Von 10 auf 45 Milliarden Dollar in 16 Monaten

Der chinesische Smartphone-Hersteller Xiaomi ist auf Siegeszug: Erst lässt er alle anderen Handybauer bis auf Apple und Samsung hinter sich. Dann sammelt er soviel neues Kapital, dass er wertvoller ist als Airbnb und Uber.

Steve-Jobs-Pose: Lei Jun, Gründer und CEO von Xiaomi, präsentiert im Juli 2014 ein neues Telefon. Foto: Jason Lee (Reuters)

Steve-Jobs-Pose: Lei Jun, Gründer und CEO von Xiaomi, präsentiert im Juli 2014 ein neues Telefon. Foto: Jason Lee (Reuters)

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Das Jahr 2015 wird für den chinesischen Smartphone-Hersteller Xiaomi zum Schicksalsjahr – zum Meilenstein oder Stolperstein. Eben hat der 2010 gegründete Senkrechtstarter neues Kapital aufgenommen. Über eine Milliarde Dollar. Das bestätigt Xiaomi-Chef Lei Jun nun über den chinesischen Kurznachrichtendienst Weibo. Damit wird das Unternehmen neu mit 45 Mil­liarden Dollar bewert – das ist über viermal mehr als bei der letzten Finanzierungsrunde im August 2013. Xiaomi ist demnach wertvoller als die Internetplattform Uber, die Fahrdienste vermittelt und laut eigenen Angaben mit 41 Milliarden bewertet ist. Zu den Investoren gehört etwa der chinesische Technologie-Mogul Jack Ma, der die Online-Plattform Alibaba leitet, die kürzlich in New York an die Börse ging.

Um den steilen Aufstieg fortzusetzen und die Erwartungen der Investoren zu erfüllen, muss das Unternehmen, das in China zuletzt mehr Smartphones verkaufte als jeder andere Hersteller, neue Märkte erschliessen. Xiaomi will es deswegen nicht nur zu Hause mit den Apples und Samsungs dieser Welt aufnehmen. Firmengründer Lei Jun träumt von einem globalen Volltreffer. Die USA sollen die Messlatte des Erfolgs sein. Doch es geht nicht nur um Masse.

Bislang ging die Entwicklung der Firma steil bergauf, weil Xiaomi in China den Zeitgeist trifft. In der Volksrepublik ist eine breite Konsumentenbasis heiss auf Alternativen zu den teuren High-End-Telefonen aus Cupertino und Korea. Xiaomi liefert sie. Mit schlauem Marketing, einem kostensparenden Online-only-Vertrieb und günstigen Preisen hängte der Neuling im eigenen Land alle Konkurrenten ab und katapultierte sich weltweit auf Platz drei hinter Samsung und Apple. Zwischen Juli und September verkaufte Xiaomi 17,3 Millionen Geräte und liess damit Huawei, Lenovo und LG hinter sich.

Hilfe vom Ex-Google-Manager

Zeit zum Feiern bleibt den Verantwortlichen jedoch nicht. Denn obwohl die Verkaufszahlen stimmen, tut sich die Firma schwer mit dem Geldverdienen. Wegen der winzigen Margen fallen kaum Profite ab. Werbung und gebührenpflichtige Serviceangebote wie Onlinespiele, Filme oder E-Commerce sollen die Lücken schliessen. Das Android-basierte eigene Betriebssystem Miui soll Kunden binden. Sie werden deswegen aufgerufen, zur Weiterentwicklung der Software beizutragen. Aber die Kunden sind noch nicht loyal genug, sagen Branchenkenner. Während Apple mit seinem iOS den Kunden einen Wechsel schwer­mache, habe Xiaomi bislang wenig Argumente für einen dauerhaften Verbleib bei der Marke, klagen die Experten.

Die Eroberung des Auslands soll Xiaomi Zeit verschaffen, neue Einkommensquellen zu generieren, weswegen die Führungsebene unter anderen mit dem Ex-Google-Manager Hugo Barra verstärkt wurde. «Xiaomi hat einen Haufen Probleme zu lösen, wenn es international erfolgreich sein will», prophezeit Cao Junbo, Chefanalyst der IT-Berater von Iresearch aus Peking. Die grösste Herausforderung: der Mangel an Patenten. Nur einen Monat nach dem Verkaufsstart in Indien hat ein Gericht in der Hauptstadt Delhi den Chinesen Mitte Dezember den Riegel vorgeschoben, nachdem der schwedische Hersteller Ericsson auf Patentverletzung geklagt hatte. Vorläufig darf Xiaomi in Indien seine Telefone weder importieren noch verkaufen. Ein herber Rückschlag für die Expansionspläne und das erklärte Verkaufsziel von 100 Millionen Stück im nächsten Jahr.

Auch in China selbst hatte Xiaomi kürzlich schon die Anwälte von Huawei und ZTE vor der Tür. Es geht um die Nutzung der WCDMA-Technik zur Datenübertragung. In Brasilien und Indonesien verzögert sich die Markteinführung der Smartphones indes wegen unerwartet langwieriger Lizenzierungsprozesse durch die örtlichen Behörden.

Konkurrenzdruck nimmt zu

Die Zeit drängt, glaubt Analyst Cao von Iresearch. Er sagt: «2015 wird ein entscheidendes Jahr für Xiaomi.» Es müssen Profite her, mit denen Anleger langfristig Vertrauen in das Geschäftsmodell gewinnen. Firmenchef Lei sucht deshalb Partnerfirmen, die verwertbare Inhalte liefern können. Mit knapp 300 Millionen Dollar stieg Leis eigens gegründete Investmentfirma beim Online­video-An­bieter iQiyi.com ein, einer Tochter des chinesischen Suchmaschinenmarktführers Baidu. Auch in den USA kaufte Xiaomi dazu und war Teil eines Konsortiums, das 40 Millionen Dollar in das kalifornische Start-up Misfit steckte, das mobile Leistungsmessgeräte herstellt.

«Xiaomi steckt in einer Zwickmühle», sagt Xiang Ligang, Chef des Branchendienstes Cctime.com. «Die absolute Dominanz in China läuft bald aus, aber noch gibt es keine Bereiche, in denen neues Wachstum generiert werden kann.» Im Smartphone-Markt nimmt der Druck im eigenen Land durch die Mitbewerber zu, weil die begonnen haben, Zutaten von Xiaomis Erfolgsrezept zu kopieren – etwa das aggressive Internetmarketing oder die Preisgestaltung. Auf der anderen Seite bedienen Apple oder Samsung ein zu hochwertiges Segment, als dass Xiaomi sie ernsthaft angreifen könnte. Das gilt sowohl für die Smartphones als auch für die preisgünstigen Tablet-Versionen, die dem iPad ­ähneln.

Mit einer erweiterten Produktpalette wie drahtlosen Routern, Smart-TV, Digitalempfängern, Cloudservices oder Luft­reinigern streckt Xiaomi die Fühler nach anderen Märkten aus. Sogar ein Elektroauto im Zusammenarbeit mit dem US-Produzenten Tesla ist im Gespräch. Bislang ist allerdings noch nichts dabei, was die Firma tragen könnte.

Firmenchef Lei Jun versucht derweil, seine Marke in eine Aura des Einzigartigen zu kleiden. Er trägt bei Produktpräsentationen gern schwarze Pullover und schwarze Hosen, so wie einst Apple-Gründer Steve Jobs. Auch deshalb nennen ihn manche den «Steve Jobs von China». 2015 muss Lei zeigen, was am schmeichelhaften Vergleich dran ist.

Erstellt: 29.12.2014, 15:12 Uhr

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