Flucht aus der griechischen Sackgasse

Das grösste griechische Unternehmen verlegt den Firmensitz nach Zug und die Börsennotierung nach London. Schweizer Linke kritisieren die «Steuerflucht». Doch das dürfte nur ein Teil der Wahrheit sein.

Ein Gabelstapler zwischen Paletten mit Coca-Cola-Produkten in Draper im US-Bundesstaat Utah. (9. März 2011)

Ein Gabelstapler zwischen Paletten mit Coca-Cola-Produkten in Draper im US-Bundesstaat Utah. (9. März 2011) Bild: Reuters

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Der angekündigte Umzug der Coca-Cola Hellenic Bottling Company (CCH) hat weltweit hohe Wellen geworfen. Der Wegzug des grössten griechischen Unternehmens und zweitgrössten Abfüllers von Coca-Cola-Produkten wurde zum Symbol: «Die Besten wandern aus» titelt die NZZ, «Konzerne verlassen Griechenland» verkündete n-tv.

In der Tat ist CCH nicht das erste Grossunternehmen, das dem krisengeschüttelten Griechenland den Rücken kehrt. In der letzten Woche kündigte bereits die Grossmolkerei FAGE die Übersiedlung nach Luxemburg an. Dort wird das Unternehmen in den Genuss von tieferen Steuern kommen.

Wegzug eine «Katastrophe»

Solche Steuerflucht empört die Griechen und auch die politische Linke in der Schweiz. Die Sendung «10vor10» des Schweizer Fernsehens zeigte gestern Abend in einer Strassenumfrage Griechen, die den Wegzug, «um Steuern zu sparen», beklagen. «10vor10» nennt gestützt auf Schätzungen der griechischen Presse einen Verlust von jährlich 70 Millionen Franken für das Land. Für Hans Baumann vom linken Thinktank Denknetz ist das eine «Katastrophe».

Die Schweizer Tiefsteuerpolitik, die zu zahlreichen Zuzügen ausländischer Konzerne geführt hat, stelle für das Ausland ganz allgemein eine grosse Belastung dar. Gemäss den Schätzungen von Denknetz entstehen dort Steuerausfälle von 30 bis 36 Milliarden Franken pro Jahr. Dabei profitiere die Schweizer Bevölkerung nicht einmal davon. Denn die Belastung von Einzelpersonen liege hierzulande alles eingerechnet im europäischen Durchschnitt. Die grossen Profiteure der Schweizer Steuerpolitik seien die multinationalen Konzerne, die «hier ihre Gelder verstecken».

Glaubt man dem Unternehmen CCH greift das Argument der Steuerflucht aber zu kurz. Der Chef von CCH, Dimitris Lois, beteuert gegenüber der «Financial Times» der Wegzug sei steuerneutral: «Die griechische Regierung verliert keine Einnahmen», sagt er. Auch würden «praktisch alle» 2000 griechischen Angestellten und die Produktion der Firma, die einen Umsatz von 6,9 Milliarden Euro erzielt, im Land bleiben.

Liquider Handel in London – Stabile Schweiz

Der eigentliche Grund für die Verlegung des Firmensitzes sei der Wunsch nach einem liquideren Handel für die Aktien. Mit einem Wert von rund 5,7 Milliarden Euro macht CCH zur Zeit rund einen Fünftel der gesamten Kapitalisierung an der Athener Börse aus. Die Aktiengesellschaft plant nun, ihre Hauptnotierung an die Londoner Börse zu verlegen. Dort dürfte CCH mit ihrer Grösse gar in den Leitindex FTSE-100 aufgenommen werden, wie «Business Week» schreibt. Die angelsächsische Presse spricht denn auch eher von einem Umzug des Coca-Cola-Abfüllers nach London und in die Schweiz. Das Unternehmen strebt gemäss «Financial Times» aber Nebennotierungen seiner Aktie in New York und Athen an.

Die Schweiz sei als Firmensitz gewählt worden, weil sie wirtschaftsfreundlich sei und ihre Wirtschaft und ihr regulatorisches Umfeld stabil seien, heisst es in der Firmenmitteilung. Und das hat für den Direktor von Swissholdings, Christian Stiefel, auch nichts Anrüchiges. Es sei das gute Recht jedes Staates. «Wenn ein Land attraktive Rahmenbedingungen bietet, dann wird es nicht zum Krisenprofiteur», sagt er gegenüber «10vor10».

In Griechenland hingegen ist die Unsicherheit über die weitere Entwicklung gross. In den letzten Monaten hat die Regierung zahlreiche neue Gesetze erlassen und Steuern erhoben. Ein Analyst an der Athener Börse sagt gegenüber «Business Week», CCH werde mit dem Umzug weniger mit den griechischen Problemen assoziiert. Ausserdem geht das Unternehmen so Risiken aus dem Weg – bis hin zu einem möglichen Euroaustritt Griechenlands und damit verbundenen Kapitalverkehrsbeschränkungen.

Teure Finanzierung – Aktionäre machen Druck

Verheerend wirkt sich gemäss der Wirtschaftspresse das schlechte Finanzrating des Landes aus. Das macht es auch für die Unternehmen schwierig, frisches Kapital zu beschaffen. Sie erhalten – ähnlich wie der Staat Griechenland – nur sehr schlechte Konditionen und müssen hohe Zinsen bezahlen.

Die Molkerei FAGE musste offenbar eine Anleihe über mehrere hundert Millionen Euro refinanzieren. Laut Bankenkreisen sei das Ausschlaggebend für den Wegzug nach Luxemburg gewesen, schreibt die NZZ. Im Fall von CCH würden laut «Financial Times» über das nächste Jahr Anleihen im Wert von 950 Millionen Euro fällig.

Gemäss der führenden Wirtschaftszeitung Grossbritanniens dürfte die Unternehmensleitung der CCH ohnehin keine Wahl gehabt haben. Demnach hat Coca-Cola aus den USA, die 23 Prozent an der Firma hält, zusammen mit anderen gewichtigen Aktionären zum Umzug gedrängt. (rub)

Erstellt: 13.10.2012, 18:35 Uhr

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