Französische Chefs leiten ihre Firmen von der Schweiz aus

Mehr als 850 französische Unternehmen haben sich seit Anfang Jahr in der Schweiz installiert – auch um Steuern und Sozialabgaben zu sparen.

Rund 10'000 französische Manager zogen seit 2002 in die Schweiz: Grenzübergang zwischen Frankreich und der Schweiz. (5. Arpil 2005)

Rund 10'000 französische Manager zogen seit 2002 in die Schweiz: Grenzübergang zwischen Frankreich und der Schweiz. (5. Arpil 2005) Bild: Martin Ruetschi/Keystone

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Der Gemüseproduzent Florette, der Kinderkleiderhersteller Orchestra, der Schuheinlagenfabrikant Sensas: Das sind nur einige wenige etablierte französische Firmen, die seit kurzem hierzulande tätig sind. Weiter haben Franzosen in der Schweiz Unternehmen gegründet oder gekauft. Die schweizerisch-französische Handelskammer in Genf hat seit Jahresbeginn Kenntnis von mehr als 850 neu in der Schweiz registrierten Firmen mit französischem Aktionariat (mindestens 25 Prozent). Für das Jahr 2012 melden die Orell Füssli Wirtschaftsinformationen 611 französische Firmengründungen in der Schweiz.

Diesen Trend will Romain Duriez, Direktor der Handelskammer, nicht weiter kommentieren. Stattdessen verweist er auf die Anzahl Registrierungen im Jahr 2003. Damals installierten sich hierzulande während eines ganzen Jahres lediglich 550 französische Firmen. Weil Duriez’ Büro die Daten von Neuregistrierungen nicht konsequent erhebt und bei Firmengründungen gegenüber dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) keine Meldepflicht besteht, ist die Entwicklung in den letzten zehn Jahren insgesamt schwierig nachzuvollziehen.

Manager sitzen in der Ferne

Die Gründe für die zunehmende Präsenz von französischen Unternehmen in der Schweiz sind vielfältig. Duriez sagt: «Französische Unternehmen sehen die Schweiz als interessanten Absatzmarkt und eröffnen Verteil- oder Servicezentren; oder sie produzieren in der Schweiz, um vom Label Swiss made zu profitieren; oder sie ziehen wegen Steuervorteilen in die Schweiz.» Dem letzten Grund widmet sich Claudine Schmid, welche die in der Schweiz und Liechtenstein ansässigen Franzosen in der französischen Nationalversammlung repräsentiert, seit einiger Zeit mit besonderem Interesse. Sie deutet die wachsende Zahl französischer Unternehmen in der Schweiz unter anderem als direkte Reaktion auf die Steuerpolitik der Regierung von Präsident François Hollande.

Die Wahlzürcherin beobachtet, dass Unternehmen weiterhin in Frankreich produzieren und Fabrikarbeiter zu ortsüblichen Löhnen beschäftigen, während sie ihre hoch bezahlten Manager ins Ausland verschieben. Die Manager leiten von der Schweiz aus die Geschäfte am französischen Produktionsstandort, wobei Produktionsleiter die Betriebe beaufsichtigen und dafür sorgen, dass Direktionsentscheide umgesetzt werden. Angestellt sind sie in der Schweiz bei sogenannten Betriebsfirmen oder Managementgesellschaften. Diese profitieren von äusserst niedrigen Steuersätzen.

Traditionell hohe Steuerabgaben

Gemäss dem Genfer Anwalt und Steuerberater Thomas Béguin von der Kanzlei Budin & Associés werden diese Gesellschaften als Domizilgesellschaften angemeldet. Sie dürfen auf Schweizer Boden keine Geschäfte machen, sondern nur im Ausland tätig sein. Dabei werden sie mit rund 12 Prozent besteuert. Jedoch dürften für französische Firmen weniger die Optimierung der Unternehmenssteuern als vielmehr Einsparungen bei den Einkommenssteuern und Sozialabgaben (AHV, IV, Arbeitslosenversicherung) der Grund für den Aufbau von Betriebsfirmen sein. Gerade die in Frankreich traditionell hohen Steuerabgaben kommen Unternehmen teuer zu stehen, weil sie einen Grossteil selbst tragen müssen. Bei einem Monatslohn von 10'000 Franken betragen sie 65 Prozent, in der Schweiz aber nur 32 Prozent.

«Natürlich ist das Modell von Betriebsgesellschaften in der Schweiz praktikabel, insbesondere für international tätige Firmen», bestätigt der schweizerisch-französische Steuerexperte Jean-François Pissettaz. Der Wahlgenfer, der seit 1977 in diesem Metier tätig ist, zweifelt jedoch an der These, dass viele der 850 französischen Firmen sich dieses Jahr nur in der Schweiz registriert hätten, um Steuern zu optimieren. Er sagt, zuerst müsse man Manager samt Ehefrau und Kindern dazu bringen, Frankreich zu verlassen und ins Ausland zu ziehen. Denn wohne ein Teil der Familie weiter in Frankreich, gelte sie nicht als expatriiert.

Ein schwieriges Terrain

Vor allem aber würden die staatlichen Prüfer in Frankreich bis auf den letzten Cent überprüfen, ob die Kosten, die aus dem Ausland verrechnet werden, nicht zu hoch seien. Fliesse zu viel Geld an den ausländischen Firmensitz und kosteten Büros oder Firmenautos gemessen an den Umsatzzahlen zu viel, akzeptierten das die Kontrolleure nicht, sagt Pissettaz. Der Staat habe genügend Zeit, Firmen zu erwischen, meint der Steuerexperte. Für Claudine Schmids These spricht allerdings, dass sich gemäss der Orell Füssli Wirtschaftsinformationen die Anzahl der in der Schweiz tätigen französischen Manager zwischen 2002 und 2012 von 4556 auf 13 733 verdreifacht hat. In demselben Zeitabschnitt ist zwar auch die Anzahl der Schweizer Manager gestiegen, sie hat sich aber nur etwas mehr als verdoppelt.

Pissettaz betont, dass die Schweiz für seine französische Kundschaft aus anderen Gründen attraktiv sei. Er vertritt Klienten, die in die Schweiz ziehen, um nahe bei ihren Kunden zu produzieren, zum Beispiel Nischenprodukte für die Uhrenbranche. In der Schweiz werde 42 Stunden und nicht wie in Frankreich 35 Stunden gearbeitet, zudem seien das Arbeitsrecht lockerer und der Kündigungsschutz weniger stark. Romain Duriez warnt Unternehmer jedoch vor einer naiven Sicht. Die Schweiz sei ein heterogenes Geflecht verschiedener regionaler, mehrsprachiger Kulturen, was es unter Umständen schwierig mache, zu verhandeln und Produkte zu verkaufen. «Während französische Unternehmer Entscheide gerne hinauszögern, sind Schweizer viel pragmatischer und gehen direkt auf ihr Ziel zu», stellt Duriez fest. Auch schätzten Franzosen die Gastlichkeit und die Familiarität in der Schweiz erst nach einer gewissen Zeit. Geduld sei gefragt, sagt er. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2013, 06:20 Uhr

Bilaterale Beziehungen

Pariser Mühen mit der Schweiz
Wann immer das Wort «Flucht» die Runde macht in den Pariser Medien, kommt die Sprache oft auf die Schweiz. Gerade in den letzten Jahren. Gemeint ist meistens Steuerflucht. Wenn nun auch noch Frankreichs Unternehmer mit ihren Geschäften in beträchtlicher Anzahl in die Schweiz «flüchten», dann öffnet sich womöglich eine weitere Front in den belasteten Beziehungen zwischen Frankreich und der Schweiz. Es liegen nämlich bereits mehrere schwierige Dossiers auf dem Tisch. Verhandelt wird wenig, polemisiert dafür umso mehr.

Die Franzosen machten zum Beispiel früh klar, dass sie nicht interessiert seien an einem Abkommen über eine Abgeltungssteuer mit der Schweiz, auch wenn andere europäische Länder verhandeln. Die regierenden Sozialisten sind in dieser Frage noch etwas unbeugsamer, als es schon die bürgerliche Vorgängerregierung gewesen war. In Paris empfände man einen solchen Deal gewissermassen als Rundumkapitulation – zumindest in der politischen Rhetorik. Im öffentlichen Diskurs gibt man sich lieber kämpferisch. Darin unterscheidet sich François Hollande kaum von Nicolas Sarkozy, der einst die «Trockenlegung der Steuerparadiese» verhiess.

Im Parlament beschäftigen sich zwei Kommissionen mit Fragen zum Steuerbetrug, um die opportunen Formulierungen für neue Gesetze zu finden. Sie laden dafür Ermittlungsrichter, Steuer- und Zollinspekteure, Insider und Ex-Banker ein, damit die über die allfällig illegale Praxis ausländischer Banken berichten – vor allem schweizerischer. Rapportiert haben dort auch schon Hervé Falciani, der Ex-Informatiker der Genfer HSBC-Filiale, und Pierre Condamin-Gerbier, der Ex-Mitarbeiter der UBS und der Genfer Bank Reyl & Cie. Frankreich sieht die beiden als Whistleblower. Die Schweiz hält sie für mutmassliche Verbrecher: Falciani gilt als Datendieb und wird per internationalen Haftbefehl gesucht; Condamin-Gerbier sitzt in der Schweiz in provisorischer Haft und muss sich wegen Wirtschaftsspionage verantworten.

Gegen dessen frühere Arbeitgeber laufen formale Ermittlungsverfahren in Paris. Der UBS wird vorgeworfen, sie habe über Jahre illegal Schweizer Vermögensverwalter nach Frankreich entsandt, die dort inkognito und systematisch reiche Kunden akquiriert und sie zur Eröffnung von Offshore-Konten in der Schweiz animiert hätten. Wie das im Detail vonstattenging, schilderte der Enthüllungsjournalist Antoine Peillon im aufsehenerregenden Buch «Ces 600 Milliards qui manquent à la France» (Diese 600 Milliarden, die Frankreich fehlen). Peillon behauptet darin natürlich nicht, dass nur die UBS so geschäftete und dass alles Fluchtgeld in die Schweiz fliesse. Doch ein schöner Teil davon ist es schon. Und so reimt «Suisse» in den Ohren der Franzosen immer öfter auf «évasion». (om)

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