Frauen wollen gar nicht Karriere machen? – Falsch

Sobald Kinder da sind, wollen die meisten Frauen gar nicht mehr Karriere machen – ist das wirklich wahr? Nein, sagt eine neue Studie.

Nicht der Familienstatus entscheidet, sondern die Firmenkultur: Eine Frau hält eine Präsentation.

Nicht der Familienstatus entscheidet, sondern die Firmenkultur: Eine Frau hält eine Präsentation. Bild: Keystone

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Sie könnten ja, aber sie wollen eigentlich gar nicht: Das ist eines der Totschlagargumente in der Diskussion um Frauen und Karriere. Viele Frauen seien zwar zu Beginn ihres Berufslebens ebenso ehrgeizig wie Männer, wird gesagt. Doch sobald die ersten Kinder kämen, entschieden sie sich oft gegen die Karriere und für die Familie. Frauenförderung erscheint aus dieser Perspektive sinnlos, eine Quote erst recht.

Doch existiert dieser «Ambitionen-Graben» zwischen Männern und Frauen wirklich? Nein, besagt eine Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group. Sie befragte mehr als 200’000 Menschen – darunter über 140’000 Frauen – aus 189 Ländern zu ihren Karrierezielen.

Dabei zeigte sich, dass Frauen wirklich mit demselben (oder sogar mehr) Ehrgeiz in ihr Berufsleben starten wie Männer. Und dass ihre Ambitionen sich danach tatsächlich verändern – allerdings nicht in Abhängigkeit von ihrem Familienstatus, sondern vom Unternehmen, in dem sie arbeiten.

Auch Männer verlieren den Ehrgeiz

Kinder zu haben, tut dem Ehrgeiz der Frauen laut der Studie keinen Abbruch. Denn der Wille, in eine Führungsposition aufzusteigen, entwickelt sich bei Frauen mit und ohne Kinder über die Zeit hinweg ähnlich – allerdings nur in Unternehmen, welche die Diversität fördern. «In Firmen, die eine positive Kultur und Einstellung gegenüber Geschlechterdiversität schaffen, wollen alle Frauen – auch Mütter – aufsteigen», so das Fazit. In diesen Firmen gibt es diesbezüglich übrigens auch zwischen Frauen und Männern keine grossen Unterschiede.

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Wollen Frauen gar nicht Karriere machen?






In Firmen hingegen, die sich aus Sicht ihrer Angestellten nicht besonders um die Diversität kümmern, tut sich mit der Zeit ein Graben zwischen Männern und Frauen auf. Sowohl Männer als auch Frauen verlieren eher den Ehrgeiz, eine höhere Position zu erreichen. Bei Frauen geht der Wille aber schneller verloren als bei Männern, wodurch dann der Graben entsteht.

Die Problematik sei also weder inhärent, noch habe sie mit der Mutterschaft zu tun, schreiben die BCG-Experten. Sie ergebe sich vielmehr aus den täglichen Erfahrungen, die Frauen am Arbeitsplatz machen. «Ambition ist kein fixiertes Attribut, sondern sie wird genährt – oder beschädigt – durch tägliche Interaktionen, Konversationen und Gelegenheiten, mit denen Frauen im Lauf der Zeit konfrontiert sind.»

«Einen Kinderhort zu bauen, reicht nicht»

Die Studienergebnisse könnten auch auf die Schweiz angewandt werden, sagt Clivia Koch, Präsidentin des Verbands Wirtschaftsfrauen Schweiz. Die Probleme beginnen laut Koch bei der Einstellung und ziehen sich danach durchs ganze Berufsleben. «Schon der Eintrittslohn von Frauen ist im Schnitt tiefer. Danach machen sie oft die Erfahrung, dass die Vorgesetzten ihnen weniger anspruchsvolle Aufgaben zuteilen, weil sie als weniger karriereorientiert gelten. Das ist demotivierend.»

Wolle ein Unternehmen die Motivation der Frauen erhalten, müsse es bei diesen tief verwurzelten Vorurteilen ansetzen. «Es reicht nicht, bloss einen Kinderhort zu bauen und sich danach als fortschrittlich zu bezeichnen. Es braucht eine Veränderung der Firmenkultur.» Dieser Prozess sei aufwendig und langwierig, weshalb laut Koch viele Firmen davor zurückschrecken. Er müsse deshalb von ganz oben angeordnet werden: «Eine wirkliche Veränderung lässt sich nur erzielen, wenn die Geschäftsleitung oder der Verwaltungsrat sie anordnen. Zum Beispiel, indem sie akzeptieren, dass Männer und Frauen Teilzeit arbeiten. Oder, indem sie auch Teilzeitangestellten verantwortungsvolle Aufgaben übertragen.»

Allzu oft falle den Chefs – und auch den Chefinnen – aber gar nicht auf, dass sie Frauen nach wie vor anders beurteilen als Männer, sagt Koch. «Erst, wenn sie sich ihrer Vorurteile bewusst werden, können sie die Firmenkultur nachhaltig verändern.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.08.2017, 19:48 Uhr

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