Hat die französische Bahn Juden deportiert?

Es geht um Geld, sehr viel Geld: Die französische Bahn will in Kalifornien eine Hochgeschwindigkeitsstrecke bauen. Doch nun könnte die SNCF von der Geschichte eingeholt werden.

Sollen angeblich mit der SNCF deportiert worden sein: Juden in Frankreich.

Sollen angeblich mit der SNCF deportiert worden sein: Juden in Frankreich.

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Es geht um Geld, um sehr viel Geld: Auf umgerechnet rund 33 Milliarden Euro werden die Kosten für das kalifornische Bahnprojekt insgesamt geschätzt. Ab 2020 soll zwischen Los Angeles und San Francisco eine Hochgeschwindigkeitsstrecke entstehen, und einen Teil der begehrten Aufträge hat auch die französische Staatsbahn SNCF im Visier. Doch in dem US-Bundesstaat formiert sich Widerstand gegen den französischen Konzern. Per Gesetz soll festgeschrieben werden, dass alle Bewerber für die Grossaufträge ihre Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg offenlegen müssen. Konkret geht es vor allem um die Judendeportationen zwischen 1942 und 1944 in Zügen aus Frankreich in Konzentrationslager – denn der SNCF wird seit Jahren vorgeworfen, ihre aktive Rolle bei den Todestransporten zu verschleiern.

Der demokratische Abgeordnete Bob Blumenfield hat den Gesetzesvorschlag eingebracht, über den in Kalifornien noch vor Monatsende abgestimmt werden soll, damit die Regelung zum 1. Januar in Kraft treten kann. Denn ab nächstem Jahr könnten die Ausschreibungen für das Grossprojekt beginnen. «Ich finde, wenn ein Unternehmen das Geld der kalifornischen Steuerzahler bekommen will, dann muss es die Verantwortung für seine Taten in der Vergangenheit übernehmen», fordert Blumenfield. Die französische Bahn verweigere dies «seit Jahren».

Todeszüge Richtung Osten

Mehr als 75'000 Menschen wurden unter der NS-Herrschaft aus Frankreich in Konzentrationslager wie Auschwitz deportiert. Weniger als drei Prozent von ihnen überlebten. Allein aus dem Sammellager Drancy bei Paris wurden insgesamt 67'000 jüdische Männer, Frauen und Kinder in den Todeszügen Richtung Osten abtransportiert. Tausende starben schon, bevor sie die Lager erreichten – als Folge der furchtbaren Zustände in den Waggons.

Die französische Staatsbahn erkennt das Grauen der Deportationen an. Historiker wurden schon vor Jahren mit der Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte beauftragt, in grossen französischen Bahnhöfen fanden Ausstellungen zum Abtransport jüdischer Kinder statt. Doch der Vorwurf der Schönfärberei bleibt: Denn die SNCF beruft sich nach wie vor darauf, dass das Unternehmen unter der Nazi-Besatzung in Frankreich zu den Deportationen gezwungen gewesen sei. Französische Eisenbahner seien zudem aktiv am Widerstand gegen die Nazis beteiligt gewesen. Hinterbliebene und Kritiker werfen dem Unternehmen vor, die Menschen von sich aus in Viehwaggons gepfercht und obendrein von den Nazis überhöhte Transportgebühren kassiert zu haben.

«SNCF hat die Fahrer gestellt»

«Zu behaupten, dass die SNCF die Judentransporte organisiert und Menschen getötet habe, ist komplett falsch», hebt SNCF-Amerika-Chef Denis Douté hervor. «Die Transporte wurden von den Deutschen organisiert, die die Waggons stellten. Die SNCF hat die Fahrer gestellt.» Das Gesetzesvorhaben in Kalifornien und die darin geforderte Transparenz könne er nur begrüssen. Dadurch könne endlich «die Wahrheit» ermittelt werden.

Ohnehin gebe es in Frankreich «schon seit einigen Jahrzehnten» vollständige Transparenz bei dem Thema, fügt Douté hinzu. Es gebe auch eine Kommission, die sich bereits um 24'000 Fälle gekümmert und Entschädigungen von mehr als 426 Millionen Euro vorgenommen habe. Dies laufe über den französischen Staat, nicht über die SNCF. 2006 war das Staatsunternehmen in Frankreich erstmals selbst zu einer Schadensersatzzahlung von 62'000 Euro in einem Deportationsfall verurteilt worden. Das Urteil wurde später aufgehoben, weil der Verwaltungsgerichtsweg für unzulässig erklärte wurde.

Kein Fonds

Der Abgeordnete Blumenfield will die Position der SNCF nicht akzeptieren. «Die meisten Unternehmen haben, unabhängig von ihren Staaten oder Aktionären, Entschuldigungen ausgesprochen, Opfer entschädigt, Fonds ins Leben gerufen oder andere Dinge.» Der französischen Bahn hält er deshalb vor: «Der Unterschied bei der SNCF ist, dass sie bisher nichts eigenständig in die Wege geleitet hat.» (sam/afp)

Erstellt: 13.08.2010, 06:49 Uhr

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