Fritz hat Nullzins, Hans zahlt 15 Prozent – machts klick?

Dafür muss es doch eine Lösung geben: Wie Sparbatzen und Kleinkredit zusammenkommen – ohne Bank. Und was dabei übrigbleibt.

Kredite sollen Träume ermöglichen. Ob mit mehr oder weniger Zins, das Erwachen kann schmerzen.

Kredite sollen Träume ermöglichen. Ob mit mehr oder weniger Zins, das Erwachen kann schmerzen. Bild: Fotolia

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Null Komma fast nix erhält, wer Geld auf einem Bankkonto hat. Bis 15 Prozent Zins bezahlt, wer von der Bank einen Kleinkredit will. Das Mittel liegt bei 11,5 Prozent.

Die Banken begründen die horrende Spanne mit dem Üblichen: hohem Aufwand, hohen Löhnen, hohem Risiko. Mag sein, ärgert trotzdem. Nun könnte man die Banken umgehen. Indem man tut, was vor ihrer Erfindung Sitte war: Geld von privat zu privat ausleihen.

Wenn ich dem Kollegen 1000 Franken zu 5 Prozent gebe, verdiene ich im Jahr 50 Franken. Bei der Bank bekäme ich etwa 5 Franken. Weil die Gebühren den Fünfliber pulverisieren, muss ich noch draufzahlen. Und der Kollege freut sich, dass er neben der Abzahlung statt der wuchernahen 150 Franken bloss 50 Franken überweisen muss.

Test über 15 000 Franken . . .

Die Sache hat leider Haken. Wie finde ich den Kollegen, und wie findet er mich? Und: Was passiert, wenn er nicht zahlen kann oder will? Wie für fast alles hat die digitale Welt dafür eine Lösung.

Portale stückeln das Risiko dieser sogenannten Peer-to-Peer-Kredite. Im Ausland sind solche Anbieter schon länger am Werk. In der Schweiz bietet Ca­share seit 2008 diese Dienste an. Erst seit dem vergangenen Frühling ist Creditgate 24 auf dem Markt.

Diese Zeitung hat bei Credit­gate 24 einen fingierten Kredit beantragt. Das Unternehmen versichert, bei diesem Test keine Vorzugskonditionen angewendet zu haben. Die Vorgaben: 15 000 Franken für eine Zahnbehandlung, rückzahlbar mit 36 Monatsraten. Über Internetformulare müssen wir die Situation offen­legen:

Die Testperson ist Angestellter, verdient 13-mal 6500 Franken. Er hat Wohnkosten von 2000 Franken und ist verheiratet. Das Paar hat keine Kinder und bezahlt zusammen 700 Franken Krankenkassenprämien. Fürs Auto und für den ÖV fallen 550 Franken an. Ein realer Kreditnehmer müsste nun den Scan seines Personalausweises über­mitteln.

. . . mit 7,9 Prozent ins Netz

Nach zwei Stunden kommt die Antwort: 36 Monatsraten zu 458 Franken. Inbegriffen ist eine Restlaufzeitversicherung. Der Kredit kostet insgesamt 1648 Franken. Das entspricht einem Zins von 7,9 Prozent. Eingeschlossen sind die Versicherung und die Creditgate-Gebühren. Der Kreditnehmer bekommt die 15'000 Franken noch nicht ausbezahlt. Creditgate 24 ist nur Vermittler.

Das Portal stellt den Kreditwunsch nun ins Netz und wartet mit dem Kreditnehmer auf Anleger. Creditgate 24 finanziert sich über eine Gebühr. In unserem Test sind es 315 Franken, die der Kreditnehmer übernimmt. Die Ausschreibung hat einen Endtermin. Das Darlehen kommt nur zustande, wenn die Anleger den Betrag vollständig zeichnen.

Nun wechseln wir die Seite und gesellen uns zu den Anlegern. In unserem Testfall könnte jemand den ganzen Betrag von 15'000 Franken übernehmen. Üblich ist aber, dass Anleger bloss Teile davon zeichnen.

Ob ganz oder teilweise: Die Rendite bleibt gleich: 4 Prozent. In der Marge zwischen diesem Wert und den 7,9 Prozent des Kreditnehmers sind die Versicherungsprämien und die ­Creditgate-Gebühren enthalten. Real warteten gestern bei Creditgate 24 sieben Kredite auf Anleger: Die gesuchten Darlehen lagen zwischen 18'000 und 125'000 Franken, die Renditen zwischen 4,31 und 9,89 Prozent.

Die einzelnen Anleger engagierten sich mit 500 bis 5000 Franken. Die Kreditnehmer wollten das Geld für Immobilien, Umschuldungen, Fahrzeuge oder Firmengründungen einsetzen.

Gläserner Schuldner auch hier

4 bis 7 Prozent Rendite tönt gut. Allerdings: Hohe Rendite heisst hohes Risiko. Creditgate 24 will dieses vermindern, indem es die Bonität des Schuldners überprüft. Dienste, die Wirtschaftsinformationen liefern, Moneyhouse etwa, vermitteln gegen ­Bezahlung Angaben über unsere Zahlungsfähigkeit.

Jetzt, wo der Internethandel boomt, sammelt sich viel an. Das ist für uns Konsumenten unsympathisch, für den Kreditvermittler aber praktisch. Wenn er Zweifel hat, verlangt er den Lohnausweis oder einen Auszug aus dem Betreibungsregister. Ähnlich wie Creditgate 24 arbeiten auch konventionelle Verleiher, die Banken.

Unser Testkredit hat nach Creditgate 24 gute Chancen, genügend Anleger zu finden. Wir müssen für die 15 000 Franken 7,9 Prozent Zins zahlen. In der Werbung versprechen die konventionellen Institute ähnliche Kon­ditionen, die Migros-Bank zum Beispiel.

Das Kleinkreditinstitut Bank Now ist eine Tochtergesellschaft der Credit Suisse und fordert zwischen 8 und 11 Prozent. Werbung und Realität klaffen allerdings auseinander. Dem Vernehmen nach weist die Migros-Bank einen Grossteil der Anfragen ab. Bei der Bank Now und anderen Instituten liegt das Zinsmittel bei etwa 11 Prozent.

Das entscheidende Problem für den Anleger ist das Vertrauen. Creditgate 24 verspricht, die Zahlungsfähigkeit zu überprüfen. Überdies kommt der Kreditnehmer nur zu günstigen Konditionen, wenn er eine Restlaufzeitversicherung abschliesst.

Sie ­bezahlt die Raten, wenn der Schuldner arbeitslos oder ar­beitsunfähig wird. Creditgate 24 versichert auf Anfrage, dass man mit einem Inkassobüro zusammenarbeite. Und wenn Credit­gate 24 selbst schlappmache, sei alles «genau geregelt».

So oder so gefährlich

Sei es mit hohem oder etwas tieferem Zins: Kleinkredite sind gefährlich. Die Schuldenberatungsstellen wissen das am besten. Sie haben viel Erfahrung mit Menschen, denen deswegen das Wasser bis zum Hals steht. Mario Roncoroni von der Fachstelle Berner Schuldenberatung billigt den Peer-to-Peer-Krediten zu, dass sie die Marktmacht der Banken brechen können.

Bei seiner Beratungsstelle sei diese Art der Geldbeschaffung noch kaum ein Thema. Doch: «Ich bin überzeugt, dass Peer-to-Peer-Kredite im Kommen sind.»
www.creditgate24.com (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.12.2015, 12:04 Uhr

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