Glaube ans grosse Gras-Geschäft

Die Legalisierung von Cannabis in einigen US-Bundesstaaten hat nicht nur Konsumenten, sondern auch Geschäftsleute in einen Höhenflug versetzt. Warum das blühende Geschäft trotzdem riskant ist.

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Wenn es einen Feiertag für Kiffer in den USA gibt, dann ist es heute – der 20. April. Historisch gesehen bietet das Datum zwar keinen besonderen Anlass, aber das ist manchmal für einen Feiertag – ob offiziell oder inoffiziell wie dieser – gar nicht so relevant.

«Four Twenty» oder «4/20» wurde gemäss dem Cannabis-Kochbuch «High Times» von der Uhrzeit abgeleitet, zu der sich eine Gruppe Jugendlicher aus Kalifornien in den 1970er-Jahren zum Joint-Rauchen traf. 16.20 Uhr.

Für einige Amerikaner ist jeder Tag der 4/20. Zum einen für Konsumenten, die mittlerweile in vier Staaten (Colorado, Washington, Alaska und Oregon) sowie dem District of Columbia legal Cannabis für nichtmedizinische Zwecke kaufen dürfen.

Status der Gesetzesinitiativen zum Cannabis-Konsum für nichtmedizinische Zwecke in US-Bundesstaaten: legal (dunkelblau), keine Gesetzesinitiative (grau), Initiative nicht erfolgreich (gelb); pendent (hellblau). (Quelle: «Time Magazine»)

Zum anderen für Geschäftsleute dieser Industrie. Der Umsatz mit dem Verkauf des legalisierten Stoffes betrug 2014 allein in Colorado 313 Millionen Dollar. Im ganzen Land soll die Zahl bei drei Milliarden liegen (kumulierter Umsatz von Cannabis zu medizinischen und nichtmedizinischen Zwecken). Ein historischer Vergleich dieser Zahlen ist freilich schwierig. Hinzu kommen Zahlen der gesamten Wertschöpfungskette (siehe Grafik), für diese es allerdings keine eindeutigen Quellen gibt.

Ganze Unternehmen haben ihre Fühler teilweise oder komplett zum Gras ausgestreckt. Besonders der Pharmazeutik- und Entwicklungsbereich wittert das grosse Geschäft. Er ist der grösste Bereich eines sonst winzigen Sektors. Börsenkotierte US-Unternehmen aus diesem Bereich haben eine gesamte Marktkapitalisierung von 1,5 Milliarden Dollar. Das entspricht knapp der Hälfte des gesamten Cannabis-Sektors, wie eine Grafik von Bloomberg zeigt. Im Vergleich: Apples Börsenwert, der höchste der Geschichte, liegt bei rund 700 Milliarden Dollar.

Marktkapitalisierung aller börsenkotierter US-Unternehmen (Aktienkurs über 0.10 Dollar am 15. April 2015) in den unterschiedlichen Bereichen des Sektors gemäss Bloomberg. Zum Vergrössern auf Grafik klicken.

Der Markt wächst rasant, doch die Marktkapitalisierung der einzelnen Unternehmen ist weiterhin niedrig. Das macht die Aktien volatil. An einem Tag steigen sie in den Himmel, nur um am Folgetag ins Bodenlose zu fallen, geschehen mit den Anteilsscheinen von Medbox. Die Firma baut automatische Cannabis-Ausgabemaschinen. Teilweise werden die Aktien einiger Unternehmungen für Tage oder Wochen nicht gehandelt. Kurz gesagt: Das Potenzial ist gross, mindestens so hoch ist aber auch das Risiko.

Nicht nur Anleger fahren eine risikoreiche Strategie, sondern auch Geschäftsleute. Zwar ist die Branche in einigen Bundesstaaten legal, aber auf Landesebene gilt Cannabis weiterhin als Droge der Kategorie eins – wie Heroin. Die meisten Banken, die dem Bundesgesetz unterstehen, fürchten, dass sie sich durch Geschäfte mit dem Cannabis-Sektor strafbar machen. Also lehnen die Finanzinstitute das Geld der Shops ab. Christian Hageseth, Chef von Green Man Cannabis, sagt gegenüber dem amerikanischen Nachrichtensender CNN: «Sieben Banken haben uns schon rausgeschmissen.» Die Folge: Die Branche fusst auf Bargeld. Zehntausende Dollar in bar müssen eingenommen, gelagert, an Mitarbeiter ausgezahlt und den Finanzbehörden für Steuerzahlungen übergeben werden. Das kostet: Allein das Geschäft von Hageseth bezahlt jeden Monat 12'000 bis 14'000 Dollar, um die Scheine zählen, lagern und von Sicherheitsdiensten mit gepanzerten Wagen transportieren zu lassen. Bei so viel Bargeld ist es kaum verwunderlich, dass die Zahl der Überfälle auf Cannabis-Shops verglichen mit Geschäften anderer Sektoren hoch ist.

Zusätzliche Unsicherheit birgt die Politik. Präsident Barack Obama hat sich in Sachen Gesetzgebung aus dem Thema weitgehend herausgehalten. Er hat den Bundesstaaten selbst überlassen, ob und wie sie Cannabis legalisieren. So erwartet CNN, dass weitere Staaten den Cannabis-Konsum legalisieren werden. Mit einem Veto des Präsidenten wäre dies wohl kaum möglich. Die Zukunft des gesamten Sektors hängt also auch stark an der Bundespolitik. Die Möglichkeiten: die bundesweite Legalisierung von Cannabis zu nichtmedizinischen Zwecken und der erneute Komplettverbot – sowie ambivalente Ansätze zwischen den beiden Extremen.

Die Legalisierung von Cannabis ist als Politiksujet salonfähig geworden. 51 Prozent der Amerikaner befürworten laut dem Umfrageinstitut Gallup diesen Schritt. Doch Präsidentschaftskandidaten müssen sorgfältig ausloten, inwiefern sich ihre Ansicht auf ihre Wahlchancen auswirkt. Für Cannabis-Konsumenten und -Geschäftsleute dürfte also die anstehende Wahl erheblich beeinflussen, ob ihr Traum in Rauch aufgehen oder der Sektor zum Höhenflug ansetzen wird.

Erstellt: 20.04.2015, 20:00 Uhr

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