Güterzüge stecken fest – BLS Cargo ist am Anschlag

Die Gotthard-Sperrung bringt die Chefs von BLS Cargo ins Schwitzen: Die Berner Bahnfirma rechnet wegen wegfallender Güterzüge mit Einbussen von 1,5 Millionen Franken.

Unfreiwilliger Zwischenhalt in Spiez: Wegen der Sperrung des Gotthard-Tunnels werden Güterzüge auf der Lötschberg-Achse blockiert.

Unfreiwilliger Zwischenhalt in Spiez: Wegen der Sperrung des Gotthard-Tunnels werden Güterzüge auf der Lötschberg-Achse blockiert. Bild: Walter Dietrich

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Am 2.Juli fahren wieder Züge durch den Gotthardtunnel. Zumindest teilten die SBB dieses Datum nach der gestrigen Felssprengung bei Gurtnellen UR mit. Falls sich die Prognose bewahrheitet, wird der 2.Juli auch für die Berner BLS Cargo ein Freudentag; das Güterverkehrsunternehmen steht mit der Sperrung derzeit gewaltig unter Druck.

«Das ist ein Extremereignis, wie es nur alle zehn Jahre vorkommt», sagt Dirk Stahl, CEO von BLS Cargo, im Gespräch mit dieser Zeitung. Unterbrüche von einigen Tagen seien verkraftbar. Aber die Sperrung des Gotthards dauert nun schon zwei Wochen. «Die Situation ist sehr kritisch», sagt Stahl. Betroffen sei die wichtigste Achse des europäischen Güterverkehrs auf den Schienen. Die Folge: Verspätungen bei fast allen Güterzügen durch die Schweizer Alpen.

Güterzüge in Deutschland

Normalerweise fährt die BLS mit 25 Güterzügen pro Tag durch den Gotthard – und hält einen Marktanteil von rund 30 Prozent. Als Ausweichroute nutzt die BLS jetzt stärker ihre Stammlinie Lötschberg–Simplon. Rund 40 Prozent des Gotthard-Verkehrs kann laut CEO Stahl über diese Achse fahren. Beim Lötschberg hält die BLS einen Marktanteil von fast 60 Prozent. Alle wegfallenden Züge können so aber nicht ersetzt werden – im Schnitt fehlen immer noch 10 bis 15 Züge pro Tag. Die Konsequenzen sind gravierend: Mehrere Güterzüge stecken momentan an den Bahnhöfen Spiez und Frutigen fest. Teilweise werden die Kompositionen auch bereits in Deutschland aufgehalten.

Rund um die Uhr an der Arbeit

Auch finanziell ist die Sperrung happig. Weil die BLS weniger Züge fahren kann, rechnet Stahl für die gesamten vier Wochen mit Umsatzeinbussen von rund 1,5 Millionen Franken. Und allein eine weitere halbe Million Franken dürfte die BLS für «zusätzliche Kosteneffekte» aufwenden. Das heisst: Die BLS hat 20 ihrer circa 50 Lokführer von der Gotthard- auf die Lötschberg-Simplon-Strecke abgezogen. Gleichzeitig setzt die BLS auf der Lötschbergstrecke bis zu 15 zusätzliche Lokomotiven ein. Darüber hinaus hat CEO Stahl eine interne Taskforce eingesetzt, die sich mit der Gotthard-Sperrung beschäftigt. «Wir arbeiten rund um die Uhr», sagt er.

Dass die BLS nicht alle wegfallenden Güterzüge kompensieren kann, ist kein eigenes Verschulden. Die Lötschbergachse mit Basis- und Scheiteltunnel (Kandersteg/Goppenstein) schluckt normalerweise ein Volumen von täglich 90 Güterzügen. Nach der Gotthard-Sperrung haben BLS und SBB dieses Volumen auf 135 erhöht. Das gehe vor allem, weil die Züge näher aufeinanderfolgten und alle Reserven aufgegeben würden, sagt Stahl. Zudem fahre man vermehrt in Randzeiten.

Der Basistunnel ist voll

Die 135 Güterzüge sind aber noch ein theoretischer Wert. Das bisher höchste, aber noch unbestätigte Transportaufkommen wurde vor einer Woche abgewickelt: 113 Güterzüge transportierten rund 148'000 Tonnen Güter. «Das ist absoluter Rekord», sagt Stahl. Im Basistunnel habe kein zusätzlicher Zug mehr Platz.

Begrenzt werden die Kapazitäten derzeit im Süden: Zum einen vom Simplontunnel, der derzeit nicht durchgehend zweispurig befahrbar ist; zum andern vom Rangierbahnhof Domodossola, wo die Züge letztlich landen. Ist das Nadelöhr in Italien verstopft, «gerät das ganze System ins Wanken», wie Stahl sagt. Das sei während der Sperrung schon passiert. Deswegen habe man Züge zurückhalten müssen.

Stahl muss nicht nur kurzfristig Züge umleiten – er hat auch die Zukunft im Blick. «Die Verlagerungspolitik darf keinen Schaden nehmen», sagt er. Die Gotthard-Sperrung zeige, wie wichtig mit dem Lötschberg und dem Gotthard die zwei Achsen durch die Alpen seien. Noch wichtiger dürften sie werden, wenn die Prognosen des Bundes eintreffen: Wurden 2010 fast 26 Millionen Tonnen Güter auf der Schiene durch die Alpen transportiert, könnten es 2020 bereits doppelt so viele sein.

Erstellt: 19.06.2012, 10:10 Uhr

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