Hintergrund

Geld zurück für verregnete Ferien

Erst eine Vulkanversicherung, nun eine Wetterversicherung: Diese soll vor schlechtem Ferienwetter schützen – mit 100 Franken pro Regentag. Nutzen für die Kunden oder nur ein Werbegag zur Geldmacherei?

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Die Sommerferien fallen zurzeit buchstäblich ins Wasser. Wer in der Schweiz und dem nahegelegenen Ausland seine Ferien verbringt, kann ein Lied davon singen. Nun lanciert Allianz Global Assistance eine Wetterversicherung. Ab dem zweiten Regentag wird dem Versicherungsnehmer 100 Franken für jeden Tag mit schlechtem Wetter erstattet – maximal 1000 Franken.

Diese Versicherung wird für einen bestimmten Zeitraum und eine bestimmte Destination abgeschlossen, massgebend ist dabei die lokale Wetterstation. Wegen der geographischen Unterschiede sind die Schwellenwerte für einen Regentag verschieden und liegen zwischen 1 und 20 mm. Deshalb variieren die Prämienpreise. Zudem spielt der Zeitpunkt der Reise eine Rolle. Drei Beispiele von der Allianz:

  • Palma de Mallorca: Schwellenwert für einen Regentag 2 mm; Reisezeitraum 11. bis 24. August 2012; Prämie ca. 85 Franken
  • Basel: Schwellenwert für einen Regentag 14 mm; Reisezeitraum 11. bis 24. August 2012; Prämie ca. 26 Franken
  • Hamburg: Schwellenwert für einen Regentag 14 mm; Reisezeitraum 11. bis 17. August 2012, Prämie ca. 51 Franken

Mit Horrorgeschichten Versicherungen verkaufen

Die Regenversicherung schützt Kunden nun vor einem Naturereignis, das bis anhin zu den sogenannten «höheren Gewalten» zählte und auch heute von den meisten Versicherungen nicht abgedeckt wird. Die Allianz ist jedoch nicht der einzige Anbieter mit einer Versicherung für solche Vorkommnisse: Nachdem im Frühling 2010 der isländische Vulkan Eyjafjallajökull den europäischen Luftverkehr lahmgelegt hatte, nutzte die Europäische Reiseversicherung (ERV) die Gunst der Stunde und lancierte eine sogenannte Vulkanversicherung. So werde die Deckungslücke beseitigt, hiess es damals.

Neue Versicherungen als Reaktion auf aktuelle Phänomene wie Regenwetter oder Vulkanausbrüche: Sind sie ein echter Nutzen für die Konsumenten oder handelt es sich nur um Eintagsfliegen, die kurzfristig Geld in die Kassen der Versicherer spülen? «Versicherungsgesellschaften erzählen den Kunden gerne Horrorgeschichten, um ihnen neue Versicherungen zu verkaufen», sagt Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz, auf Anfrage. «So werden auch aktuelle Ereignisse wie die erwähnten geschickt für diesen Zweck genutzt.»

Versicherungen als Marketinginstrument

Die Prämien für die Wetterversicherung erscheinen Sara Stalder «sehr hoch». Es klinge doch sehr nach einer Geldmaschine, die versuche, aus dem herbstlichen Sommer Kapital zu schlagen. «Zusätzlich ist es ein hervorragendes Akquisitions-Instrument, um an Adressen zu gelangen, damit man den Leuten auch eine Gepäckversicherung, einen SOS-Reiseschutz, eine Flugunfallversicherung oder eine Heilungskosten-Zusatzversicherung verkaufen kann. Dass in den Allgemeinen Vertragsbedingungen (AVB) zur Wetterversicherung steht, die Daten würden auch für Marketingzwecke verwendet, erhärtet meinen Verdacht.»

Ob eine Wetter- oder Vulkanversicherung dem Kunden tatsächlich einen Nutzen bringt, ist laut Stalder schwierig zu sagen. In den AVB seien die Klauseln oftmals sehr offen gehalten, wenn es etwa um die begrenzte Übernahme der Schadenssumme, Selbstbehalte, Ausschlüsse und nicht versicherte Leistungen gehe. «So ist nicht immer klar, ob der Schadensfall dann wirklich übernommen wird, oder ob er unter eine offen gehaltene Ausschluss-Klausel fällt.»

Achtung: rechtzeitig kündigen

Während die Wetterversicherung von Beginn weg eine beschränkte Dauer hat, muss man laut Stalder bei diversen anderen Versicherungen beachten, dass sie sich in vielen Fällen automatisch um ein Jahr verlängern – sofern man sie nicht mindestens drei Monate vor Ablauf kündigt. «Die Leute vergessen oft, dass sie eine bestimmte Versicherung abgeschlossen haben und zahlen jährlich ein. Abgeschlossene Leistungen sind in der Regel für Laien schwierig auseinanderzuhalten.» Stalder fände es wünschenswert, wenn Versicherungen ihre Kunden rechtzeitig über auslaufende Versicherungen informieren würden und ob sie diese verlängern möchten. Oft gehe es um reine Geldmacherei. Stalder rät: «Falls eine solche Versicherung abgeschlossen ist: Diese umgehend auf den nächstmöglichen Termin wieder kündigen, damit die Kündigungsfrist nicht verpasst wird.»

Immer wieder kommt es laut Stalder auch vor, dass Kunden doppelt versichert sind. Sobald es dann um ein Schadensereignis gehe, wolle keiner der Versicherer bezahlen, und sie würden sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben. «Doppelte Versicherungen können mehr Schaden als Nutzen bringen», so die Konsumentenschützerin.

Erstellt: 16.07.2012, 16:37 Uhr

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