Gazprom hat grössere Hürden als Greenpeace

Der russische Staatskonzern, der an der US-Schiefergasschwemme leidet, sucht in der Schweiz Kapital. Warum das gar nicht so einfach sein dürfte.

Setzen sich ein für die Arktis: Greenpeace-Aktivisten in Eisbärenkostümen demonstrieren im September 2012 vor dem Moskauer Gazprom-Sitz.

Setzen sich ein für die Arktis: Greenpeace-Aktivisten in Eisbärenkostümen demonstrieren im September 2012 vor dem Moskauer Gazprom-Sitz. Bild: AFP

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Dass Russland seit bald einem Monat 28 Greenpeace-Aktivisten in Haft hält und diesen mit Anklage wegen Piraterie droht, dürfte selbst manche der Grossinvestoren stören, die gestern Vormittag auf Einladung von Gazprom ins Zunfthaus zum Rüden in Zürich eilten. Dort erklärten ihnen drei Banken, darunter die UBS, warum sie in eine Obligationenanleihe in Schweizer Franken investieren sollen, die der russische Gasriese auflegen will. Mehr noch als der harsche Umgang mit Kritikern der heiklen Erschliessung von Öl- und Gasvorkommen in der Arktis dürften tiefer liegende Probleme von Gazprom die Investoren skeptisch machen.

Lange war die knapp mehrheitlich in russischem Staatsbesitz befindliche Gazprom eine Gelddruckmaschine. Ob dies so bleibt, ist fraglich. Der Umsatz von Russlands grösstem Energiekonzern mit 400'000 Mitarbeitenden nahm letztes Jahr nur 2,7 Prozent auf 158 Milliarden Dollar zu, der Gewinn fiel 9,5 Prozent auf 38 Milliarden Dollar. Der Staatskonzern ist an der Börse kotiert, das Sagen haben aber Vertrauensleute von Präsident Wladimir Putin, die dieser seit seinem Machtantritt im 2000 an Schlüsselstellen gesetzt hat.

USA will Gas exportieren

Gazprom hat die fundamentale Veränderungen verschlafen, welche die USA mit neuer Technologie zur massenhaften Förderung von Schiefergas ausgelöst haben. Eine Schwemme von billigem Gas in Amerika hat auch in Europa einen Preissturz verursacht, da die USA auf langfristig vereinbarte Lieferungen verzichten. Gazproms Grosskunden speziell im Osten Europas, die auf Gedeih und Verderben von russischem Gas abhängig waren, haben nun eine Alternativen punkto Lieferanten und drücken die Preise. Preisnachlässe kosten Gazprom dieses Jahr laut Schätzungen der Citibank 4,7 Milliarden Dollar. Hinzu kommt, dass die USA bald im grossen Stil Flüssiggas nach Asien und Europa exportieren wollen.

Der Staatskonzern fördert drei Viertel von Russlands Gas. Sein Exportmonopol will Russlands Energieministerium indes lockern: Flüssiggas sollen auch die russischen Konkurrenten Novatek und Rosneft exportieren dürfen, Gazprom Monopol auf Pipelineexporte bleibt aber unangetastet, vorerst zumindest.

Die UBS und zwei andere Banken hätten bloss ein Mandat, zu sondieren, ob an Obligationen von Gazprom überhaupt Interesse bestehe, sagt eine Sprecherin der Grossbank. Alles andere sei noch offen. Sollte das Interesse der Investoren zu schwach sein, wäre das für den Energieriesen ein fatales Signal. Gazprom hat Obligationen im Umfang von 26 Milliarden Dollar ausstehend, 17 Prozent davon halten Grossanleger in der Schweiz wie Vermögensverwalter, Versicherungen oder Pensionskassen. Russlands Gasfirmen brauchen dringend frisches Kapital: 730 Milliarden Dollar müssen sie laut der Internationalen Energieagentur bis 2035 allein in neue Gasfelder investieren, um den Ausstoss auf dem heutigen Niveau zu halten.

21 Milliarden Dollar für weitere Pipeline

Die Pipelines in den Westen taugen wegen der Gasschwemme immer weniger als Druckmittel. Die 2011 eröffnete North Stream-Gasleitung in Richtung Deutschland läuft immer noch schwach ausgelastet. Dennoch stecken die Russen 21 Milliarden Dollar in eine weitere Pipeline nach Osteuropa und Österreich. Das sei «kommerzielle Idiotie», kritisiert ein russischer Energieexperte.

Die faktische Staatsgarantie, die Gazprom in der Heimat geniesst, lässt manche Investoren womöglich über Probleme hinweg sehen. Darauf zählen kann der Riesenkonzern, der auch Baufirmen besitzt, plus TV-Stationen und Zeitungen, die Putin freundlich gesinnt sind, indes nicht mehr. Die Gaspreise bleiben voraussichtlich noch über Jahre tief, was zusehends die Gewinne beeinträchtigt. Der schwerfällige, ineffiziente und vergleichsweise mit zu viel Personal ausgestattete Staatsriese müsse sich entweder den harten Realitäten des zum Käufermarkt gewordenen Gasgeschäfts stellen, schloss unlängst der «Economist». Gelinge dies nicht, müsse Putin sich aufraffen, Gazprom in kleinere Einheiten aufzuspalten, die agil am Markt agieren könnten.

Erstellt: 16.10.2013, 06:40 Uhr

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