Glasenbergs riskante Wette auf den Klimakiller

Glencore-Chef Ivan Glasenberg investierte Milliarden in das Kohlegeschäft. 2019 dürfte es zum Gewinnbringer des Konzerns werden.

Glencore-Chef Ivan Glasenberg setzte bei der Kohle auf seinen Riecher. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Glencore-Chef Ivan Glasenberg setzte bei der Kohle auf seinen Riecher. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

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Der Zuger Finanzdirektor reibt sich wohl bereits die Hände. Der in Baar ZG domizilierte Rohstoffriese Glencore werde mit Kohle «irre reich», prognostizierte jüngst die US-Nachrichtenagentur Bloomberg. Seit dem Börsengang 2011 verdient Glencore mit Kupfer das meiste Geld. Doch bereits 2019 werde die Kohle das lukrative Geschäft mit Kupfer überrunden und mit 6,2 Milliarden Dollar zum grössten Gewinnbringer des Konzerns, rechnen Rohstoffexperten von Banken.

Ivan Glasenberg, der Chef und mit einer Beteiligung von 8,4 Prozent zweitgrösste Aktionär von Glencore, hatte wieder mal den richtigen Riecher. Der gebürtige Südafrikaner machte bei Glencore im Segment Kohle und als Büroleiter in Peking Karriere, bevor er 2002 Konzernleiter wurde. Sein über Jahrzehnte erworbener Erfahrungsschatz im Kohlemarkt bewahrte Glasenberg vermutlich davor, sich allzu sehr davon beeindrucken zu lassen, dass die Kohle als dreckig gilt, bei Regierungen verpönt ist und von Banken und Grossanlegern zunehmend gemieden wird. Die Deutsche Bank etwa vergibt keine Kredite mehr für Kohleprojekte, die Kirche von England investiert ihr Vermögen anderswo. Entsprechend wenig neues Kohlevolumen macht Glencore Konkurrenz.

Preis hat sich mehr als verdoppelt

Während Konkurrenten wie Rio Tinto ganz aus der Kohle ausstiegen, kaufte Glasenberg für über drei Milliarden Dollar vorab in Australien hochwertige Kohleminen dazu. Und stieg so zum grössten Exporteur von Kohle auf. Die Rechnung geht auf – zumindest für die nächsten paar Jahre. Der Preis für eine Tonne hochwertige australische Kohle hat sich seit 2016 mehr als verdoppelt und liegt seit Mai über 100 Dollar.

Der Kohlepreis bleibe noch auf Jahre hinaus hoch, versicherte Glencore jüngst an einer Investorentagung. Über die nächsten fünf Jahre müssten jedes Jahr 40 bis 50 Millionen Tonnen Kohle zusätzlich verschifft werden. Denn zur Hauptsache in Asien seien Kohlekraftwerke im Bau oder zumindest bewilligt, die im Betrieb gemeinsam rund eine Milliarde Tonnen Kohle zusätzlich verbrauchen würden.

Kohleabbau in Newcastle, Australien: Glencore investiert in hochwertige australische Kohle. Foto: Bloomerg, Getty Images

Dass Glasenberg auf Kohle hoher Qualität setzte, zahlt sich aus, auch für die Kunden. Kohlekraftwerke könnten ihren Ausstoss von Kohlendioxid um gut ein Viertel reduzieren, wenn sie Kohle von Glencore einsetzen, da diese einen höheren thermischen Wirkungsgrad habe, dabei aber weniger Dreck produziere.

Kohle liefert trotz ihrem schlechten Ruf weltweit immer noch rund ein Drittel der Energie, aus der Strom produziert wird. Die Kohlenachfrage wachse vorab in Asien, wo Hunderte Kohlekraftwerke gebaut werden, sagt eine Analyse des Ölmultis BP – Kohle bleibe wahrscheinlich bis 2040 eine dominierende Energiequelle. Skeptischer ist da der Rohstoffkonzern BHP, der ebenfalls im Markt für hochwertige Kohle mitmischt: Kohle werde zunehmend an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber erneuerbaren Energien verlieren, selbst in China gerate Kohle bis Ende des nächsten Jahrzehnts gegenüber neuen Wind- und Sonne kostenmässig ins Hintertreffen. In ärmeren Regionen mit rasch wachsender Bevölkerung wie Indien dürfte sich Kohle jedoch «eine viel längere Zeit» halten. Glasenbergs Milliardenwette auf die Kohle bleibt indes riskant. Bloomberg BNEF etwa rechnet damit, dass China nur bis zum Jahr 2025 neue Kohlekraftwerke baut, danach würden Wind und Solar preislich zunehmend aufholen.

Es wird wieder so viel Kohle zu Strom verfeuert, dass erstmals seit sechs Jahren der Ausstoss von Klimagasen zunahm.

Wie lange Glasenberg mit Kohle abkassieren kann, hängt also sehr davon ab, wann Wind und Sonne klar billiger sind. Seit 2009 seien die Kosten beim Solarstrom 77 Prozent und beim Windstrom aus Anlagen an Land 38 Prozent gefallen, so Bloomberg BNEF. Die Kohle erlebe einen letzten Boom, aber sobald Wind und Sonne so richtig billig seien, würden etwa Indien und China sofort die Kohle fallen lassen, weil sie einzig auf die Kosten schauten.

Wie zentral die Kostenebene ist, zeigt das Beispiel Grossbritannien. Die Regierung möchte die Kohle bis 2025 aus der Stromproduktion verbannen. Bis Wind- und Solarstrom genügend Strom liefern, soll das sauberere Erdgas die entstehende Lücke in der Stromproduktion stopfen. Jetzt hat die Kohle aber ein kleines Comeback, weil der Preis für Erdgas auf ein Zehnjahreshoch geklettert ist. Im Sommer löschten riesige Kohleschiffe von Glencore an Englands Ostküste ihre Fracht. Es wird wieder so viel Kohle zu Strom verfeuert, dass erstmals seit sechs Jahren der Ausstoss von Klimagasen zunahm.

Am Schluss entscheiden die Kosten

«Glencores ökonomischer Opportunismus ist ökologisch verheerend und verantwortungslos», kritisiert Public Eye. Dass der Baarer Konzern gegen alle gesellschaftliche Akzeptanz stärker denn je in den Klimakiller Nummer eins investiere, zeige die «Auswirkungen einer unternehmerischen Risikokultur, die kurzfristigen Profit über alles stellt».

Am Schluss entscheiden die Kosten. Die Internationale Energieagentur rechnet, dass der Anteil der Erneuerbaren bis 2040 von 25 auf 40 Prozent steigt. Regierungen müssten mehr in ­moderne Stromnetze und Speicherbatterien investieren. Kohle wird womöglich schneller marginalisiert, als Glasenberg lieb ist. In den USA etwa produzieren neue Windfarmen so günstig Strom, dass sich der Bau in vielen Fällen schon heute ohne staatliche Subventionen lohnt, rechnet die US-Investmentbank Lazard vor.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2018, 11:39 Uhr

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