Für IV-Bezüger lassen sich kaum Jobs finden

Über 17'000 IV-Rentner will der Bundesrat bis Ende 2017 wieder eingliedern. Diese Ziele sind ambitiös. Denn in der Praxis zeigt sich, dass viele ein Job-Coaching mitmachen, danach aber ohne Stelle bleiben.

«DasBreiteHotel»in Basel beschäftigt als geschützte Werkstätte behinderte Erwachsene.

«DasBreiteHotel»in Basel beschäftigt als geschützte Werkstätte behinderte Erwachsene. Bild: Keystone

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Es gibt die Arbeitgeber, die sich dem Problem nicht verschliessen. Die Basler Versicherungen zum Beispiel. Sie machen mit beim sogenannten Arbeitsversuch. Dieser bietet Bezügern einer Invalidenrente oder Personen, die eine solche beanspruchen möchten, die Möglichkeit, während sechs Monaten in einem Unternehmen in den üblichen Arbeitsrhythmus zurückzufinden. Der Versuch soll klären, ob die Menschen mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung diesem Prozess gewachsen sind, und sie – so weit möglich – wieder fit fürs Arbeitsleben machen. Gelingt dies, muss eine Rente gar nicht erst gesprochen werden beziehungsweise kann gekürzt oder gar gestrichen werden.

Die Basler Versicherungen erarbeiteten im vergangenen Jahr gemeinsam mit den IV-Stellen Baselland und Basel-Stadt neun Stellenprofile. Bisher konnten sie allerdings nur vier dieser neun sogenannten Trainingsarbeitsplätze besetzen. Es habe sich als schwierig erwiesen, geeignete Personen für diese Arbeitsplätze zu finden, sagt Amos Winteler, Sprecher des Versicherers.

Trotz Training kein Job

Das Hauptproblem ist aber ein anderes: Von den vier Personen, die den Arbeitsversuch durchlaufen haben, tat dies am Ende nur einer erfolgreich. Will heissen: Er erhielt bei den Basler Versicherungen einen – wenn auch befristeten – Arbeitsvertrag. Die drei andern fanden trotz absolviertem Training (noch) keinen Job.

Die Idee ist nicht, dass die Trainingsabsolventen in dem Unternehmen eine Stelle erhalten, in dem sie den Arbeitsversuch durchlaufen. Das ist zwar möglich, wird aber nicht vorausgesetzt. Und: Es ist allen Beteiligten von Anfang an klar, dass der Arbeitsversuch keine Garantie auf einen Job bietet.

Michael Müller, Chef der Basler Versicherungen, zeigt sich wohl erfreut darüber, dass es gelungen ist, einer Person eine befristete Anstellung zu ermöglichen. Rundum überzeugt ist er von der Sache aber nicht: «Unsere Erfahrung zeigt, dass das möglich ist, das Grundproblem jedoch nicht zwingend löst. Die Frage ist: Was geschieht danach?» Die Gefahr bestehe, dass Absolventinnen oder Absolventen des Arbeitsversuchs erfolglos eine Anstellung suchten, obwohl sie wieder arbeitsfähig wären.

Corinne Zbären ist Geschäftsführerin der IV-Stellen-Konferenz. Sie sagt: «Mit allem Job-Coaching kann man keine Arbeitsplätze herbeizaubern.» Der Arbeitsversuch sei im Übrigen nur eine Massnahme unter anderen, um Menschen wieder in den Arbeitsprozess zu integrieren. Er gebe dem Arbeitgeber die Möglichkeit, jemanden kennen zu lernen, ohne dass er sich mit einem Vertrag verpflichten müsse.

Ambitionierter Bundesrat

Das Ziel des Bundesrates, bis Ende 2017 über 17'000 Wiedereingliederungen zu schaffen, bezeichnet Zbären als ambitiös. Mit Trainingsarbeitsplätzen allein sei es nicht zu erreichen, sondern nur mit sämtlichen Massnahmen der IV-Stellen. Die Invalidenversicherung zählt zurzeit rund 235'000 Renterinnen und Rentner.

Das Schwyzer Unternehmen Victorinox hat ebenfalls einen Trainingsarbeitsplatz, der bisher drei Personen angeboten wurde. Eine wollte gar nicht erst kommen. Die zweite sagte zu, brach das Training aber ab. Die dritte absolvierte die sechs Monate, fand danach aber keinen Job. Von Misserfolg will Josiane Burkard, Personalverantwortliche bei Victorinox, aber nicht reden: «Erfolg ist am Schluss, dass man weiss, was möglich ist und was nicht.»

Arbeitgeber machen weiter

Victorinox will den Trainingsarbeitsplatz weiterführen. Laut Burkard kann der Arbeitgeber so einen Beitrag leisten, ohne jemand anderem einen Arbeitsplatz wegzunehmen. Es sei eine Bereicherung. Intern habe es zwar zunächst Überzeugungsarbeit gebraucht: «Man scheute den Aufwand.»

Auch bei den Basler Versicherungen denkt man nicht ans Aufgeben. Man will mit den Trainingsarbeitsplätzen weitermachen, sagt der Chef, Michael Müller: «Ja, unsere Erfahrungen sind sehr positiv.» Zufrieden gibt sich Müller aber nicht. Er stellt fest, dass die Betroffenen zwar den ersten Schritt auf dem Weg zurück in den Arbeitsprozess bewältigen. «Der zweite Schritt – also die erfolgreiche Suche nach einer neuen Arbeitsstelle nach dem Trainingsarbeitsplatz – gelingt jedoch nicht. Dies birgt das Risiko, dass diese Menschen arbeitslos sind oder werden und damit schlimmstenfalls sogar wieder zurück in die Krankheit fallen.»

Müller ist der Meinung, dass es für eine erfolgreiche Wiedereingliederung eine institutionalisierte Zusammenarbeit zwischen der IV und den regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) braucht. Er schlägt vor, im Anschluss an das Trainingsprogramm für die Betroffenen für maximal drei Monate eine Übergangsstelle zu schaffen – teilfinanziert durch die Arbeitslosenversicherung. Er denkt an das halbe Pensum der erreichten Arbeitsfähigkeit. Daneben soll Zeit für eine intensive Stellensuche bleiben – unterstützt durch das RAV. «Der Betroffene behält dadurch Arbeitsrhythmus, Tages- oder Wochenstruktur, hat soziale Kontakte und kümmert sich zu festen Zeiten und mit gleich Betroffenen um die Stellensuche», sagt Müller.

Rolf Schürmann, Geschäftsleiter der IV-Stelle Basel-Stadt, pflichtet Müller in der Analyse des Problems bei: «Die Schwierigkeit ist, dass man nach dem Arbeitsversuch eine Anschlussstelle findet. Garantieren können wir diese Stelle nicht.» Die IV-Stelle könne zwar auf ihr Netzwerk zurückgreifen. Die RAV hätten ihre eigene Arbeitsvermittlung.

Gemeinsame Verantwortung

Ein Problem bleibt trotz aller Bemühungen bestehen: «Krankheit kann jeden von uns treffen, und dennoch ist ‹IV› ein Stigma im Bewerbungsprozess.» Das sagt Daniela Aloisi, Sprecherin der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich. Und weiter: «Es braucht einen langen Atem, bis wir in Unternehmen, aber auch in der Gesellschaft verankern können, dass Krankheit jeden treffen kann und der Neustart nach Krankheit deshalb eine gemeinsame Aufgabe und Verantwortung ist.» Schon nach einer Mutterschaftspause seien Frauen Zweifeln ausgesetzt, ob sie den Anforderungen noch gewachsen seien. «Stellen wir uns also vor, wie es jemandem ergehen muss, der längere Zeit, Monate oder gar Jahre, krank war.»

Gemäss Aloisi sucht man deshalb Partner in der Wirtschaft, welche die Chance für einen Neustart nach einer Krankheit geben und bereit seien, in einem Bewerbungsprozess für offene Stellen auch Personen mit IV-Bezug zu berücksichtigen.

Corinne Zbären von der IV-Zentrale in Luzern mag nichts Schlechtes über die Unternehmer sagen: «Die Arbeitgeber machen mit.» Die derzeitige Wirtschaftslage verschärfe allerdings das Problem. Zbären hofft auf einen wirtschaftlichen Aufschwung. Dann könne man Leute besser vermitteln.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2013, 10:30 Uhr

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