Google hat noch Platz für 1000 Leute

Vor 15 Jahren kam der Konzern nach Zürich. Die Schweiz ist zum wichtigsten Forschungsstandort ausserhalb der USA avanciert.

«In der Schweiz hat alles am besten funktioniert»: Der Schweizer Google-Topmanager Urs Hölzle. <nobr>Foto: Adrian Moser</nobr>

«In der Schweiz hat alles am besten funktioniert»: Der Schweizer Google-Topmanager Urs Hölzle. Foto: Adrian Moser

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Vom Zwei-Personen-Betrieb zum Unternehmen mit knapp 4000 Mitarbeitern in 15 Jahren: So lässt sich die Firmengeschichte von Google Schweiz zusammenfassen. Der Sitz in Zürichist inzwischen zum grössten Entwicklungsstandort des Suchmaschinenbetreibers ausserhalb der USA geworden. Die Ausrichtung ist klar international, die Angestellten stammen aus 85 Ländern.

Im Jubiläumsjahr hat Google direkt am Hauptbahnhof Zürich neue Räumlichkeiten bezogen. Sie dienen als Schweizer Hauptsitz. Gestern eröffnete das Unternehmen die neuen Büros offiziell. Insgesamt ist Google Schweiz in der Limmatstadt auf vier Standorte verteilt. Zwei weitere Gebäude befinden sich noch im Bau.

Schweiz empfiehlt sich

Es ist dem Zufall geschuldet, dass ausgerechnet die Schweiz zum Europasitz von Google wurde. «Das war so eigentlich gar nicht geplant», sagte Urs Hölzle gestern. Der Schweizer Informatiker gehört zu den ersten zehn Mitarbeitern von Google und verantwortet den Bereich technische Infrastruktur beim Gesamtkonzern. «Aber in der Schweiz hat alles am besten funktioniert.»

Es habe sich herausgestellt, dass Google dank der ETH Zürich und der internationalen Ausrichtung der Stadt die nötigen Fachkräfte rasch gefunden habe, erklärte Hölzle. Damit setzte sich Zürich gegen Standorte wie London, München oder Warschau durch. Dort hat Google ebenfalls Niederlassungen eröffnet.

Dieser Wettbewerbsvorteil nützt dem Wirtschaftsstandort Schweiz auf mittlere bis lange Sicht. Google hat so gerechnet, dass es in Zürich Raum für rund 5000 Arbeitsplätze hat. «Natürlich planen wir nicht mit 1000 zusätzlichen Jobs, um diese dann nicht zu schaffen», sagte Google-Betriebsleiter Lucas Stolwijk. «Wir wollen weiter wachsen.» Zum Zeitplan für Neurekrutierungen wollte sich der Holländer allerdings nicht äussern.

Technologie «Swiss made»

Die guten Jobaussichten bei Google Schweiz haben damit zu tun, dass das Unternehmen hierzulande seine Angebote laufend weiterentwickelt. Dazu gehören etwa die Übersetzungshilfe und der Kartendienst.

Google-Veteran Urs Hölzle zeigte gestern, wie schnell die Technologie Fortschritte macht. So hat das Unternehmen den Kartendienst neuerdings mit erweiterter Realität verknüpft. Um einen Weg in einer unbekannten Stadt noch besser zu finden, können die Nutzer durch die Kamera ihres Smartphones blicken. Sie erhalten dann virtuelle Wegpunkte eingeblendet, die ihnen die Richtung weisen.

Die Spezialisten in Zürich haben aber auch dazu beigetragen, dass künstliche Intelligenz bessere Übersetzungen von Fremdsprachen liefert. Gemäss Hölzle konnte so die Fehlerquote um 85 Prozent gesenkt werden. Mit dem Dienst Google Translate können Texte in 100 Sprachen übersetzt werden.

In der Schweiz verbessert Google seinen Sprachassistenten für Smartphones und Tablets.

Und auch in diesem Bereich hält erweiterte Realität «made in Switzerland» Einzug. Halten beispielsweise die Nutzer die Kamera ihres Smartphones an ein fremdsprachiges Strassenschild, wird der Text mit einer Übersetzung in der eigenen Sprache eingeblendet.

Schliesslich verbessert Google in der Schweiz seinen Sprachassistenten für Smartphones und Tablets. Der zuständige Ingenieur Behshad Behzadi führte einen Prototyp vor, der den Sinn von komplexen Befehlsausgaben mit über 15 Wörtern pro Satz erkennt. Nutzer und Nutzerinnen können somit in Zukunft normal mit ihren Geräten sprechen und nicht in seltsamer Maschinensprache mit höchstens drei Stichworten pro Frage.

Mit der Präsenz in der Schweiz macht sich Google aber nicht nur Freunde. Am Konzern kommt heute niemand mehr vorbei, der im Internet Werbung schalten will. Mit neuen Diensten wie eine Stellenmarktsuche, die Google für die Schweiz per sofort aufgeschaltet hat, setzt das Unternehmen zudem etablierte Anbieter unter Druck.

Bern schaut hin

Branchenkenner schätzen, dass Google allein in der Schweiz einen Online-Werbeumsatz von über einer Milliarde Franken erwirtschaftet. Das Geld fliesse an der Schweiz vorbei direkt in die USA, lautet deshalb ein Vorwurf. Das Unternehmen erfülle inZürich «alle steuerlichen Pflichten», sagt Länderchef Patrick Warnking zur Steuerpraxis von Google.

Das ruft auch Bundesbern auf den Plan. Die sozialdemokratische Fraktion hat eine parlamentarische Initiative eingereicht. Diese verlangt, dass ausländische Internetfirmen in der Schweiz eine Abgabe auf ihren Umsatz leisten müssen, wenn sie ihre Gewinne nicht hier versteuern. Das Begehren ist noch hängig. Es liegt derzeit bei den Wirtschaftskommissionen von Nationalrat und Ständerat.

Erstellt: 11.09.2019, 08:56 Uhr

Im Visier der Justiz

Die Generalstaatsanwälte von 48 US-Bundesstaaten sowie Washington D.C. und Puerto Rico haben eine Kartelluntersuchung gegen Google und weitere grosse Hightech-Firmen eröffnet. Dafür schlossen sie sich nach eigenen Angaben einer vom texanischen Generalstaatsanwalt Ken Paxton angeführten Initiative an. Die Ermittlungen sollen sich demnach auf Googles Werbe- und Suchgeschäft konzentrieren. Dazu seien Dokumente von dem Unternehmen angefordert worden. Die Justiz habe Belege dafür, dass Google möglicherweise die Konsumentenwahl unterminiert und Innovationen unterdrückt habe, erklärte Paxton. Die Untersuchungen seien «vorläufig». Google will mit den Behörden zusammenarbeiten.

Das US-Justizministerium hatte bereits im Juli angekündigt, potenziell wettbewerbsschädliche Praktiken in der Technologiebranche zu prüfen. Acht der an der Google-Untersuchung beteiligten Staatsanwälte ermitteln auch gegen Facebook. Auch hier geht es um den Vorwurf des Missbrauchs der marktbeherrschenden Stellung. Die EU-Kommission hatte im März gegen Google wegen Kartellverstössen eine Busse über 1,49 Milliarden Euro verhängt. (Reuters/red)

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