Glencore im Visier der US-Justiz – Aktie brach ein

Nach den Paradise Papers verlangt die US-Justiz Dokumente der grössten Schweizer Firma. Anleger flohen in Scharen aus der Aktie.

Im Kongo fördert Glencore Kupfer und Kobalt: Kupfermine in der Provinz Katanga. Foto: Simon Dawson (Bloomberg, Getty Images)

Im Kongo fördert Glencore Kupfer und Kobalt: Kupfermine in der Provinz Katanga. Foto: Simon Dawson (Bloomberg, Getty Images)

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Bereits zum zweiten Mal innert weniger Wochen bricht der Börsenkurs der grössten Schweizer Firma ein. Beide Male geht es um Korruption in Afrika. Im Mai hiess es, die britischen Behörden stünden kurz davor, ein Korruptions­verfahren gegen Glencore zu eröffnen. Gestern musste der Zuger Konzern selber verkünden, dass er eine gerichtliche Anordnung erhalten hat – und zwar vom US-Justizministerium. Die Ermittler verlangen darin die Herausgabe von spezifischen Dokumenten und Unterlagen. Laut Glencore geht es darum, nachzuprüfen, ob die Firma Antikorruptions- und -geldwäschegesetze in Afrika und Südamerika eingehalten hat.

Solche Anordnungen – im Juristenenglisch Subpoenas genannt – verschicken die US-Behörden oft, wenn die betreffende Firma auch in Ermittlungen auftaucht. Ob aber die USA ein Verfahren gegen Glencore selbst führen, das ist unklar. Wie der Konzern mitteilte, beziehen sich die angeforderten Dokumente auf Geschäfte der Gruppe in Venezuela, Nigeria und der Demokratischen Republik Kongo von 2007 bis heute. Man prüfe die Vorladung und werde zu ge­gebener Zeit weitere Informationen zur Verfügung stellen, schrieb Glencore.

Aktienkurs bricht ein – Milliarden vernichtet

An den Börsen kam diese Nachricht sehr schlecht an. Zeitweise brach der Kurs am Dienstag um über 14 Prozent ein und stand auf dem tiefsten Punkt seit über elf Monaten. Börsenwerte von mehr als fünf Milliarden Franken wurden vernichtet. Dabei hatte sich das Gewitter, das nun über Glencore losbricht, seit vergangenem November angekündigt.

Schlechte Nachrichten: Bei Börsenstart am Dienstagmorgen stürzte die Glencore-Aktie ab. (Quelle: Google Finance)

Damals berichtete der Recherchedesk von Tamedia im Verbund mit einem internationalen Journalistennetzwerk über die sogenannten Paradise Papers. Sie zeigen, wie Glencore den israelischen Financier Dan Gertler in der Demokratischen Republik Kongo für sich um Lizenzen verhandeln liess. Gertler ist ein enger Freund des Präsidenten des Kongo. Prompt erhielt die Minentochter von Glencore die Lizenzen Hunderte Millionen Dollar günstiger.

Kurz darauf schlugen die USA zum ersten Mal zu und setzten Gertler auf die Sanktionsliste – wegen korrupter Geschäfte im Kongo. Zudem wurde bekannt, dass die kanadischen Börsenbehörden gegen Glencores Tochterfirma ermitteln, weil diese Geschäfte mit Gertler nicht publik machte. Die NGO Public Eye reichte aufgrund der Paradise Papers Strafanzeige ein gegen Glencore bei der Bundesanwaltschaft in Bern.

Die Rohstoffe Kupfer und Kobalt gehören zu den Bestandteilen für Batterien für Elektroautos.

Im Januar machte diese Zeitung bekannt, dass das US-Justizministerium wegen der Kongo-Affäre bereits mehrere Rechtshilfegesuche beim Bundesamt für Justiz eingereicht hat. So kam erstmals ans Licht, dass die USA seit Jahren ein Verfahren gegen Gertler führen und seine Konten in der Schweiz im Auge ­haben. Die Ermittlungen der Ameri­kaner gegen den Israeli fanden also bereits statt, als Glencore dem Financier schon Hunderte Millionen Dollar geliehen hatte und tief mit ihm im Kongo verstrickt war.

Glencores Wunderwaffe: Der Schweizer Rohstoffriese liess einen umstrittenen Geschäftsmann mit dem Kongo verhandeln. (Video: Irina Fehlmann/Lea Koch)

Schliesslich wurde dem Rohstoffriesen die Sache zu heiss. Der Konzern verkündete, keine Zahlungen mehr an Gertler zu leisten, weil dieser ja nun unter Sanktionen stünde. Doch der Financier wehrte sich und verklagte Glencore im Kongo. Dort hat Gertler immer noch beste Beziehungen. Der Rechtsstreit wurde für Glencore brandgefährlich.

Vor gut zwei Wochen brach der Rohstoffriese schliesslich ein und verkündete, er werde Gertler nun doch weiter bezahlen und die US-Sanktionen also aktiv umgehen. Ansonsten würde Glencore womöglich wichtige Minen im Kongo verlieren. Dort fördert Glencore Kupfer und Kobalt. Diese Rohstoffe gehören zu den Bestandteilen für Batterien, die für Elektroautos gebraucht werden und Glencore riesige Gewinne bescheren können.

Fonds zahlte über 400 Millionen Dollar

Um die US-Sanktionen zu umgehen, wolle man Gertler also einfach in Euro bezahlen, verkündete Glencore am 15. Juni. Einiges spricht dafür, dass die USA dies nicht sonderlich goutierten. Nur Stunden nach der Ankündigung von Glencore verhängten die USA nämlich eine zweite Welle von Sanktionen gegen Gertler – erneuert wegen korrupter Geschäfte. Besonders pikant: Glencore verkündete am 15. Juni um acht Uhr morgens, sie werde Gertler über dessen Firma Ventora Development Sasu bezahlen. Stunden später verkündeten die USA ihre neue Sanktionsliste gegen Gertler. Dort findet sich auch eine Liste aller Firmen von Gertler, die neu sanktioniert sind. Darunter: Ventora Development Sasu. Die USA haben also die Firma, an die Glencore bezahlen will, innert Stunden sanktioniert.

Dan Gertler in einer Mine im Kongo. (Foto: PD)

Die Dokumente, die die USA jetzt einfordern, beziehen sich nebst dem Kongo auch auf Venezuela und Nigeria. In beiden Ländern ist der Konzern in Streitigkeiten verwickelt.

Die Erwähnung von verschiedenen Ländern in einem Subpoena erinnert an ein Verfahren des US-Justizministeriums von 2016. Damals musste der US-Hedgefonds Och Ziff sich vor Gericht schuldig bekennen für korrupte Geschäfte in mehreren Staaten Afrikas. Der Fonds zahlte damals über 400 Millionen Dollar. Der Hauptanklagepunkt war: Geschäfte im Kongo mit einem israelischen Geschäftsmann, der auch ein Freund des Präsidenten ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.07.2018, 10:34 Uhr

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