Frauen fahren gerne Schicht

Die Rekrutierungskampagne der VBZ, die sich an flinke Kellnerinnen, ambitionierte Coiffeusen und aufgeweckte Bäckerinnen richtet, hat Erfolg. 42 Prozent der Stellen im Tramcockpit gingen an Frauen.

Der Frauenanteil in den Tramcockpits der VBZ steigt: Eine Tramführerin auf der Linie 4 Richtung Bahnhof Altstetten.

Der Frauenanteil in den Tramcockpits der VBZ steigt: Eine Tramführerin auf der Linie 4 Richtung Bahnhof Altstetten. Bild: Alessandro Della Bella/Keystone

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Unternehmen, die Schichtarbeit kennen, haben zunehmend Mühe, Personal zu finden. Wer die Wahl zwischen dem Job mit geregelten Arbeitszeiten und jenem mit ungeregelten hat, muss meist nicht lange überlegen. Diese Erfahrung machen auch die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ); sie befinden sich in einer wenig komfortablen Personalsituation: Der Altersdurchschnitt liegt mit über 46 Jahren satte vier Jahre über dem Schweizer Schnitt. Zudem gehen immer mehr in Rente; von 2010 bis 2012 nahmen die Pensionierungen bereits um 60 Prozent zu. Und der Frauenanteil beträgt mickrige 18 Prozent.

VBZ-Personalchef Jörg Buckmann hat also Handlungsbedarf – insbesondere in den Führerständen von Tram und Bus, wo die VBZ pro Jahr 120 neue Fahrer benötigen. Während die Rekrutierung für die Busse recht gut funktioniert, harzte es bisher bei den Trams. Im typischen Quereinsteigerberuf hörten überdurchschnittlich viele zudem wieder auf, weil ihnen die Schichtarbeit nicht passte.

«Raus aus dem Gastgewerbe»

Was tun? Buckmann kam auf die Frau: «Der Arbeitsmarkt ist zu 45 Prozent weiblich, da schlummert Potenzial. Also sprechen wir mit zielgerichteten Kampagnen Frauen direkt an.» Aber nicht irgendwelche Frauen, sondern solche aus der Gastronomie, dem Verkauf und den Dienstleistungsbranchen wie Hairstyling oder Kosmetik – Zielgruppen, die zuvor nicht angesprochen worden waren. Denn Buckmann wusste aus Erfahrung: Berufstätige mit unregelmässigen Arbeitszeiten und Kundenkontakt steigen leichter ins Tramcockpit um. Frauen in Pflegeberufen wären ebenso geeignet, aber der städtische Arbeitgeber VBZ will städtische Spitäler und Altersheime nicht zu stark konkurrenzieren.

Bei den anderen Branchen kannten die VBZ und ihre Hausagentur Ruf Lanz kein Pardon: «Ich wollte aus dem Gastgewerbe raus und für meinen vollen Einsatz mal richtig bezahlt werden», erzählt die frühere Barkeeperin Rebecca Ogg im Jobvideo auf der VBZ-Website. Unregelmässige Arbeitszeiten gebe es zwar auch, aber Feierabend um Mitternacht heisse Schluss um Mitternacht und nicht erst, wenn der letzte Gast ausgetrunken hat. Doch auch die Nachteile werden nicht verschwiegen: «Gewöhnungsbedürftig sind die diversen Dienste», sagt die frühere Aussendienstmitarbeiterin Silvia Bauer. «Es gibt Dienste, da hast du zwei bis fünf Stunden Pause, damit musst du dich arrangieren.»

Solche Jobvideos sind bei den VBZ für jede ausgeschriebene Stelle Standard – mit dem Unterschied, dass sich im Normalfall jeweils der Vorgesetzte beim Interessenten als neuer Chef bewirbt. «Wir stecken viel Leidenschaft in jede ausgeschriebene Stelle», sagt Buckmann. Besonders stolz ist der Personalchef darauf, dass für jede Stelle das Lohnband aufgeführt ist. Mehr Transparenz geht nicht. Der Maschineningenieur erfährt so, dass er zwischen 98 000 und 130 000 Franken im Jahr verdienen wird.

«Die Strategie ging auf»

Nicht ganz so hoch ist der Lohn für neue Tramführerinnen. Doch die 5083 bis 5849 Franken pro Monat plus Nacht- und Wochenendzulagen von 200 bis 300 Franken lassen sich als Anfangslohn durchaus sehen – erst recht in der zweimonatigen Ausbildung. Damit potenzielle Interessentinnen das auch wissen, fahren die VBZ jeweils einen Monat lang eine Rekrutierungskampagne auf allen Kanälen: Plakate, Inserate print und online, Radiospots, Kinowerbung, Facebook, Infoabende – und natürlich Werbung auf Trams und Bussen.

«Die Strategie ging auf», sagt Buckmann. «Vor wenigen Tagen haben wir die Rekrutierung 2013 abgeschlossen und können mit viel Freude einen Frauenanteil von 42 Prozent verkünden.» Und das ohne Quotendruck, wie der Personalchef betont. Deutlich weniger erfolgreich waren die VBZ 2009 auf ihrer Personalsuche in Ostdeutschland gewesen. Zumindest auf den ersten Blick: Der Ertrag einer Vielzahl von Infoveranstaltungen an drei Tagen in Leipzig und Dresden beschränkte sich auf sieben Direktanstellungen deutscher Bewerber. Dennoch buchten die VBZ den Gang über den Rhein als Erfolg ab. Der Grund: Das Medienecho in Deutschland und in der Schweiz war gewaltig, und darauf hagelte es Bewerbungen – allerdings aus der Schweiz.

«Wir haben errechnet, dass uns die gleiche Präsenz als Werbung über 200 000 Franken gekostet hätte», sagt Buckmann. Tatsächlich porträtierte der TV-Sender Vox noch im September 2012 einen deutschen Busfahrer, der nach Zürich auswanderte und von den Weiterbildungsangeboten der VBZ und vom dreimal höheren Gehalt schwärmte. Personalchef Buckmann liebt solche Sendungen. «Eine bessere Werbung kriegen Sie nicht.»


Das Jobvideo der VBZ www.quereinsteigerinnen.tagesanzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2013, 10:31 Uhr

SBB werben in Deutschland wenig erfolgreich

Auch die SBB gehören zu den Unternehmen, die ohne Schichtarbeit gar nicht funktionieren könnten – und auch sie haben immer mehr Mühe, für Jobs mit unregelmässigen Diensten und Wochenendeinsätzen Personal zu finden. Sprecher Christian Ginsig spricht von einer «grossen Herausforderung» und einem «ausgetrockneten Arbeitsmarkt». Über ihr Jobportal suchen die SBB deshalb Quereinsteigerinnen, die sich während acht Monaten zu Zugverkehrsleiterinnen ausbilden lassen. Diese stellen Weichen und Signale für Tausende von Zügen und müssen bei Störungen rasch reagieren. In Deutschland machten im Frühling Plakate und Gratispostkarten in Cafés und Restaurants darauf aufmerksam, dass die Schweizer Bahn männliche und weibliche «Weichensteller» sucht. Der Erfolg hält sich laut Ginsig in Grenzen: «Eine Handvoll Mitarbeitende konnten rekrutiert werden.» Dabei ist der Bedarf gross: Wegen Pensionierungen und der Fluktuation liegt er bei 120 Neueinstellungen pro Jahr.(meo)

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