Grossbritannien: Anklage gegen Drahtzieher im Libor-Skandal

Der frühere UBS-Händler Tom Hayes wurde gestern auch in London wegen Betrugs angeklagt. Der Brite steht im Verdacht, er habe mit 35 weiteren Grossbankern weltweit über Jahre Zinssätze manipuliert.

War in den Skandal um den Referenzzinssatz Libor verwickelt: Die UBS. (Archivbild)

War in den Skandal um den Referenzzinssatz Libor verwickelt: Die UBS. (Archivbild) Bild: Reuters

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Grossbritannien treibt die Aufarbeitung des Libor-Skandals mit Nachdruck voran. Die britische Spezialeinheit SFO stellte gestern den früheren UBS-Händler Tom Hayes wegen Betrugs in acht Fällen unter Anklage. Der 33-jährige Brite gilt als Schlüsselfigur im Skandal um weltweite Manipulationen am Zinssatz Libor, der für Billionen von Franken an Krediten massgeblich ist, darunter auch für Schweizer Hypotheken.

Die Anklage gegen Hayes belegt, dass London im Fall Libor auch fehlbaren Bankern den Prozess machen will. In einer ersten Phase waren Banken, die Aufsichtspflichten teils krass verletzt hatten, sanktioniert worden. Die britische Grossbank Barclays musste 453 Millionen Dollar Busse zahlen. Vor Weihnachten wurde die UBS von Aufsichtsbehörden in den USA, England und der Schweiz zu Bussen und Strafgeldern von total 1,4 Milliarden Franken verknurrt.

Wenig Freude am Vorgehen der Briten haben scheinbar die USA. Die auf komplexe Betrugsdelikte spezialisierte britische SFO nahm ihre Ermittlungen gegen Hayes und andere Banker im Sommer auf. Ohne Washington zu informieren, liess die SFO Hayes im Dezember verhaften und in London verhören. Dabei hatte das US-Justizdepartement die Briten kurz davor informiert, es wolle selbst gegen Hayes vorgehen.

Manager bisher verschont

Schon am Tag nach der Razzia in London klagten zwar die US-Ermittler Hayes und Roger Darin, einen weiteren Ex-Händler der UBS, wegen Betrugs an. Aber die Chancen auf eine Auslieferung von Hayes seien nach der gestrigen Anklage in Grossbritannien weiter gesunken, sehr zum Ärger von Washington, heisst es in London. Denn sollte Hayes in seiner Heimat rechtskräftig verurteilt werden, verbiete britisches Recht eine Auslieferung und erneute Aburteilung im Ausland in gleicher Sache. Sauer sind US-Ermittler auch, weil sie viel früher gegen die Libor-Manipulatoren vorgingen als die Briten.

Ermittelt wird im Libor-Skandal, der von Amerika über Europa bis Japan reicht, auch gegen mehrere Ex-Händler von Barclays – darunter zwei frühere Trader der britischen Grossbank in New York. Erste Anklagen gegen Barclays-Leute werden im Sommer erwartet.

Fünf Jahre lang manipuliert

Hayes ist bisher als Einziger in den USA wie in Grossbritannien angeklagt. Die Verantwortung für die Zinsmanipulationen reiche «viel, viel höher» als zu ihm, schrieb Hayes per SMS einem Reporter des «Wall Street Journal». Auffallend ist jedenfalls, dass die Justizbehörden bislang erst gegen Händler vorgehen, nicht gegen Manager von fehlbaren Banken wie UBS, Barclays und Royal Bank of Scotland. Der frühere UBS-ChefMarcel Rohner etwa bestritt im Winter in London in einem Hearing, dass er von den Verfehlungen wusste. Die Schweizer Bankenaufsicht Finma betonte in ihrem Libor-Bericht ebenfalls, keiner der obersten UBS-Manager habe von den Tricksereien gewusst.

Hayes, der 2006 zu UBS Japan kam, war die zentrale Figur in einem Netzwerk. Laut den Libor-Untersuchungen in England und den USA haben neben Hayes 35 weitere UBS-Händler weltweit fünf Jahre lang die Libor-Zinssätze manipuliert, um mehr Gewinn für die Bank zu machen und damit ihre Boni zu erhöhen – häufig auf Kosten von Kunden, von denen nun Klagen drohen.

Scheingeschäfte, Schmiergelder

Die Akten im Fall UBS dokumentieren allein beim japanischen Yen-Libor-Zinssatz 1900 Verdachtsfälle, darunter 800 interne Anfragen, die Zinsangaben zu manipulieren. Willfährige Banker wurden mit Scheingeschäften belohnt oder erhielten Bestechungszahlungen.

Teilweise sassen tricksende Händler wie Hayes direkt neben jenen, die für die Meldungen der Libor-Sätze der Grossbank zuständig waren, die dann in die Marktzinsen für Kredite und Hypotheken einflossen. Keiner meldete die Verfehlungen der Kontrollstelle, mehrere interne Untersuchungen deckten das System nicht auf. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2013, 07:48 Uhr

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