Gewerkschaften kritisieren Holcim scharf

Arbeitnehmervertreter werfen dem Schweizer Zementkonzern vor, in Indien Temporärarbeitern Hungerlöhne zu bezahlen.

Wird wegen Tochterfirma in Indien kritisiert: Der Schweizer Zementkonzern Holcim.

Wird wegen Tochterfirma in Indien kritisiert: Der Schweizer Zementkonzern Holcim. Bild: Keystone

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Die Vorwürfe der Gewerkschafen an Holcim sind happig. Der Zementkonzern bereichere sich in Indien an den Ärmsten der Armen. Konkret geht es um 1200 Temporärarbeiter, die nach Darstellung der Gewerkschaften zu weit schlechteren Bedingungen als die Festangestellten arbeiten müssen. Die Rede ist gar von Hungerlöhnen. Wortführerin auf der Arbeitnehmerseite ist die weltweit tätige Gewerkschaft Bau- und Holzarbeiter-Internationale (BHI), die in der Schweiz von der Unia unterstützt wird.

Sauer stösst den Gewerkschaften zudem der Umstand auf, dass Holcim in Sachen unternehmerischer Verantwortung hohe Ansprüche an sich stellt, wie Rolf Beyeler, Mitglied der Sektorleitung Bau von Unia sagt. «Deshalb ist es umso ärgerlicher, dass sich das Unternehmen in Indien nicht daran hält.» Der Konflikt dauert schon seit zwölf Jahren und beschäftigt die Gerichte. Holcim ist seit 2005 involviert. Damals kaufte der Zementkonzern erstmals Anteile an den indischen Unternehmen ACC und Ambuja Cement Limited. Inzwischen hält das Unternehmen an beiden knapp über 50% der Aktien.

Temporär oder fest?

Hauptstreitpunkt ist die Frage, wer unter den Mitarbeitern als Festangestellter oder als Temporärarbeiter eingestuft wird. Die Gewerkschaften werfen Holcim vor, in den betroffenen indischen Werken unüblich viele Mitarbeiter in Subunternehmen ausgelagert zu haben, um Lohnkosten zu sparen. Die betroffenen Temporärarbeiter seien aber jeden Tag vor Ort und würden reguläre Arbeiten verrichten, sagt BHI-Vertreter Marion Hellmann. Sie müssten deshalb wie Festangestellte behandelt werden. Der Lohnunterschied ist enorm. Während Temporärmitarbeiter laut Hellmann lediglich rund 80 Franken pro Monat erhalten, verdienen Festangestellte 350 Franken. Der Fall der Firma ACC wurde bereits vor zwei Gerichten im indischen Bundesstaat Chhattisgarh verhandelt. Beide Male erhielten die Gewerkschaften im Grundsatz recht. Umstritten ist jedoch, wie viele der Mitarbeiter als Festangestellte eingestuft werden. Das oberste Gericht des Bundesstaates befand, dass rund 100 Mitarbeiter fest angestellt werden müssen. Während die Gewerkschaften der Meinung sind, dass das Urteil auch auf die restlichen 1100 Temporärarbeiter anzuwenden sei, ist die Holcim-Tochter mit dem Urteil nicht einverstanden und zieht es weiter.

Holcim reagiert irritiert

Das Unternehmen sieht das indische Recht auf seiner Seite. Festanstellungen würden nur für Kernaufgaben in der Zementherstellung vergeben, schreibt die Holcim-Tochter in einer Stellungnahme an die Gewerkschaften. Sie bestreitet, dass Temporärarbeiter die gleichen Aufgaben wie die festangestellten Mitarbeiter erledigen.

Am Hauptsitz in der Schweiz zeigt sich Sprecher Peter Gysel irritiert über die Kampagne der Unia, die gestern am Tag der Generalversammlung der Firma lanciert wurde. Holcim habe die Gewerkschaften zu einem Besuch ins indische Werk eingeladen, um die Verhältnisse in Indien vor Ort in Augenschein zu nehmen. Unia und BHI lehnen aber ab. Gysel versteht nicht, dass die Gewerkschaften zwar einen Dialog führen wollen, die Einladung aber ausschlagen. Die BHI verfüge über ein eigenes Büro mit sieben Mitarbeitern in Delhi und stehe in regem Kontakt mit den lokalen Gewerkschaften, begründet Hellmann den ablehnenden Bescheid.

Hehre Worte

Schreibt sich ein Konzern die unternehmerische Verantwortung so gross auf die Fahne wie Holcim, ist er in solchen Fällen besonders verwundbar. Nachhaltigkeit und unternehmerische Verantwortung seien wichtige Pfeiler der Unternehmensstrategie, hält die Firma auf ihrer Internetsite fest. Zum Thema Arbeitnehmer findet sich in einem der Papiere etwa der Satz, dass Holcim die Lebensqualität der Mitarbeiter und deren Familien verbessern wolle. Und weiter: Mit vorbildlichem Handeln wolle man als Katalysator dienen, um auf andere Unternehmen der Zementindustrie und darüber hinaus auszustrahlen.

Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisation sehen zwischen dem Verhalten des Konzerns in Indien und diesen hehren Worten einen Widerspruch. Der Fall trug Holcim bereits 2008 eine Nomination für den Schmähpreis Public Eye ein. Auch in Südamerika steht Holcim unter anderem wegen Umweltvergehen in der Kritik. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.05.2011, 22:17 Uhr

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