Glencore macht das Unvorstellbare möglich

Ausgerechnet der für die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko verantwortliche Tony Hayward wird von Ivan Glasenberg zum Präsident von Glencore gemacht.

«Mustergültiger Führungsstil»? Tony Hayward trat als BP-Chef von einem Fettnäpfchen ins andere (2010). Foto: Keystone

«Mustergültiger Führungsstil»? Tony Hayward trat als BP-Chef von einem Fettnäpfchen ins andere (2010). Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Glencore tut, was man für unmöglich hielt: Der Rohstoffkonzern mit Sitz in Baar hat den Ex-BP-Chef Tony Hayward als Verwaltungsratspräsident eingesetzt. Also jenen Tony Hayward, der nach der Ölbohrplattform-Katastrophe im Golf von Mexiko seinen Sessel räumen musste. Jenen Tony Hayward, der nach dem Desaster mit zahlreichen deplatzierten Äusserungen auffiel. Und jenen Tony Hayward, der es sich trotz anhaltender Krise damals nicht nehmen liess, ein Jachtrennen in Grossbritannien zu besuchen.

Für Glencore spielt dies alles keine Rolle. Tony Hayward sei durch einen «mustergültigen Führungsstil» aufgefallen, begründet der Rohstoffkonzern mit Sitz in Baar die Ernennung des Briten. Damit habe er bewiesen, dass er ein «herausragender Kandidat» sei, um definitiv Präsident zu werden. Bisher übte Hayward das Amt interimistisch aus, nachdem sein Vorgänger Sir John Bond an der letztjährigen Generalversammlung von den Aktio­nären völlig unerwartet vor die Tür gesetzt worden war.

Zur falschen Zeit am falschen Ort?

Ist Hayward tatsächlich so herausragend und deshalb der geeignete Mann für das Glencore-Präsidium? Viele Wirtschaftsvertreter sind der Meinung, was dem Briten widerfahren sei, könne jedem passieren. Die Formel, er sei schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, ist jedoch gar simpel. Zwar ist es tatsächlich nur schwer abzuschätzen, welche Schuld einen einzelnen Manager an einer solchen Katastrophe trifft. Trotzdem gehört es zum Leben eines Chefs, für grobe Verfehlungen seiner Firma den Kopf hinhalten zu müssen.

Einen Wirtschaftsführer deswegen auf Lebenszeit zu verdammen und ein Berufsverbot zu fordern, geht sicher zu weit. Dennoch bestehen grosse Zweifel an Haywards Krisenmanagement, wie ein Blick zurück zeigt. In einer fast schon beängstigenden Kadenz ist der damalige BP-Chef von einem Fettnapf in den nächsten getreten. «Der Golf von Mexiko ist sehr gross, die Mengen an Öl und Dispersionsmittel, die ins Meer fliessen, sind im Vergleich winzig», sagte er drei Wochen nach Beginn der Katastrophe im April 2010. Und fügte nur wenige Tage später an, dass die Auswirkungen auf die Umwelt «sehr, sehr bescheiden» ausfallen dürften. Schliesslich fand Hayward nach fünf Wochen Krisenmanagement, er hätte jetzt gern sein Leben wieder zurück. Kurz darauf folgte der Jachtausflug. Angesichts dieser Peinlichkeiten möchte man sich lieber nicht vorstellen, wie sich Hayward verhalten wird, sollte Glencore je in eine ähnliche Krise schlittern.

Der Alleinherrscher

Für Konzernchef Ivan Glasenberg dürften andere Überle­gungen im Vordergrund stehen. Er hat nach der Übernahme des Bergbaukonzerns Xstrata die Macht im Haus gesichert und ausgebaut. Die überwiegende Mehrheit der Toppositionen hat er mit Glencore-Managern besetzt, zudem hält er allein 8,3 Prozent aller Aktien.

Glasenberg hat einen Präsidenten gesucht, der ihm nicht in die Quere kommt und bei den übrigen Aktionären nicht allzu sehr auf Widerstand stösst. Unter diesen Voraussetzungen eine fähige und eigenständig denkende Führungsfigur zu finden, war offensichtlich schwer und ein Grund dafür, dass nun einer aus den eigenen Reihen zum Zug kommt. Externe Manager wie etwa Roger Agnelli, langjähriger Chef des brasilianischen Bergbaukonzerns Vale und ABB-Verwaltungsrat, haben abgewinkt.

Die Ernennung Haywards kontrastiert Imagekampagnen des Konzerns oder die Charmeoffensiven in Zürcher und Zuger Landgemeinden. Der Widerspruch ist jedoch nur vordergründiger Natur. Gehe es hart auf hart, also um Investitions- und Personalentscheide oder darum, Proteste vor Ort in Bergwerken zu bändigen, so spielten ­Themen wie Nachhaltigkeit oder das Ansehen in der Öffentlichkeit keine Rolle mehr, sagen Umwelt- und ­Menschenrechtsorganisationen.

Image wird zum Problem

Dennoch stellt sich die Frage, ob sich Glasenberg mit der Ernennung Haywards einen Gefallen getan hat. Glencore wird mit dem Briten als Präsidenten noch angreifbarer, wenn der Rohstoffkonzern das nächste Mal wegen Umweltsünden in die Schlagzeilen gerät. Ob sich das Unternehmen auf lange Sicht ein anhaltend schlechtes Image leisten kann, darf bezweifelt werden. Irgendwann wird dies auch den Investoren nicht mehr völlig egal sein können, wenn der Aktienkurs darauf negativ reagieren wird.

Obwohl sich Glasenberg um vieles foutiert, kann er gewisse Themen wie die Regeln guter Unternehmensführung nicht gänzlich ignorieren. Hayward, derzeit operativer Chef einer britisch-türkischen Ölförderfirma, wird dieses Amt in den nächsten Monaten aufgegeben und sich vermutlich auf ein Berater- oder Verwaltungsratsmandat beschränken. Dies ist zumindest aus dem Umfeld von Glencore zu hören. Besserung gelobt die Firma, was die Vertretung der Frauen im Verwaltungsrat anbelangt. Derzeit ist das Unternehmen das einzige der 100 grössten Konzerne im britischen Aktienindex FTSE 100, welches keine Frau im obersten Führungsgremium aufweist.

Erstellt: 09.05.2014, 00:05 Uhr

Artikel zum Thema

Aktionäre servieren Glencore-Xstrata-Präsidenten John Bond ab

Bei der ersten Generalversammlung des fusionierten Rohstoffriesen ist es zu grösseren Umwälzungen gekommen. Für den Präsidenten John Bond übernimmt der ehemalige BP-Mann John Hayward. Mehr...

Energie BP-Chef Hayward geht auf Anfang Oktober - Dudley übernimmt Ölpest reisst BP in die roten Zahlen

ÜBERSICHT Nach der Öl-Katastrophe im Golf von Mexiko tritt BP- Konzernchef Tony Hayward auf den 1. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Wollen Sie einen echten Cyborg treffen?

Ihnen gehen Technik und Innovation unter die Haut? Gewinnen Sie 2x2 VIP-Tickets für die Volvo Art Session.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Reparaturen am Schiff: Ein Mann arbeitet auf einer Werft entlang des Buriganga Flusses am südlichen Rand der Stadt Dhaka in Bangladesch. (15. Oktober 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/NurPhoto/Getty Images) Mehr...