehen etwa auf dem Swiss-Flug aus Stockholm im September 2018. Airlines wurden aufgerufen, ihre Jets auf das Problem hin zu untersuchen und dies alle 300 Flugzyklen zu wiederholen.

Über 100 Flüge gestrichen

Nur kurz darauf kam es zum nächsten Problem auf einem Swiss-Flug und zum nächsten «Uncontained Engine Failure» – die FAA legte nach. Ende September gab sie eine weitere sogenannte «Lufttüchtigkeitsanweisung» heraus, in der sie den Niederdruckverdichter als Problem bei den letzten beiden Swiss-Zwischenfällen ausmachte. Die Behörde ordnete Betreiber an, ihre Triebwerke regelmässig auch darauf zu überprüfen.

Die nächste Stufe erreichte die Leidensgeschichte diesen Dienstag mit dem dritten Zwischenfall in drei Monaten. Die Swiss entschloss, jeden einzelnen der Jets einer genauen Kontrolle zu unterziehen. Drei bis fünf Stunden dauerten die Inspektionen. Es kam zu Annullationen und Verspätungen, 10000 Passagiere waren von den Folgen am Dienstag und Mittwoch betroffen. Über 100 Flüge wurden gestrichen.

Heute soll wieder Normalbetrieb herrschen. «Wir werden die Triebwerke auch nach dieser ausserplanmässigen Inspektion weiterhin auf Basis der Empfehlungen seitens Triebwerkhersteller warten», sagt eine Sprecherin. Die decken sich mit den Weisungen der Behörden. «Wir erwarten diesbezüglich noch ein Update», fügt sie an. Es kann also sein, dass noch weitere Zusatzchecks nötig sein werden.

Erstellt: 16.10.2019, 18:13 Uhr

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