Hintergrund

Goldman Sachs verdient an jeder Bierbüchse

Aufstand gegen die Rohstoffspekulanten: US-Banken horten offenbar Aluminium in Lagerhäusern und manipulieren die Preise um Milliarden. Nun wehren sich Konzerne wie Boeing, Coca-Cola und Miller Coors.

Die Aluminiumpreise sollen weltweit um drei Milliarden US-Dollar manipuliert worden sein: Ein Arbeiter in einem Aluminiumwerk in Tadschikistan.

Die Aluminiumpreise sollen weltweit um drei Milliarden US-Dollar manipuliert worden sein: Ein Arbeiter in einem Aluminiumwerk in Tadschikistan. Bild: Reuters

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Sie produzieren aus Öl und Kupfer, Aluminium und anderen Rohstoffen. Und erstmals beklagen sich nun Industriefirmen wie General Motors und der Flugzeugbauer Boeing und Getränkeabfüller wie Coca-Cola über die zwielichtigen Geschäftspraktiken von Wallstreet-Banken. Bei einer eigens anberaumten Anhörung vor einem Unterausschuss des US-Senats am Dienstag in Washington beschuldigte ein Vertreter der US-Grossbrauerei Miller Coors die Banken, künstliche «Engpässe bei der Versorgung mit Aluminium» zu schaffen.

Rund 90 Milliarden Getränkedosen aus Aluminium werden jährlich für den US-Markt benötigt, allein im vergangenen Jahr aber hätten die Marktmanipulationen von Banken wie Goldman Sachs und Morgan Stanley die Kosten für Aluminium weltweit um drei Milliarden Dollar erhöht, sagte Tim Weiner von Miller Coors vor dem Ausschuss. Seit die US-Zentralbank 2003 die entsprechenden Regeln gelockert hat, stürzten sich Grossbanken zunehmend in das Geschäft mit Rohstoffen – und erzielten hohe Gewinne, indem sie beispielsweise Aluminium horteten oder US-Strompreise manipulierten.

Boeing und Coca-Cola beklagen sich

Der demokratische Senator Sherrod Brown (Ohio), Vorsitzender des Unterausschusses für Finanzinstitutionen und Verbraucherschutz, fragte bei der Anhörung, ob es Banken erlaubt sein sollte, den «Markt für Metalle zu beherrschen». Die Anhörung war einberufen worden, nachdem Unternehmen wie Boeing und Coca-Cola über Aluminiumpreise und Lieferverzögerungen geklagt und Recherchen der «New York Times» zudem gezeigt hatten, dass US-Grossbanken Aluminium in riesigen Lagerhäusern horten.

Der Handel mit Aluminium wird von der Londoner Metallbörse (LME) geregelt, befindet sich aber weitgehend in der Hand amerikanischer Banken sowie des Schweizer Rohstoffhändlers Glencore, der über Lagerhallen im niederländischen Vlissingen verfügt. Obwohl die Aluminiumbestände in den 719 von der LME reglementierten Lagerhäusern mit 5,4 Millionen Tonnen eine Rekordhöhe erreicht haben, müssen Käufer mehr als 16 Monate auf Lieferungen warten. Bevor Goldman Sachs 27 Lagerhallen der Firma Metro International Trade Services im Grossraum Detroit 2010 kaufte, betrugen die Lieferfristen für Aluminium durchschnittlich sechs Wochen.

Börse profitiert von Mietkarussell

Das in Detroit gelagerte Aluminium, rund 1,5 Millionen Tonnen, gehört Rohstoffhändlern und Hedgefonds, Goldman Sachs aber berechnet Miete für die Aufbewahrung. Die LME schreibt zwar Auslieferungsquoten vor, doch ergab die Untersuchung der «New York Times», dass das Aluminium von einem Goldman-Lagerhaus zum anderen verschoben wird, anstatt an Kunden ausgeliefert zu werden. Ein von der Zeitung befragter Gabelstaplerfahrer sprach von einem «Metall-Karussell». Die LME profitiert von diesem Karussell, da sie ein Prozent der anfallenden Mietkosten und somit jährlich Millionen Dollar erhält.

Zwar versuchen Abnehmer wie Coca-Cola Lieferungen aus Detroit zu vermeiden, dem weltweiten und offenbar künstlich erzeugten Preisanstieg für Aluminiumprodukte aber sind auch sie ausgesetzt. Die Mehrkosten für US-Verbraucher belaufen sich Schätzungen von Experten zufolge allein in den vergangenen drei Jahren auf mindestens fünf Milliarden Dollar. Joshua Rosner vom Wirtschaftsinstitut Graham Fisher and Co. warnte bei der Anhörung am Dienstag vor schwerwiegenden Folgen der Marktverzerrungen: Werde den Rohstoffgeschäften der Banken kein Einhalt geboten, «werden wir 2008 lediglich die erste und bei weitem nicht die schlimmste Wirtschaftskrise sehen».

Brief an Notenbank

In einem Brief an die US-Notenbank warnten zudem vier demokratische Kongressabgeordnete vor wachsenden Problemen «für den Industriesektor» des Landes sowie vor «potenziellen Informationsvorteilen» der Banken beim Handel mit Rohstoff-Derivaten. In Washington wird nun erwartet, dass sich sowohl die Zentralbank als auch die für den Handel mit Rohstoffen zuständige Commodity Futures Trading Commission mit den Vorgängen am Markt für Aluminium befassen werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.07.2013, 00:00 Uhr

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