Frischer Wind für neuen Asien-Kurs

Der Schweizer Rückversicherungskonzern Swiss Re bekommt nach Stefan Lippe einen neuen Chef. Michel Liès will vor allem in Asien wachsen und holte sich dafür Regionalkompetenz von aussen.

Michel Liès wird neuer Konzernchef von Swiss Re: Liès in seiner damaligen Funktion als Leiter der Division Europa im Jahr 2001.

Michel Liès wird neuer Konzernchef von Swiss Re: Liès in seiner damaligen Funktion als Leiter der Division Europa im Jahr 2001. Bild: Keystone

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Beim Schweizer Rückversicherungskonzern Swiss Re wird die Führung erneut umgebaut. Michel Liès tritt Anfang Februar die Nachfolge von Stefan Lippe an, der frühzeitig in Pension geht. Der 57-jährige Liès steht bereits seit mehr als 30 Jahren im Dienst des Unternehmens. Zuletzt leitete der Luxemburger das internationale Geschäft. Der Vorgänger von Liès, der 56-jährige Stefan Lippe, hatte im Dezember des Vorjahres bereits angekündigt, nach drei Jahren als Konzernchef den Chefposten im Laufe des Jahres 2012 zu räumen. Die Bewegungen an der Konzernspitze dürften kaum Unruhe in das Unternehmen bringen, darüber herrscht Konsens unter Investoren und Marktbeobachtern. Die Aktie von Swiss Re hat nach Bekanntgabe der Personalrochaden am Vormittag leicht zugelegt.

Drittes Standbein ausbauen

Weltweit verzeichnet Asien nach wie vor das grösste Wirtschaftswachstum. Das Versicherungsgeschäft entwickelt sich üblicherweise prozyklisch: Geht es der Wirtschaft gut, dann geht es auch den Versicherern gut. Deshalb ortet der Konzern dort die besten Geschäftsaussichten. Aus diesem Grund hat der Verwaltungsrat per 15. März einen Geschäftsführer für diese Region von aussen geholt.

Moses Ojeisekhoba, der zuvor in leitender Position für das Versicherungsunternehmen Chubb tätig war, wird für seine Regionalkompetenzen eingekauft. Vor allem wegen seiner «ausgewiesenen Erstversicherungserfahrung» habe man ihn an Bord geholt. Das zeugt von den Restrukturierungsambitionen des Konzerns. Denn Erstversicherungen gehören nicht zum Kerngeschäft der Swiss Re. Primär verdient das Unternehmen mit Sitz in der Schweiz sein Geld nach wie vor mit Rückversicherungen. Neben dem Bereich Lebensversicherungen soll nun ein drittes Standbein mit Industrieversicherungen ausgebaut werden, und das vor allem in den aufstrebenden Ländern Asiens.

Das heute vermeldete Postenkarussell macht die neue Strategie deutlich: Liès leitete bereits ein Team, das sich um den Ausbau von Versicherungslösungen für Regierungen und Nichtregierungsorganisationen (NGO) und um den Bereich der Mikroversicherungen gekümmert hat. Für Firmen in den neuen Märkten sollen nun vermehrt Gebäudeversicherungen, Haftpflicht- und Kreditversicherungen etwa für grosse Handelsunternehmen angeboten werden. Den Fokus auf Asien zu legen, ist kein Zufall: In diesen Ländern gibt es nicht nur höhere Wachstumsraten, sondern «diese Gegenden sind aufgrund des Klimawandels überproportional von Naturkatastrophen betroffen», sagt ein Sprecher.

Die «guten» Risiken auswählen

Die Renditen bedeutend zu steigern ist in diesem Geschäft nicht einfach. Die Plätze unter den weltweit grössten Rückversicherern sind klar abgesteckt. Die Verdienstmöglichkeiten im angestammten Geschäft mit Rückversicherungen versprechen den Anlegern keine horrenden Gewinne mehr. Es komme darauf an, «wie gut wir darin sind, Versicherungsrisiken auf unsere Bücher zu nehmen und diese wirtschaftlich erfolgreich zu machen». «Gute» Risiken auszuwählen, die wenig Schäden produzieren und eine gute Prämie versprechen, sei eine Herausforderung.

Besonders die grössten Eigentümer von Swiss Re sowie auch deren Aktionäre dürfte das interessieren. Denn die Gewinnprognosen der Analysten sind zwar solide, aber auch nicht berauschend: Im Jahr 2010 hat Swiss Re einen Gewinn von 863 Millionen US-Dollar ausgewiesen, eine Steigerung von 74 Prozent zu 2009. Doch für 2011 lag das Gewinnwachstum lediglich bei 29 Prozent. Zahlreiche Grossschäden in Japan, Neuseeland und Australien waren überdurchschnittlich, sagt ein Swiss-Re-Sprecher, das habe den Gewinn für 2011 stark verringert. «Für 2012 bedeutet das aber, dass die Gewinnaussichten wieder steigen.» Im Februar stellt der Konzern die endgültigen Jahreszahlen vor.

Für Vontobel-Analyst Stefan Schürmann ist das wirtschaftliche Umfeld zwar «sicherlich herausfordernd», aber der eingeschlagene Weg des Verwaltungsrats zeugt von Kontinuität. Grosse Änderungen beim Geschäftsgang seien für dieses Jahr demnach nicht zu erwarten.

Immerhin will das Swiss-Re-Management beim Eigenkapital von derzeit rund 25 Milliarden Dollar um zehn Prozent zulegen. Die Investoren wird das freuen: Der Gewinn pro Aktie für 2010 lag im Vorjahr bei 2,52 US-Dollar. Für 2011 sollen es 4,49 Dollar Gewinn je Aktie werden. Auch für die Folgejahre sprechen die Analysten eine klare Kaufempfehlung aus. Der Gewinn je Aktie soll bis 2013 auf bis zu 6,30 Dollar steigen.

Erstellt: 19.01.2012, 15:46 Uhr

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Das Unternehmen ist fest in der Hand der grössten Geldverwalter der Welt wie etwa Franklin, Dodge & Cox oder Blackrock. Die Mehrheit des Aktienkapitals des Schweizer Versicherungskonzerns ist mit 47 Prozent in den USA angesiedelt. Nur neun Prozent der Aktionäre befinden sich im Inland. Grössere Übernahmen seien in der Branche nicht zu erwarten. Die meisten Konsolidierungen werde es auf den Bermudas geben, sagen Analysten. Dort gebe es einen gewissen regulatorischen Druck, wo die kritische Grösse des Unternehmens für dessen Überleben entscheidend sein werde. Dort werde es die meisten Übernahmen geben. Die Bermudas sind ein historisch bedeutender Versicherungsplatz, wo viele Rückversicherer ihren Sitz haben. Je mehr Versicherungsunternehmen dort vom Markt verschwinden werden, desto mehr Konkurrenz fällt auch für Swiss Re weg. (fib)

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