«Früher galt die Schweiz als ‹safe haven›»

Immer weniger Ausländer arbeiten in den Schweizer Chefetagen – und was ist mit dem Frauenanteil? Headhunter Guido Schilling sagt, was sich in den letzten Jahren getan hat.

«Der Frauenanteil wird dereinst über den Geschäftserfolg entscheiden»: Headhunter Guido Schilling.

«Der Frauenanteil wird dereinst über den Geschäftserfolg entscheiden»: Headhunter Guido Schilling.

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Herr Schilling, laut Ihrer Studie hat sich der Anteil ausländischer Führungskräfte im letzten Jahr weiter verringert, er beträgt heute 42 Prozent. Hätten Sie das erwartet?
Ja, aufgrund der Geschehnisse in den vergangenen zwölf Monaten war das vorhersehbar. Der Aufwand wächst, den Unternehmen betreiben müssen, um die besten Führungskräfte zu gewinnen. Die wirtschaftlichen Bedingungen in den jeweiligen Heimatländern sind nochmals besser geworden, vor allem im Hauptrekrutierungsmarkt Deutschland. Gleichzeitig hat sich das politische Klima mit der Zuwanderungsinitiative weiter verschlechtert.

Stellt der 9. Februar 2014 für Sie als Headhunter eine Zäsur dar?
Nein, er war bloss die amtliche Bestätigung eines Wandels, der sich bereits abgezeichnet hatte. Schon ein Jahr zuvor begannen die internationalen Medien, verstärkt über die kontroversen Diskussionen in der Schweiz zum Thema Ausländer zu berichten – wohl auch mit einem gewissen Eigeninteresse. Jedem Land ist daran gelegen, die besten Arbeitskräfte zu behalten, besonders wenn die Wirtschaft wieder zu laufen beginnt. Früher galt die Schweiz bei Führungskräften als «safe haven», in dem sie sich um ihren Beruf kümmern konnten, während ihre Familie das bestmögliche Umfeld fand. Das ist heute nicht mehr so.

Ist das nun ein Trend, der sich fortsetzt? Wird der Ausländeranteil auf Schweizer Chefetagen weiter sinken?
Ich denke, er wird in den nächsten Jahren auf diesem Niveau stagnieren oder noch weiter abnehmen. Der Bedarf an Nachwuchs steigt zwar wegen der demografischen Entwicklung, es rücken weniger neue Fachkräfte nach. Ich könnte mir aber vorstellen, dass gerade grosse Unternehmen damit beginnen, ihre Topleute im Ausland auszubilden, weil sie ihre Geschäftstätigkeiten dort ausbauen. Ausserdem ist der «berufliche Aufstieg über alles» nicht mehr so angesagt: Vielen jungen, ausländischen Talenten sind ihre Familien und ihre Work-Life-Balance so wichtig, dass sie nicht bereit sind, ihr Heimatland für den Job zu verlassen.

Die Ausländer werden künftig also eher weniger Chefposten in der Schweiz besetzen – tun sich hier neue Chancen für Frauen auf?
Das wäre zu hoffen. Unsere Studie hat gezeigt, dass viele Unternehmen erkannt haben, wie wichtig Geschlechtervielfalt in Führungspositionen ist. Auf unterer und mittlerer Führungsebene liegt der Frauenanteil mittlerweile bei 20 bis 30 Prozent, nun geht es darum, sie bis zur obersten Stufe zu begleiten. Bis jetzt ist das nicht passiert, weil die entsprechenden Vorbilder fehlten: Frauen, die vormachen, wie man bis zur Spitze kommen und allenfalls gleichzeitig eine Familie haben kann. So haben sich viele im mittleren Kader eingerichtet, obwohl sie es theoretisch nach oben schaffen könnten, sich dort aber stärker exponieren und durchsetzen müssten. Erreicht eine Frau dann doch einmal die Chefetage, scheidet sie im Durchschnitt früher wieder aus.

Warum ist das so?
Die Atmosphäre dort ist noch immer sehr männlich, der Umgangston ruppig, das Konkurrenzdenken gross. Die meisten Frauen sind keine Alleinverdienerinnen, sondern haben einen Mann an der Seite, der ebenfalls berufstätig ist. Sie können dieser Atmosphäre leichter den Rücken kehren, wenn sie ihnen nicht zusagt.

Sie sagen, viele Unternehmen hätten erkannt, wie wichtig ein höherer Frauenanteil ist. Nun wird das schon seit Jahren propagiert, wirklich ändern tut sich aber nichts.
Das stimmt so nicht. Natürlich ist der Frauenanteil mit 15 Prozent in den Verwaltungsräten und sechs Prozent in den Geschäftsleitungen noch immer viel zu tief. Aber in den Verwaltungsräten wird mittlerweile jeder dritte vakante Posten mit einer Frau besetzt – das ist eine Sensation. Viele Unternehmen suchen nun aktiv nach geeigneten Frauen und finden diese auch. Oft sind sie erstaunt, wie viele Kandidatinnen wir ihnen präsentieren können, und fragen uns: Wo waren diese Frauen bis jetzt? Sie haben ganz einfach an den falschen Orten gesucht, in den Männerclubs oder in den Geschäftsleitungen anderer Firmen. Das ändert sich jetzt. Geht es so weiter, könnten wir bis 2020 den vom Bundesrat geforderten 30-prozentigen Frauenanteil im Verwaltungsrat erreicht haben.

Weniger sensationell sieht es in den Geschäftsleitungen aus: In zehn Jahren ist der Frauenanteil dort lediglich um zwei Prozent gestiegen.
Das stimmt, hier haben wir immer noch ein Problem, und zwar der fehlende Nachwuchs. Wer das nicht wahrhaben will, ist wirtschaftsfremd. Es dauert durchschnittlich 14 Jahre, bis ein geeigneter Kandidat es vom Eintritt in eine Firma bis in die Geschäftsleitung schafft. Viele Frauen stehen am Anfang dieser Laufbahn und haben gute Voraussetzungen, sie sind aber noch nicht bereit für den Chefposten. Es ist ein Generationenthema. In zehn bis 15 Jahren werden wir an einem ganz anderen Punkt stehen.

Wie geht es weiter, wenn eine Frau es dann doch einmal an die Spitze geschafft hat? Wie gross ist ihr Einfluss auf die Frauenquote?
Wir konnten hier keinen statistischen Zusammenhang finden. Die Anzahl der Frauen im Verwaltungsrat hat keinen Einfluss auf die Anzahl Frauen in der Geschäftsleitung. Gleichzeitig bleibt eine Frau in der Geschäftsleitung oft einsam, die Chancen für eine weitere Frau steigen durch ihren Einsitz nicht. Es ist also kein sich selbst verstärkender Effekt, wohl eben wegen der zu kleinen Zahl an geeigneten Kandidatinnen. Was wir aber belegen können: Scheidet eine Frau aus der Geschäftsleitung aus, wird das betreffende Unternehmen viel eher wieder nach einer Frau suchen als ein Unternehmen, welches noch keine Frau im Gremium hat.

Das betrifft allerdings bloss eine von drei Firmen: Bei 80 der 120 grössten Schweizer Arbeitgeber sitzt keine einzige Frau in der Geschäftsleitung.
Diese Firmen haben noch nicht erkannt, dass der Frauenanteil dereinst über ihren Geschäftserfolg entscheiden wird. Beim nächsten Wirtschaftsaufschwung wird sich die Spreu vom Weizen trennen. Denn wie eingangs gesagt: Die Rekrutierung aus dem Ausland wird mit jedem Jahr schwieriger. Unternehmen, die wachsen wollen, sind künftig auf fähige Frauen angewiesen. Und die stehen ihnen nur zur Verfügung, wenn sie in deren Aufbau investieren. Wer glaubt, er könne die Frauen dann von der Konkurrenz abwerben, wird das Nachsehen haben.

Warum sind Sie sich da so sicher?
Wer Frauen ins Topmanagement bringen will, muss sie intern entwickeln, das ist der Königsweg. Ich weiss aus Erfahrung, dass viele Frauen vertraute Umgebungen schätzen und das Risiko des externen Stellenwechsels eher scheuen. Unternehmen müssen darum gute Weiterentwicklungs- und Arbeitsmodelle anbieten, die den Ansprüchen der Frauen gerecht werden. Flexible Arbeitszeitmodelle oder geteilte Stellen sind nur zwei Stichworte. Weibliche Führungskräfte von aussen holen, ohne zu wissen, welche Bedürfnisse sie haben – so lassen sich Frauen nicht nachhaltig eingliedern.

Erstellt: 05.03.2015, 17:54 Uhr

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