«Frauen und Männer haben mehr Gemeinsames als Trennendes»

Suzanne Thoma ist bereits die zweite Frau an der Spitze eines Schweizer Stromkonzerns. Die neue BKW-Chefin über das baldige Aus von Mühleberg, weibliche Energiepolitik und ihr Privatleben.

«Wir setzen vermehrt auf erneuerbare Energien»: Die neue BKW-Chefin Suzanne Thoma am Hauptsitz der BKW in der Stadt Bern. Im Hintergrund ein Bild des Wasserkraftwerks Aarberg.

«Wir setzen vermehrt auf erneuerbare Energien»: Die neue BKW-Chefin Suzanne Thoma am Hauptsitz der BKW in der Stadt Bern. Im Hintergrund ein Bild des Wasserkraftwerks Aarberg. Bild: Andreas Blatter

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frau Thoma, Sie sind erst seit 2010 bei der BKW. Jetzt wurden Sie zur neuen Chefin gewählt. Was ist Ihr Rezept für eine solche Blitzkarriere?
Also ein Rezept im eigentlichen Sinn habe ich nicht. Ich bin 2010 zur BKW gekommen, um die Abteilung Netze zu leiten. Ich wollte das auch einige Jahre machen. Doch jetzt haben sich die Umstände geändert. Ich habe mich auf die Ausschreibung übrigens ganz normal beworben.

Dass Sie eine Frau sind, hat das bei Ihrer Wahl eine Rolle gespielt?
Das weiss ich nicht. Ich kann nur sagen, dass es im gesamten Bewerbungsprozess nie ein Thema gewesen ist.

In der Energiebranche scheint Frauenpower angesagt zu sein. Auch beim Energiekonzern Alpiq übernimmt mit Jasmin Staiblin bald eine Frau den CEO-Job.
Es braucht kompetente und einsatzbereite Personen. Diese können auch weiblich sein.

Man hat den Eindruck, als werde eine neue Ära eingeläutet: Und die Frauen an der Spitze symbolisieren die Energiewende.
Mit dem geplanten Umbau des Energiesystems leben wir tatsächlich in einer neuen Ära. Die Politik verlangt, dass wir diese Energiewende umsetzen. Wir müssen zeigen, was technologisch und finanziell möglich ist. Mit Blick auf den grossen Wandel ist das Führen eines Stromunternehmens heute schon anders als vor zehn Jahren.

Glauben Sie, dass der Atomausstieg in der Schweiz möglich ist?
Ja. Die technologischen Grundlagen sind vorhanden. Wir wissen heute noch nicht, wie hoch die Kosten sein werden. Unklar ist auch, mit wie vielen Einschränkungen für die Konsumenten der Ausstieg verbunden sein wird. Aber wenn wir den Ausstieg wirklich wollen, werden wir Möglichkeiten finden.

Die BKW will das AKW Mühleberg 2022 abschalten. Wollen Sie diesen Prozess bis zum Schluss als CEO begleiten?
Ich habe keinen persönlichen Zehnjahresplan. Aber was ich sagen kann: Ich sehe in der Energiewende vor allem eine unternehmerische Chance für die BKW. Wir haben klar gesagt, dass wir künftig vermehrt auf erneuerbare Energien setzen.

Als BKW-Chefin werden Sie stärker im Fokus stehen – insbesondere im Hinblick auf das AKW Mühleberg. Wie werden Sie damit umgehen?
Ich stehe hinter dem, was die BKW mit dem Kernkraftwerk Mühleberg plant. Wir wollen einen planbaren und schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie. Dass dies nicht überall auf Gegenliebe stösst, habe ich gewusst. Es hat mich aber nicht von einer Bewerbung für den CEO-Job der BKW abgehalten.

Ihr Vorgänger Kurt Rohrbach ist bei den AKW-Gegnern ein rotes Tuch. Jetzt könnten Sie zur neuen Zielscheibe werden.
Die Energiewende kann nur gelingen, wenn wir ein Miteinander haben. Und ich hoffe, dass sich die Diskussion um das Kernkraftwerk Mühleberg versachlicht.

Finden Sie auch, dass Kernenergie männlich behaftet ist, die Energiewende aber weiblich?
(lacht) Ich erachte solche Kategorisierungen als oberflächlich. Frauen und Männer haben mehr Gemeinsames als Trennendes. Vielleicht kann man sagen, dass die Lebenserfahrungen unterschiedlich sind, insofern gibt es andere Einstellungen zu den Technologien. Aber mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen.

Welches Verhältnis haben Sie zur Atomenergie?
Ich habe eine neutral-sachliche Distanz. Jede Technologie hat Vorteile und Nachteile. Es gibt keine Energieform, die nur Vorteile hat. Die Gesellschaft muss sich fragen, was sie will – und letztlich bereit sein, auch die Nachteile zu akzeptieren.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für die BKW?
Wir müssen auch in den nächsten zehn Jahren unsere Produktion und unsere Netzinfrastruktur ausbauen. Das heisst, wir benötigen vergleichsweise viele Investitionsmittel. Das Problem dabei: Wir investieren im heutigen schwierigen Umfeld auf Jahrzehnte hinaus. In erster Linie handelt es sich um betriebswirtschaftliche Herausforderungen.

Würde der Bau eines neuen Gaskraftwerks in Utzenstorf Ihnen dabei vieles erleichtern?
Das kann man so kaum sagen. Unter den heutigen Umständen rechnet sich ein Gaskraftwerk nicht.

Betreibt die BKW darum Lobbying, um die CO2-Regeln zu lockern und so Gaskraftwerke zu erleichtern?
Von diesem Lobbying weiss ich nichts. Aber es wird offen diskutiert, dass der Ausstieg aus der Kernenergie zum Bau von neuen Gaskraftwerken führen könnte – als Übergangslösung.

Wann wird die BKW ein Gaskraftwerk bauen?
Der Bau wäre eine Option, wenn es die Versorgungssituation erfordern würde und die Wirtschaftlichkeit gegeben wäre.

Kurt Rohrbach bleibt als Vizepräsident des Verwaltungsrats eine starke Figur in der BKW. Wie teilen Sie sich auf?
Ich habe vor, meine Rolle als CEO umfassend wahrzunehmen. Ein grosser Teil sind operative Arbeiten. Ich werde aber auch den Kontakt mit der Öffentlichkeit und der Politik suchen und pflegen. Eine diesbezügliche Aufgabenteilung mit Herrn Rohrbach gibt es nicht.

Haben Sie nicht Angst, dass er Ihnen ständig dreinredet?
Nein. Herr Rohrbach hat viel Erfahrung. Ich werde gerne darauf zurückgreifen und mit ihm den Dialog pflegen.

Wollen Sie bei der BKW einen neuen Führungsstil einführen?
Ich denke schon, dass es Veränderungen geben wird. Ich bin geprägt von einem industriellen und kompetitiven Umfeld. Ich arbeitete in der Industriechemie, der Automobilzuliefer- und der Elektronikindustrie. Ich werde in der Führung eine Kombination pflegen – aus diesen Modellen und solchen, die sich an komplexeren und umfassenderen Prozessen orientieren.

Das klingt fast so, als wäre die BKW behäbig.
Die BKW ist sehr kompetent und zielgerichtet. Und wie bereits gesagt: Die BKW ist geprägt davon, hohe Investitionen auf Jahrzehnte hinaus zu tätigen. Da ist es manchmal besser, man lässt sich für einen Entscheid etwas mehr Zeit. Es herrscht ein anderer Rhythmus.

Sie sind Chemieingenieurin. Warum wechselten Sie in die Strombranche?
Ich hatte nie einen Wechsel in die Energiebranche geplant. Als sich jedoch die Möglichkeit abzeichnete, habe ich mich bewusst für die Strombranche entschieden. Ich finde diese Branche unglaublich spannend. Und es gefällt mir, im Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Politik zu arbeiten. Es befriedigt mich, in einem Unternehmen tätig zu sein, das mithilft, die Grundbedürfnisse der Menschen abzudecken. Das ist sinngebend.

Bleibt Ihnen da noch Zeit für Hobbys?
Mein Hobby ist es, meinen Freundes- und Bekanntenkreis zu pflegen. Das mache ich relativ bewusst. Andernfalls würde dieser auseinanderfallen. Zudem versuche ich, mich mit Sport fit zu halten, und ich lese gerne ein gutes Buch. Ein aufwendiges Hobby habe ich jedoch nicht.

Als Mutter von zwei Töchtern und Managerin haben Sie wohl auch kaum die Musse dazu.
Ich habe mich tatsächlich etwas daran gewöhnt, wenig Zeit für Hobbys zu haben. Aber es ist auch wunderschön, engagiert im Beruf zu sein und eine Familie zu haben. Auch wenn es manchmal etwas anstrengend ist, bedeutet mir dies viel Lebensqualität.

Als neue BKW-Chefin bleibt Ihnen noch weniger Freizeit.
Ja. Ich gehe davon aus, dass sich die Kadenz im Beruf nochmals erhöhen wird.

Erstellt: 19.09.2012, 11:01 Uhr

Suzanne Thoma

Die 50-Jährige war der breiten Öffentlichkeit bislang weitgehend unbekannt. Seit August 2010 leitet Suzanne Thoma beim Berner Energiekonzern BKW den Geschäftsbereich Netze. Anfang 2013 wird sie neue Chefin des gesamten Konzerns.
Thoma hat ihr Studium der Chemieingenieurtechnik an der ETH Zürich mit einem Doktorat abgeschlossen. Zudem verfügt sie über eine Zusatzausbildung in Wirtschaft. Bevor Thoma zur BKW kam, leitete sie die Division Automotive bei der Wicor Group in Rapperswil. Davor hatte sie das Hightechunternehmen Rolic Technologies Ltd. geführt. Als «meine beruflichen Wurzeln» bezeichnet Thoma ihre frühere Arbeit bei der Ciba Spezialitätenchemie AG in Basel. Bei dieser Firma war sie während zwölf Jahren tätig. In Basel war Thoma kurze Zeit auch politisch aktiv. Während anderthalb Jahren war sie Vorstandsmitglied der FDP Basel-Stadt.

Aufgewachsen ist die neue BKW-Chefin im Kanton Zug. Ihren deutschen Nachnamen hat sie von ihrem Vater, der vor Jahren aus Deutschland in die Schweiz eingewandert ist. Seit sie bei der BKW arbeitet, wohnt Thoma in der Stadt Bern. Sie hat zwei Töchter im Alter von 20 und 22 Jahren. Beide studieren an der ETH Zürich.

Thoma wird Nachfolgerin von Kurt Rohrbach. Dieser bleibt der BKW als vollamtlicher zweiter Vizepräsident erhalten. Auch das Präsidium des Verbands Schweizer Elektrizitätsunternehmen gibt Rohrbach nicht ab.

Das Wahlprozedere

Die neue Chefin des Berner Energiekonzerns BKW musste einige Hürden überwinden: Ende März dieses Jahres schrieb die BKW die Nachfolge des abtretenden Chefs Kurt Rohrbach öffentlich aus – mit halbseitigen Inseraten in den Zeitungen. Letztlich hat sich Thoma gegen 100 Kandidatinnen und Kandidaten durchgesetzt. Gewählt hat sie der Verwaltungsrat am Montagabend.

Ein BKW-interner Ausschuss führte nach diversen Sichtungen schliesslich mit 12 potenziellen Kandidaten Gespräche. Zum Assessment eingeladen wurden laut BKW-Präsident Urs Gasche noch fünf Kandidaten. Eine Person hat sich jedoch vorzeitig zurückgezogen. Thoma hatte auch interne Konkurrenz: So soll Samuel Leupold bis in die Schlussrunde gekommen sein. Er leitet bei der BKW den Geschäftsbereich Energie International und Handel. Laut Gasche war Thoma in der Schlussrunde die einzige Frau. Für die Wahl soll das Geschlecht indes keine Rolle gespielt haben. «Es ist Zufall», sagt Gasche. Man habe die Person ausgewählt, die am besten geeignet sei. Dass auch der Energiekonzern Alpiq bald von einer Frau geführt wird, hat laut Gasche die BKW nicht unter Druck gesetzt. Im Gegenteil: «So haben wir uns freier gefühlt.»

Dass die Wahl letztlich auf Thoma gefallen ist, hat laut Gasche mit ihrer Ausbildung und ihrer Führungserfahrung zu tun. Eine Rolle gespielt habe aber auch, dass Thoma die BKW bereits gut kenne, nach zwei Jahren trotzdem aber noch eine gewisse Aussensicht habe.

Artikel zum Thema

Energiekonzern BKW setzt Frau an die Spitze

Energie Suzanne Thoma wird per 1. Mehr...

BKW steigert Reingewinn im ersten Halbjahr um rund ein Viertel

Energie Der Energiekonzern BKW hat im ersten Halbjahr 2012 trotz Preisdruck den Gewinn um rund ein Viertel auf 112,3 Millionen Mehr...

EU-Kommissare wollen Biosprit aus Getreide begrenzen

Biotreibstoff Brüssel Die EU-Kommissare für Energie und Klimawandel gehen im Streit um Biosprit in die Offensive. Mehr...

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...