Harley-Davidson serviert Trump die Quittung

Statt US-Jobs zu schaffen, erreichen Trumps Zölle vorerst das Gegenteil. Nun zieht ein erstes Unternehmen die Konsequenzen.

Trumps Strafzölle verteuerten die Harleys in Europa, dem letzten Wachstumsmarkt, unnötig um Tausende von Franken. Video: Reuters/Keystone/Wibbitz

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So hatte Donald Trump sich das nicht vorgestellt. Statt Fabrikjobs in den Vereinigten Staaten zu schaffen, erreicht der vom US-Präsidenten angezettelte Handelsstreit vorerst das genaue Gegenteil. Und hinter der Verlagerung von Arbeitsplätzen aus den USA steckt auch noch eine amerikanische Ikone: Harley-Davidson. Der Motorradbauer aus Wisconsin im Mittleren Westen der USA plant, einen weiteren Teil seiner Produktion ins Ausland zu verlegen.

Der US-Motorradbauer Harley-Davidson will Teile seiner US-Produktion ins Ausland verlagern. Video: Tamedia/Reuters

Binnen der kommenden 9 bis 18 Monate soll ein grösserer Teil der Motorräder, die Harley-Davidson in Europa verkauft, nicht mehr aus den USA kommen, um die am Freitag in Kraft getretenen Zölle der Europäischen Union gegen Einfuhren aus den USA zu umgehen. «Die Steigerung der internationalen Produktion ist nicht die Präferenz des Unternehmens, sondern die einzige nachhaltige Möglichkeit, die Motorräder für Kunden in der EU zugänglich zu machen und ein rentables Geschäft in Europa aufrechtzuerhalten», teilte das Unternehmen in einer Mitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC mit.

Trump reagiert pikiert

Die Ankündigung ging auch an US-Präsident Trump nicht vorbei. Er reagierte am Montagabend, wie es zu erwarten war: mit einer pikierten Twitter-Nachricht. «Überrascht, dass Harley Davidson von allen Unternehmen als erstes die weisse Flagge hisst», schrieb er. «Ich habe hart für sie gekämpft» – anscheinend habe die Firma nur einen Vorwand für ihren Schritt gesucht. Zugleich zeigte sich Trump optimistisch, dass Harley-Davidson am Ende der Verhandlungen gar keine Zölle auf Verkäufe an EU-Kunden zahlen müsse.

Nach Berechnungen des Unternehmens wird durch die Zölle jedes einzelne Motorrad in Europa etwa 2200 Dollar teurer. Weil dieser Aufschlag die Kunden abschrecken würde, will Harley-Davidson die Preise aber nicht erhöhen, sondern die Kosten selbst tragen. In diesem Jahr soll das zwischen 30 und 45 Millionen Dollar kosten.

In den Jahren danach kämen jährliche Zusatzaufwendungen von 90 bis 100 Millionen auf die Firma zu, die sie nun teilweise durch die Produktionsverlagerungen abmildern will. Im vergangenen Jahr hat Harley-Davidson fast 40’000 Motorräder in Europa verkauft, das macht den Kontinent nach Umsatz zum zweitwichtigsten Markt nach dem Heimatland. Der Zoll, den die EU auf die Harley-Motorräder erhebt, stieg am Freitag von 6 auf 31 Prozent.

Video: Zölle auf einen Mythos

Vor Wochenfrist liess Harley-Davidson noch offen, welche Konsequenzen man aus den Zöllen ziehe. Video: Tamedia/Reuters

Die Zölle der EU sind eine Vergeltungsmassnahme gegen die von den USA verhängten Einfuhrbeschränkungen für europäische Produkte. Die Vereinigten Staaten erheben seit 1. Juni Strafzölle von 25 Prozent auf Stahl sowie 10 Prozent auf Aluminium aus der EU. Trumps Politik soll Unternehmen dazu bringen, mehr in den USA zu produzieren. Europa hat mit Gegenzöllen in Höhe von 25 Prozent gekontert, unter anderem auf Eisen- und Stahlprodukte, Bourbon, Erdnussbutter, Levi’s Jeans und eben auch auf Motorräder von Harley-Davidson. Insgesamt geht es um Waren im Wert von 2,8 Milliarden Euro.

Trump droht als nächste Eskalationsstufe mit Strafzöllen auf europäische Autoimporte. Wenn die Europäische Union nicht «bald» ihre Zölle für US-Produkte «niederbricht und beseitigt», würden die USA einen 20-prozentigen Tarif auf alle aus der EU eingeführten Autos verhängen, schrieb Trump auf Twitter. Der Präsident streitet sich nicht nur mit den Europäern, sondern vor allem mit China über Handelspolitik. Auch auf chinesische Importe hat er Zölle verhängt, auf die China wiederum mit Zöllen reagiert. In der vergangenen Woche hatte Daimler bereits die Gewinnprognose für das laufende Jahr gekappt, vor allem wegen der voraussichtlich steigenden Gebühren in China auf Autoimporte aus den USA. Der deutsche Autobauer betreibt ein grosses Werk in Alabama, in dem der Konzern unter anderem SUVs für den chinesischen Markt baut.

Das Traditionsunternehmen, gegründet 1903, ist gerade nicht in der Verfassung, um steigende Kosten durch den Handelsstreit einfach so zu schlucken.

Harley-Davidson ist das erste amerikanische Unternehmen, das öffentlich Konsequenzen aus den Zöllen zieht. Es stellt bislang den Grossteil der Motorräder in den USA her, hat allerdings auch Fabriken in Australien, Brasilien, Indien und Thailand. Dort soll nun mehr gebaut werden. Derzeit erlebt das Unternehmen noch eine Sonderkonjunktur in Europa. «Man hat schon gemerkt, dass einige Kunden gesagt haben, bevor irgendein Strafzoll kommt, möchte ich gern jetzt meinen Traum verwirklichen», sagte Mitteleuropa-Chef Christian Arnezeder. Der Absatz der Motorräder, die bis zu 43’000 Euro kosten, habe in seinem Markt zuletzt um 20 bis 30 Prozent zugelegt.

Das Traditionsunternehmen, gegründet 1903, ist gerade nicht in der Verfassung, um steigende Kosten durch den Handelsstreit einfach so zu schlucken. Die Kundschaft wird immer älter, bei Jüngeren kommt die alte Kultmarke nicht mehr gut an. Die Rivalen geben Rabatte. Und durch die zunächst von den USA verhängten Zölle auf Stahl sind bereits die Rohstoffpreise gestiegen. Im ersten Quartal sank die Zahl der weltweit verkauften Harleys um fast 10 Prozent auf 64’000, der Gewinn schrumpfte um rund 5 Prozent auf 175 Millionen Dollar. Vor allem in den USA sank die Nachfrage, im Ausland stieg sie leicht.

Wisconsin, die Heimat des Motorradbauers, zählt zu den Staaten, in denen Trumps Botschaft des «Make America Great Again» besonders gut angekommen ist – gepaart mit dem Versprechen, Industriejobs zurückzuholen in die entlegeneren und zunehmend verarmten Regionen der USA. Trumps Sieg in Wisconsin war eine Überraschung, seit Jahrzehnten ging der Staat an die Demokraten. Der Verlust von Arbeitsplätzen könnte Trump nun in einem seiner Lieblings-Bundesstaaten schaden. Allerdings ist bisher unklar, wie viele Jobs in den USA wegfallen werden durch Harley-Davidsons Umverteilung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2018, 10:07 Uhr

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