Gehört das Wasser Nestlé – oder dem Volk?

In der kanadischen Provinz British Columbia stören sich immer mehr daran, dass der Nahrungsmittelmulti das Grundwasser zu billig aus dem Boden schöpfen und dann in Plastikflaschen verkaufen kann.

Anlage von Nestlé Waters Canada in Guelph, Ontario. Foto: Kevin Van Paassen (Bloomberg)

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Der 66-jährige Kanadier Rolef Ohlroggen kann nicht fassen, wie billig Nestlé in Kanada wegkommt. Er ist empört, dass der weltgrösste Nahrungsmittelkonzern in seiner Heimatprovinz British Columbia Hunderte von Millionen von Litern Grundwasser gratis aus dem Boden holt – und nachher in Flaschen teuer verkauft. «Wir werden richtiggehend über den Tisch gezogen», sagt Ohlroggen, der in der Nähe des Dorfes Gibsons an Kanadas Pazifikküste lebt.

Das Trinkwasser von Gibsons erhielt vor zehn Jahren in einem internationalen Wettbewerb den ersten Rang für das «Wasser mit dem besten Geschmack der Welt». Damals konnten die Einheimischen dieses Wunderwasser gratis von einem Hahn mitten im Dorf abzapfen. Dann plötzlich mussten sie dafür ihre Kreditkarte zücken oder Münzen in den Wasserautomaten werfen.

Aber an diesem sonnigen Frühlingstag klebt ein Zettel am Wasserverteiler: Ausser Betrieb. «Die Leute sabotieren ihn», sagt Ohlroggen. «Sie finden, das Wasser gehöre den Menschen hier.»

2,25 Dollar für eine Million Liter

Es ist indes nicht in Gibsons, wo Nestlé, der grösste Abfüller von Trinkwasser auf dem Globus, das Wasser so gut wie gratis bekommt. Nestlés kanadische Tochtergesellschaft pumpt in der östlicher gelegenen Ortschaft Hope jährlich rund 265 Millionen Liter Grundwasser aus dem Boden. Dafür muss der Konzern ab kommendem Januar nur 596,25 Dollar bezahlen. Das sind 2,25 Dollar für eine Million Liter – weniger, als Kanadier für eine Flasche Nestlé-Wasser bezahlen.

«Kanadas Trinkwasser ist sauber und köstlich wie kaum ein Wasser auf der Welt», heisst es auf der Website Sumofus.org, die Verbraucher, Arbeiter und ­Aktionäre vertritt, «und Nestlé findet nichts dabei, es für ein Almosen aus dem Boden zu saugen und in einer Plastikflasche zu verkaufen.» Aus Protest hat diese Internetbürgerinitiative eine Onlinepetition lanciert. Über 90 000 Unterschriften sind bereits zusammengekommen. Das ist eine sehr hohe Zahl für die sonst in politischen Belangen eher apathischen Kanadier.

Auf dem Internet machen sich Hunderte Kommentatoren Luft. «Nestlé nimmt dieses Wasser aus dem Boden und ersetzt es nicht, beutet es nur aus», schrieb jemand: Selbst wenn der Konzern einige Cents pro Liter bezahlen müsste, würde er immer noch einen Riesenprofit machen. «Ich bezahle mehr für mein Wasser als die», schreibt ein ­Leser. Andere rufen zum Boykott von Nestlé-Produkten auf.

Mary Polak, die Umweltministerin der Provinz, setzte sich im nationalen Rundfunk CBC gegen die Kritik zur Wehr. «Wir verkaufen kein Wasser», unterstrich sie, denn das wollten die Leute in ihrer Provinz nicht: «Wir ziehen lediglich eine Verwaltungsgebühr für die Überwachung dieser Ressource ein.» Der Wasserverbrauch der Unternehmen, so sagte Polak, könne fortan endlich kontrolliert werden. Tatsächlich sind Unternehmen bisher für Grundwasserförderung überhaupt nicht zur Kasse gebeten worden, während das Oberflächenwasser bereits reguliert wird. Jetzt, mit einem neuen Wassergesetz, müssen die Firmen ab kommendem Jahr etwas bezahlen. Damit sind die meisten Bürger einverstanden. Aber in den Augen vieler wird von multinationalen Konzernen wie Nestlé viel zu wenig Geld verlangt, während diese mit Wasserflaschen Profte machen.

Das Thema wird zum Politikum

Spencer Chandra-Herbert, ein Abgeordneter der Neuen Demokratischen Partei im Parlament von British Columbia, fordert höhere Abgaben für Unternehmen: «Wir brauchen einen besseren Gegenwert, sodass man das Geld für den Schutz und die Konservierung von Wasser einsetzen kann.» Vor allem sollten die Steuerzahler nicht für Kosten aufkommen müssen, die nicht von den minimalen Gebühren gedeckt werden, die Unternehmen für Millionen von Litern Grundwasser bezahlen müssen. Andere Provinzen in Kanada erheben viel höhere Abgaben. Ministerin Polak räumte ein, dass die Gebühren gering seien, «und sie sind absichtlich nicht hoch».

Nestlé Canada findet das neue Gesetz und die Gebühr gut, wie Sprecher John Challinor dem TA erklärt: «Alle Verbraucher von Grundwasser sollten einen fairen Beitrag dafür zahlen.» Dass Nestlé eine Zielscheibe der Kritiker geworden ist, hält Challinor für ungerecht. «Wir sind ein ziemlich kleiner Verbraucher in British Columbia», sagt er. Die gesamte Landwirtschaft zum Beispiel beanspruche fast 900-mal mehr Wasser als Nestlé.

Maude Barlow dagegen findet kümmerliche 2,25 Dollar für eine Million Liter Wasser «unerhört». Die Kanadierin ist Trägerin des alternativen Nobelpreises und Chefberaterin der UNO für Wasserfragen. «Unser Wasser gehört dem Volk», sagt sie.

Kanada besitzt viel davon, nämlich rund ein Fünftel der Süsswasservorkommen der Welt. Und wie die Schweiz profitiert die zwanzigmal grössere Provinz British Columbia von Energie, die mit Wasser erzeugt wird. Rund 90 Prozent des Stroms in Vancouver – der grössten Stadt der Provinz – stammen aus Wasserkraftwerken.

«Durch die Gier der Unternehmen gestohlen»

Aber Maude Barlow, Vorsitzende der Konsumenten- und Bürgerbewegung Council of Canadians, warnt vor der Vorstellung unermesslicher Wasservorräte. In manchen Provinzen Kanadas werde Grundwasser schneller verbraucht, als es ersetzt werde. Vor allem im Bergbau und in der Erdöl- und Naturgasindustrie würden Unmengen davon abgezapft. Barlow war massgeblich daran beteiligt, dass die UNO im Jahr 2010 Wasser zu einem Menschenrecht erklärte. Die Kanadierin will nicht, dass mit Wasser massiv Geld gemacht werde, während viele Menschen kein sauberes Trinkwasser hätten. «In Kanada gibt es zu viele Indianerreservate, wo die Wasserversorgung nicht ausreichend ist», sagt sie.

Rolef Ohlroggen hatte den Geldautomaten für Grundwasser in Gibsons zuerst für einen Witz gehalten. Jetzt ist ihm das Lachen längst vergangen. «Das Wasser wird uns durch die Gier von Unternehmen gestohlen», sagt er.

Erstellt: 04.04.2015, 08:35 Uhr

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