Für Glencore wird es gefährlich

London nimmt Ermittlungen auf gegen den Schweizer Rohstoffriesen. Der Aktienkurs brach ein, der Chef sagt, er gebe seinen Posten wohl früher ab.

Die Kupfer- und Kobalt-Mine Katanga in der Demokratischen Republik Kongo könnte dem Schweizer Rohstoffriesen Glencore zum Verhängnis werden. Diese Geschäfte in Afrika sind womöglich der Anlass für Ermittlungen in London.  Foto: Simon Dawson (Getty)

Die Kupfer- und Kobalt-Mine Katanga in der Demokratischen Republik Kongo könnte dem Schweizer Rohstoffriesen Glencore zum Verhängnis werden. Diese Geschäfte in Afrika sind womöglich der Anlass für Ermittlungen in London. Foto: Simon Dawson (Getty)

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Die zentrale britische Antikorruptionsbehörde SFO führt Ermittlungen gegen Glencore, die grösste Schweizer Firma, durch. Der Verdacht: Korruption. Die Briten sagen, ihre Untersuchung erstrecke sich nicht nur auf den Konzern, sondern auch auf die Führungsebene, auf Mitarbeiter und auf verbundene Personen. Glencore selber will keine Details zum Verfahren bekannt geben.

Der Zuger Rohstoffriese kam letztes Jahr bereits ins Visier der grössten Ermittlungsbehörde der Welt: Das US Department of Justice hatte bekannt gemacht, dass es von Glencore Dokumente anforderte im Zuge einer Untersuchung wegen Korruption und Geldwäsche im Kongo, in Venezuela und Nigeria. Mit dem Vorstoss der Briten gerät der Konzern nun definitiv in die Krise. Unmittelbar nachdem die Meldung publik wurde, sackte der Aktienkurs um mehr als sieben Prozent in den Keller.

Es gibt mehrere Gründe, warum das Verfahren des SFO für Glencore brandgefährlich ist. Die Firma ist an der Londoner Börse gelistet. Die Briten haben also einen viel stärkeren Zugriff auf die Firma als die Amerikaner. Der US-Gründer von Glencore, Marc Rich, hatte nach Schwierigkeiten mit den Steuerbehörden den Konzern kurzerhand in die Schweiz gebracht und Amerika stets gemieden.

Der zweite Grund, warum dem Schweizer Konzern von den Briten womöglich mehr Schaden droht als von den Amerikanern, liegt an einem einzigen Mann: Dan Gertler.

Der israelische Rohstoffhändler war einer der grössten Geschäftspartner von Glencore. Die Zuger haben dem Israeli insgesamt fast eine Milliarde Dollar geliehen für dessen Minengeschäfte in der Demokratischen Republik Kongo. Oft waren sie sogar direkte Geschäftspartner.

Der israelische Rohstoffhändler Dan Gertler hat von Glencore Darlehen über fast eine Milliarde Dollar erhalten. Jetzt steht er auf der US-Sanktionsliste wegen Korruption. Foto: Simon Dawson (Getty)

Letztes Jahr machte diese Zeitung publik, dass London gegen Gertler ermittelt. Der Schweizer Anwalt Marc Bonnant bestätigte, dass das SFO Gertlers Kontodokumente aus der Schweiz angefordert hatte.

Es war bekannt, dass die Briten auch Gertlers Geschäftspartner im Kongo im Visier hatten. Doch im Fokus standen lange andere Firmen. Im Mai 2018 berichtete dann die Nachrichtenagentur Bloomberg mit Verweis auf anonyme Quellen, dass London im Zuge des Gertler-Falles auch ein Verfahren gegen Glencore eröffnen könnte. Bereits aufgrund dieser Spekulation brach der Aktienkurs damals kräftig ein. Mit der offiziellen Bestätigung heute reagierte der Markt noch harscher.

Glencore erhielt Minenlizenzen billiger

Gertler ist für Glencore so problematisch, weil er einer der engsten Freunde des früheren kongolesischen Präsidenten Joseph Kabila ist. Seit fast zwanzig Jahren warnen die UN, die Weltbank und sogar das kongolesische Parlament vor möglichen korrupten Deals. Das alles hielt Glencore nicht davon ab, ihn zu ihrem Hauptpartner im Kongo zu machen. Dank dem Datenleck Paradise Papers wurde dann 2017 publik, dass Glencore Minenlizenzen um Hunderte Millionen Dollar billiger erhielt, nachdem die Firma Gertler eingeschaltet hatte.

Kurz danach kam der Israeli auf die Sanktionsliste der USA. Er habe Milliarden angehäuft mit «korrupten Minen und Öldeals im Kongo», schreibt das US-Finanzministerium. «Gertler hat seine enge Freundschaft mit Kabila genutzt, um sich als Mittelsmann für den Verkauf von Minengeschäften zu positionieren.» Internationale Firmen seien so gezwungen gewesen, Minen im Kongo via Gertler zu erwerben.

Glencore-CEO Ivan Glasenberg deutet an, dass er früher geht als geplant. Foto: Nicola Pitaro

Ob das SFO tatsächlich wegen des Kongo gegen den Zuger Konzern ermittelt, ist nach wie vor unklar. Im Fall Gertler ist in der Schweizseit zwei Jahren eine Strafanzeige gegen Glencore hängig. Die Entwicklungsorganisation Public Eye hatte sie nach den Paradise Papers bei der Bundesanwaltschaft eingereicht. Sie ermittle «gegen unbekannt», sagte die Behörde diesen Frühling. Gestern wollte die Bundesanwaltschaft nicht Stellung nehmen: «Die Kommunikationslage ist unverändert.»

Public Eye will das nicht hinnehmen: «Es ist an der Zeit, dass die Bundesanwaltschaft Klarheit schafft, was sie in all dieser Zeit unternommen hat», sagt Oliver Classen von Public Eye. Es deute einiges darauf hin, dass es auch in London um Glencores Geschäfte mit Gertler gehe.

Die jüngsten Turbulenzen lassen Andeutungen von Glencore-Chef Ivan Glasenberg am Dienstag in einem neuen Licht erscheinen. Vor Investoren sagte Glasenberg, dass er womöglich schneller als bisher angenommen die Führung des Rohstoffkonzerns abgebe: «Es könnte bald geschehen.» Letztes Jahr sagte Glasenberg noch, er gehe in drei bis fünf Jahren.

Erstellt: 05.12.2019, 20:55 Uhr

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