Geldschwemme zugunsten der Reichen

Grossbritanniens Reiche haben von der expansiven Geldpolitik der Zentralbank am meisten profitiert, heisst es in einer Studie. Die Politik der Europäischen Zentralbank dürfte den gleichen Effekt haben.

Mit Anleihenkäufen und rekordtiefen Zinsen die Kapitalerträge der Reichen gesichert: Die Bank of England im Juni 2012.

Mit Anleihenkäufen und rekordtiefen Zinsen die Kapitalerträge der Reichen gesichert: Die Bank of England im Juni 2012. Bild: Reuters

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Nach dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 haben die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank of England (BoE) viel Geld in das Finanzsystem gepumpt, um eine Rezession zu verhindern. Von der damit erwirkten Stabilisierung der Aktien- und Anleihenkurse haben vor allem die Reichsten profitiert. Das geht aus einem Bericht der Zentralbank hervor, den die Bank of England auf Anfrage des britischen Parlaments erstellte. Normalverdiener hatten gemäss einem Bericht des «Guardian» das Nachsehen, weil die rekordtiefen Zinsen sich negativ auf ihre Sparguthaben auswirkten.

Der Wert von Aktien und Anleihen sei aufgrund der Interventionen der Zentralbank um 26 Prozent oder 600 Milliarden Pfund gestiegen, schätzt die Bank of England. Hätten alle Briten gleichermassen von diesem Anstieg profitiert, hätte jeder Haushalt rund 10'000 Pfund abbekommen. Da aber vor allem die reichen Briten am Finanzmarkt investieren, hätten die reichsten fünf Prozent der Haushalte 40 Prozent der Gewinne eingestrichen. Seit Anfang 2009 hat die Bank of England mit Anleihenkäufen für 375 Milliarden Pfund und niedrigen Zinsen die Kurse von Anleihen gestützt und die Börsenanleger bei Laune gehalten.

Anleihenkäufe und niedrige Zinsen

Auch die Europäische Zentralbank hat seit dem Ausbruch der Finanzkrise Milliarden in Anleihen der Krisenstaaten und die Rettung von Banken investiert. Gleichzeitig senkte sie kontinuierlich den Leitzins auf rekordtiefe 0,75 Prozent. Viele Ökonomen argumentieren, dass die damit erzielte Stützung der Märkte vor allem reichen Anlegern dient, die ihr Vermögen an den Kapitalmärkten investiert haben. Doch über ihre Pensionskasse sind auch viele Normalverdienende an den Börsen investiert. Die Stabilisierungspolitik von BoE oder EZB diene damit allen, erklärt die Gegenseite.

Die Frage ist, ob der Anteil der Normalverdiener an den Börseninvestments hoch genug ist, um diese Argumentation zu rechtfertigen. «Ausserhalb der angelsächsischen Länder und der Schweiz spielen die Pensionskassen in Europa keine so grosse Rolle», gibt der österreichische Wirtschaftsgeograf Christian Zeller zu bedenken. So ist in Deutschland nur ein Anteil von fünf Prozent am gesamten Volksvermögen in Pensionsfonds und betrieblichen Pensionsplänen gebunden. Lebensversicherungen, die ebenfalls an den Finanzmärkten investiert sind, machen immerhin 6,6 Prozent des Volksvermögens aus. Am restlichen Vermögen und den damit erzielten Erträgen ist die Bevölkerung nicht sehr gleichmässig beteiligt.

Die halbe Bevölkerung hat keinerlei Vermögen

So besitzt nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) die ärmere Hälfte der deutschen Bevölkerung so gut wie kein Vermögen, das reichste Zehntel dagegen 66 Prozent. Dem reichsten Prozent gehören 23 Prozent des Gesamtvermögens.

Dabei gilt es laut Stefan Bach, der die Studie mit durchgeführt hat, zu bedenken, dass ein bedeutender Teil deutscher Vermögen direkt in Unternehmen steckt. Doch auch Kapitalerträge, die an den Finanzmärkten erzielt werden, seien «nach oben konzentriert». Gemäss einer Studie des DIW gingen im Jahr 2005 54 Prozent der Kapitalerträge an das reichste Zehntel der Bevölkerung. Die Interventionen zur Stabilisierung der Börsen dürften dazu beigetragen haben, dass diese Erträge weiter geflossen sind.

Erstellt: 24.08.2012, 17:12 Uhr

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