«Frau Staiblin hat bereits bewiesen, dass die Vereinbarkeit möglich ist»

Die Meldung, dass die neue Alpiq-Chefin bereits im Mai ihr zweites Kind erwartet, sorgte heute für Diskussionen. Regula Straub, Geschäftsführerin der Schweizer Berghilfe und Mutter dreier Kinder, nimmt Stellung dazu.

Ihre Schwangerschaft wird in der Öffentlichkeit diskutiert: Jasmin Staiblin.

Ihre Schwangerschaft wird in der Öffentlichkeit diskutiert: Jasmin Staiblin. Bild: zVg

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Jasmin Staiblins Mutterschaftsurlaub kurz nach Stellenantritt als CEO der Alpiq sorgt für Diskussionen. Bereits ihre erste Schwangerschaft während ihrer Zeit als ABB-Chefin sorgte für Kritik. Wie stehen Sie dem Thema Kind und Führungsposition gegenüber?
Regula Straub: Ich persönlich finde, es muss möglich sein, Kind und Führungsposition miteinander zu vereinen. Man kann nicht einerseits eine Gleichstellung von Frau und Mann verlangen, wenn man die Realitäten, in der eine Frau steckt, nicht akzeptiert. Die Wirtschaftswelt muss lernen, mit solchen Situationen umzugehen, und auch die Möglichkeiten dazu schaffen. Frau Staiblin hat gerade beim ersten Kind bewiesen, dass diese Vereinbarkeit möglich ist. Mir ist nicht bekannt, dass durch ihren Mutterschaftsurlaub ein wirtschaftlicher Schaden angerichtet wurde.

Muss Ihrer Ansicht nach eine Konzernchefin bei der Familienplanung Rücksicht auf das Unternehmen nehmen?
Ja und nein, denn eigentlich ist es Privatsache, wann eine Frau ein Kind bekommen möchte. Ich denke, es macht einen Unterschied, ob jemand bereits länger in einem Unternehmen ist oder, wie bei Frau Staiblin, gerade ein Stellenwechsel stattgefunden hat. Da ein Kind gerade in einer Spitzenposition auch Auswirkungen auf das Unternehmen hat, würde ich in dieser Situation den Verwaltungsrat über meine Familienpläne informieren. Aber ein Kind lässt sich, ehrlich gesagt, nicht so genau planen. Dass man beispielsweise aufgrund eines Stellenwechsels den Kinderwunsch komplett abklemmt, ginge mir zu weit. Da müssen andere Lösungen gesucht werden, damit eine Kombination von Unternehmensleitung und Familie möglich ist.

Ich gebe Ihnen recht, den genauen Zeitpunkt einer Schwangerschaft kann man nicht planen. Aber der Kinderwunsch liesse sich allenfalls um ein Jahr nach hinten schieben.
Ich finde, diese Entscheidung muss jede Frau für sich selbst treffen. Ich persönlich hätte in solch einer schwierigen Situation vermutlich noch etwas zugewartet mit einem Kind. Aber ich selbst hatte nie Probleme, schwanger zu werden. Wenn eine Frau möglicherweise schon eine Fehlgeburt erlitt oder sonst Schwierigkeiten hatte, überhaupt schwanger zu werden, dann sieht die Situation anders aus. Daher, das Thema ist sehr privat und ich würde keiner Frau reinreden wollen, welche Prioritäten sie setzt.

Die Alpiq steckt derzeit in einer schwierigen Situation, die Rede ist von Stellenabbau, rückläufigen Erträgen und neuen Kapitalzuschüssen. Ist eine 14-wöchige Pause da nicht unverantwortlich gegenüber den Mitarbeitern?
Gewisse Mitarbeiter werden durch diese Situation vermutlich etwas verunsichert sein. Und sie werden auch gefordert. Denn vermutlich wird durch Staiblins Pause die nächste und vermutlich auch die übernächste Führungsebene mehr Verantwortung übernehmen müssen. Wenn die Spitze ausfällt, ist das ganze Unternehmen und damit auch alle Mitarbeiter gefordert. Aber das Ganze ist auch eine Chance: Es ist eine Phase, bei der alle mithelfen und mit anpacken können. Damit haben die Mitarbeiter auch die Möglichkeit zu zeigen, dass sie fähig sind, Verantwortung zu tragen. Wenn ich in Staiblins Situation wäre, würde ich versuchen, die Mitarbeiter mit ins Boot zu holen und sie zu motivieren.

Apropos Pause: Alpiq kommunizierte, dass Frau Staiblin die vollen 14 Wochen Mutterschaftsurlaub bezieht. Sollte sie als Führungsperson allenfalls verkürzt Urlaub machen? Und darf man so etwas überhaupt fordern?
Nein, ich finde, das kann man nicht von ihr verlangen. Ich persönlich würde zwar versuchen, bereits vor Ablauf der 14 Wochen wieder zu arbeiten. Aber man weiss vor der Geburt nie, ob alles reibungslos verläuft und das Kind absolut gesund ist. Oder ob es einem selbst gesundheitlich gut geht. Selbst wenn Frau Staiblin plant, den Mutterschaftsurlaub zu verkürzen, würde ich an ihrer Stelle dies auch nicht bereits im Vorfeld kommunizieren. In einer solchen Situation kommen zu viele Unbekannte auf eine Frau zu. Es ist sicherlich nicht einfach, in ihrer Position kurz nach Stellenantritt so lange zu fehlen. Ich vermute, dass sich Frau Staiblin das Timing auch anders vorgestellt hat. Aber sie wird sicherlich nach einer Möglichkeit suchen, dass sie im Hintergrund weiterhin zur Verfügung steht und auch in wichtige Entscheide involviert wird.

Sie sind Geschäftsführerin der Schweizer Berghilfe – wie würden Sie reagieren, wenn eine Ihrer leitenden Mitarbeiterinnen kurz nach Stellenantritt schwanger würde?
Ich würde erst mal mit ihr klären, wie sie sich selbst ihre berufliche Zukunft vorstellt. Ich würde versuchen, miteinander einen Weg zu finden. Meine Erfahrung zeigt, dass es für jede Situation eine gute Lösung gibt. Auf keinen Fall würde ich aber einer Frau aufgrund der Schwangerschaft die Führungsposition aberkennen.

Auch nicht, wenn eine Frau kurz nach der Rückkehr in den Beruf wieder schwanger wird?
Damit muss man als Arbeitgeber rechnen. Der Vergleich ist zwar etwas abgelutscht, aber: Wenn ich einen jungen Mann mit einer leitenden Position betraue und er im Militär aufsteigt, dann wird er ebenfalls mehr Absenzen haben im Geschäft. So etwas kann ich als Chefin auch nicht planen. Mit solchen Abwesenheiten muss man umzugehen lernen – bei den Frauen wie auch den Männern.

Wird ein CEO Vater, vermelden dies die Medien in den meisten Fällen nicht mal. Wird, wie aktuell Jasmin Staiblin, eine Chefin Mutter, sorgt dies nicht selten für rote Köpfe. Sind solche Diskussionen Ihrer Meinung nach berechtigt?
Ich kann sie verstehen, weil eine solche Situation in der Schweiz, anders als in angelsächsischen Ländern, noch sehr ungewohnt ist. Denn Frauen, die an der Spitze eines Konzerns sind, sind rar. Noch seltener sind junge Frauen in Führungspositionen, die Familie haben oder wollen. Diese neue Situation braucht ein Umdenken. Ich hoffe aber, dass diese Situation bis in 20 Jahren zur Normalität gehört.

Erstellt: 21.02.2013, 18:32 Uhr

«Ich würde auf keinen Fall einer Frau aufgrund der Schwangerschaft die Führungsposition aberkennen»: Regula Straub, Geschäftsführerin der Schweizer Berghilfe. Die 52-Jährige arbeitete bereits früher in leitenden Positionen bei der UBS und der Swisscom und ist selbst dreifache Mutter. (Bild: zVg / Schweizer Berghilfe)

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