«Hier spielt sich die Schlacht der Zukunft ab»

Swisscom-Chef Carsten Schloter spricht im Interview über die Erfahrungen mit den Infinity-Abos, sein TV-Angebot und Trends in der Telecombranche.

«Interaktivität wird fundamental»: Swisscom-Chef Carsten Schloter zur Strategie des Telekommunikationsriesen. (7. Februar 2013)

«Interaktivität wird fundamental»: Swisscom-Chef Carsten Schloter zur Strategie des Telekommunikationsriesen. (7. Februar 2013) Bild: Keystone

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Sie haben angekündigt, künftig noch mehr ins Netz zu investieren, weil Sie bis in drei Jahren nur noch mit dem Netzzugang Geld verdienen werden. Geht diese Strategie auf?
Davon sind wir überzeugt. Vor ein paar Jahren wäre unsere Aktie nach so einer Ankündigung abgestürzt. Firmen wie die holländische Ex-Monopolistin KPN waren die Stars an der Börse, weil sie extrem hohe Ausschüttungen vorgenommen und wenig investiert haben. Mittlerweile hat KPN drei Viertel ihres damaligen Börsenwertes verloren. Der Kapitalmarkt hat verstanden, dass es in der Telecomindustrie langfristige Investitionen braucht, um erfolgreich zu sein.

Der Wettbewerb um Hausanschlüsse ist in vollem Gange: Cablecom bietet mit dem Netzzugang neu kostenlos Digital-TV. Die Swisscom musste nachziehen. Wer hat die Nase vorn?
Der Vorteil der Cablecom: Bei ihr kann der Kunde den Fernseher in die TV-Buchse einstöpseln und empfängt Digital-TV. Bei uns braucht er dafür ein zusätzliches Gerät. Der Nachteil der Cablecom: Statt zu den Kunden hat sie oft nur zu den Hauseigentümern eine Beziehung. Im Wettbewerb um die verbleibenden Analog-TV-Kunden ist das ein wichtiges Argument.

Sie haben für 2013 eine Umwälzung im Festnetz angekündigt, wie es sie 2012 im Mobilfunk gab. Dort hängt der Preis des Handyabos nicht mehr von der Nutzung, sondern von der Surfgeschwindigkeit ab.
Wir brauchen nachhaltige Geschäftsmodelle. Beim TV etwa sind wir in einer ähnlichen Lage wie in der Sprachtelefonie: In fünf Jahren wird man keinen höheren Preis verlangen können, wenn man mehr Kanäle bietet. Jeder Internetanbieter wird in der Lage sein, 500 Sender in die Stube zu bringen. Die Frage ist, wer dieses Problem am geschicktesten löst.

Und wie lautet Ihre Strategie?
Es gibt künftig zwei Möglichkeiten, sich auf der Preisseite zu differenzieren: die Funktionalität des Angebots oder die Inhalte. Hier spielt sich die Schlacht der Zukunft ab. Cablecom mit ihrem Mutterkonzern Liberty Global hat bei internationalen Inhalten einen Vorteil. Wir werden auf nationale Inhalte setzen.

Was ändert sich weiter?
Heute nutzt bereits jeder vierte Swisscom-TV-Kunde das sogenannte Replay-TV – die Möglichkeit, verpasste Sendungen nachzuholen. Solche Kunden schauen praktisch von einem Tag auf den anderen 50 Prozent der Inhalte zeitversetzt. Das zeigt, wie fundamental Interaktivität wird. Das ist ein Schwachpunkt der Kabelnetze. Dass die Cablecom kein Replay-TV anbietet, ist kein Zufall. Ihr fehlt die nötige Infrastruktur.

Liberty Global kauft Virgin Media und gewinnt in Europa an Gewicht. Was heisst das für die Swisscom?
Potenziell kann Cablecom dadurch internationale Inhalte noch günstiger einkaufen. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob Cablecom und Liberty irgendwann in eine eigene Mobilfunkinfrastruktur investieren müssen. In diesem Fall würde die geografische Breite des Konzerns zur Herausforderung.

Sie sollen ein Handynetz bauen?
Sie können auch bestehende Netze übernehmen. In zehn Jahren wird es in Europa pro Land zwei, maximal drei integrierte Infrastrukturanbieter geben. Mehr verträgt es aufgrund der anstehenden Investitionen nicht. Auch die Integration von Fest- und Mobilnetz wird wichtig.

Sie sehen also keine Zukunft für reine Mobilfunkanbieter?
Nein. Höchstens in einer Nische.

Also wird Orange verschwinden?
Das habe ich nicht gesagt. Wie die Zukunft hier aussehen wird, ist auch eine politische Frage. Darüber sind sich auch die Behörden noch nicht einig.

Sie spielen auf die verbotene Fusion von Sunrise und Orange an. Welche Folgen haben die neuen Handytarife für den Wettbewerb?
Heute wechseln viermal mehr Kunden samt Handynummer von Sunrise und Orange zu uns als umgekehrt. Vorher war das Verhältnis ausgeglichen.

Der Marktanteil wächst also weiter?
Davon gehe ich aus. Ich habe die Zahlen der Konkurrenten noch nicht. Was zählt, sind die Abos. Die Prepaid-Zahlen werden oft von Gratiskarten beeinflusst.

Sie sagen, der Netzzugang entwickle sich zum Wachstumsmarkt. Woher wissen Sie, dass das stimmt?
Ende 2013 werden wir jene Kunden anschauen, die Mitte 2012 auf unsere neuen Infinity-Tarife gewechselt haben. Wenn diese bis dahin mehr Umsatz pro Monat generieren als im letzten Sommer, liegen wir richtig. Das würde unsere These untermauern, dass die Umsätze in einem reinen Zugangsmodell wachsen.

Viele Ex-Monopolisten wie die Deutsche Telekom haben heute Probleme, den Netzausbau zu finanzieren, weil sie in zu vielen Märkten präsent sind. War es am Ende richtig, der Swisscom die Auslandabenteuer zu verbieten?
Ehrlicherweise muss man sagen, dass wir vor den gleichen Problemen stehen würden, hätten wir Telekom Austria mitsamt Beteiligungen in Osteuropa übernommen. Allerdings war damals nicht absehbar, dass die Investitionen so schnell so stark ansteigen. Und auch wenn wir es geahnt hätten – am Kapitalmarkt war das ein Tabuthema. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2013, 10:39 Uhr

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