Hintergrund

François Hollandes Albtraum

Die von Peugeot angekündigte Werksschliessung ist für Frankreichs Präsident François Hollande ein Desaster. Was er gegen die Entlassungen tun will, geht nicht, nützt nichts oder schadet ihm selbst.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Rausschmiss von 8000 Peugeot-Mitarbeitern sei für ihn «inakzeptabel», erklärte François Hollande. Was soll ein Präsident, der gerade erst als Kämpfer für die kleinen Leute die Wahl gewonnen hat, auch anderes sagen? Mit staatlichen Krediten und Forschungsförderung will Hollande verhindern, dass Peugeot-Chef Philippe Varin seinen Abbauplan umsetzt. Der kriselnde Autobauer hat am vergangenen Donnerstag angekündigt, das Werk Aulnay-sous-Bois bei Paris komplett zu schliessen und an anderen französischen Standorten 5000 Mitarbeiter zu entlassen.

Gelingt es dem sozialistischen Präsidenten nicht, Peugeot an den Massenentlassungen zu hindern, werden ihm das seine Wähler nie verzeihen. Doch wirklich tun kann er wenig. «Der Staat kann nicht einfach Geld in ein Unternehmen einschiessen», so der EU-Wettbewerbsrechtler Denis Waelbroeck vom Collège d’Europe in Brügge. Die EU-Kommission wache streng darüber, dass es durch staatliche Gelder nicht zu Wettbewerbsverzerrungen komme.

Nur noch französische Autos kaufen

Auch die Ankündigung Hollandes, staatliche Stellen und französische Kommunen sollten fortan nur noch französische Autos kaufen, verstösst gegen EU-Recht. «Jede Kommune muss ihre Aufträge öffentlich ausschreiben und alle Wettbewerber gleich behandeln», erklärt die Bremer Wettbewerbsrechtlerin Claudia Brandt. Eine Neuauflage der Abwrackprämie zur Förderung der Peugeot-Verkaufszahlen schloss Hollande von vornherein aus. Sie koste den Steuerzahler zu viel und sei zu oft für den Kauf ausländischer Neuwagen eingesetzt worden. Eine andere Idee des Sozialisten kreist um die «führende Stellung der französischen Autoindustrie in Sachen umweltfreundliche Technologie und Hybridantriebe». Er wolle «sicherstellen, dass solche Fahrzeuge einen Startvorteil haben». Doch der deutsche Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer winkt ab. «Mit einem Absatz von 1,6 Millionen Autos im letzten halben Jahr macht Peugeot jeden Monat 200 Millionen Euro Verlust. Da hilft auch der Absatz von 10'000 Hybridautos nicht viel», sagt der Professor für Automobilwirtschaft. Ein Hersteller von Kleinwagen könne nur mit dem Massengeschäft Gewinne machen.

Leute raus und Kosten runter

Zudem sei der französische Staat so verschuldet, dass er kaum Geld in eine darniederliegende Industrie stecken könne. Hollandes öffentliche Ankündigungen betrachtet Dudenhöffer als «Ankündigungen ins Blaue hinein. Hollande hat sich da wohl überschätzt.» Das Einzige, was dem angeschlagenen Autokonzern angesichts der massiven Verkaufseinbrüche in Südeuropa helfen könne, sei ein «radikaler Abbau von Produktionskapazitäten. Leute raus und Kosten runter. Der Konzern muss sich dünn schrumpfen», so Dudenhöffer.

Inzwischen ist auch Hollande kleinlaut geworden und spricht von einer «Neuverhandlung des Sanierungsplans» und einer «Minimierung der sozialen Folgen». Gemäss EU-Wettbewerbsrechtler Waelbroeck kann Hollande bei der Restrukturierung von Peugeot dann Geld zuschiessen, wenn «der Umbau so drastisch ist, dass der Fortbestand des Konzerns damit sichergestellt werden kann. Und das bedeutet Werksschliessungen und Entlassungen. Ob Hollande also viel gewinnen würde, ist fraglich. Seine Wähler würden ihm vorwerfen, Peugeot noch bei den Entlassungen geholfen zu haben», so Waelbroeck.

Erstellt: 16.07.2012, 17:31 Uhr

Artikel zum Thema

Kundgebungen gegen Stellenabbau bei Peugeot-Citroën Autokonzern schliesst auch Entlassungen nicht mehr aus

Autoindustrie Paris Mit Demonstrationen und Arbeitsniederlegungen haben die Angestellten des angeschlagenen französischen Autokonzerns PSA Peugeot-Citroën am Freitag auf die Ankündigung von 8000 Stellenstreichungen in Frankreich reagiert. Mehr...

Euro-Krise bremst Peugeot-Absatz aus

Autoindustrie Paris Die sinkende Nachfrage nach Autos im krisengeplagten Südeuropa macht PSA Peugeot Citroen schwer zu schaffen. Mehr...

Peugeot war erst der Anfang

Hintergrund In Europas Autoindustrie droht weiteren Fabriken das Aus. Zehntausende Jobs dürften gestrichen werden. Wo es brennt – und warum. Mehr...

Paid Post

Willkommen auf dem E-Bauernhof

Im Jahr 2050 gilt es, 9,8 Milliarden Menschen zu ernähren. Somit muss bis dann die Nahrungsmittelproduktion weltweit um 70 Prozent erhöht werden.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...