«Ich finde Technik hip und cool»

Jasmin Staiblin führt ABB Schweiz seit vier Jahren: Unspektakulär, aber bestimmt – und sehr erfolgreich. Sie will auch junge Menschen für Technik begeistern.

«Krisen können auch ungeahnte Kräfte freisetzen», sagt ABB-Chefin Jasmin Staiblin.

«Krisen können auch ungeahnte Kräfte freisetzen», sagt ABB-Chefin Jasmin Staiblin. Bild: Sabina Bobst

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ABB Schweiz hatte schwere Zeiten nach der Jahrtausendwende. Die Mitarbeiterzahl sank nach dem Verkauf der Gebäudetechnik und anderer Geschäfte von 7500 auf 5000. Seit 2006, als Sie Chefin wurden, hat man wieder auf gut 6300 aufgebaut. Wie gelang das Comeback?
Wir haben 2003 entschieden: Unser Kerngeschäft ist Automation und Energietechnik. Durch die Fokussierung entsteht eine unheimliche Kraft, weil man sich nicht verzettelt. Wir setzen heute viel stärker auf Partner, bieten gemeinsam Lösungen an, etwa im Bahnbereich. Wir bauen ja keine Züge mehr, liefern aber nach wie vor an die Bahnindustrie. Wir sind nicht mehr Mitbewerber, sondern Partner, und verkaufen früheren Konkurrenten einen grossen Teil unseres Sortiments.

Hat davon die Schweiz profitiert?
Wir bearbeiten den Heimmarkt intensiver. Die Kunden vor der eigenen Haustüre, die zum Teil auch exportieren, bedienen wir zu allererst. Heute ist die Schweiz mit 800 Millionen Franken Bestellungseingang unser grösster Einzelmarkt mit über 20 Prozent Anteil – vor vier Jahren waren es erst 15. Es ist mir wichtig, dass wir im Heimmarkt und den umliegenden Ländern stark sind. Krisen können auch ungeahnte Kräfte freisetzen. ABB Sécheron in Genf etwa spezialisierte sich, als ihr Hauptmarkt zusammenbrach, auf Bahntransformatoren und ist darin heute Weltmarktleader.

Baut ABB auch 2010 Mitarbeiter ab?
Wir haben 2009 angekündigt, dass wir bei Turbo Systems 205 Stellen abbauen. Umsetzen tun wir dies aber in diesem Jahr. Für 80 Mitarbeiter hatten wir von Beginn weg eine Lösung, bei den anderen 125 sind es bereits über 50. In anderen Geschäften sehen wir Anzeichen einer Erholung. Die Kurzarbeit liegt bei uns unter zwei Prozent. Für 2010 bin ich vorsichtig optimistisch. Ob es ohne Entlassungen geht, entscheidet am Ende die Konjunktur.

Schadet die Globalisierung dem Werkplatz Schweiz?
Nein, sie profitiert jetzt schon. Aber wir müssen wettbewerbsfähig sein, stetig die Produktivität steigern. Niemand hält eine schützende Hand über uns. Es ist wichtig, dass wir in der Forschung immer zwei, in der Produktion einen Schritt voraus sind. Doch darin ist die Schweiz stark und wir mit ihr.

Führt der offene Arbeitsmarkt nicht zu Abwanderung?
Nein, im Gegenteil. Die hohe Flexibilität in der Form und Dauer der Beschäftigung, die Möglichkeit zu Teilzeit, zu Jahresarbeitszeit, zu Kurzarbeit, all dies ist ein grosser Standortvorteil der Schweiz. Es ist ein Vorteil, dass wir Mitarbeitende unkompliziert einsetzen können, wo sie gebraucht werden.

Beschäftigt ABB Schweiz in fünf bis zehn Jahren mehr Leute als jetzt?
Eine Prognose kann ich nicht machen. Ich bin jedoch optimistisch, dass wir das bestehende Geschäft weiterentwickeln können, ob es zu mehr Mitarbeitern führt, wird man sehen. Dafür ist auch ein Aufschwung nötig. Entscheidend ist, dass wir vorangehen, innovativ sind und neue Schlüsselkompetenzen erarbeiten. Die am Freitag in Lenzburg eröffnete Fabrik für Leistungshalbleiter ist eine solche Investition in die Zukunft. Diese Supersportler unter den Halbleitern sind das Herzstück für intelligente Stromnetze, für Zugsantriebe, Windräder und viele andere Bereiche.

Ist das ein Wachstumsfeld?
Absolut. Lenzburg produziert für ABB weltweit. Im Forschungszentrum in Baden-Dättwil ist Leistungselektronik ein Schwerpunkt. In Turgi werden die Halbleiter in immer mehr Produkte eingebaut. Wir decken in der Schweiz also von der Forschung über die Produktion bis zu den Lösungen die ganze Palette ab. Das Kompetenzzentrum Leistungselektronik beschäftigt bereits 1500 hoch qualifizierte Mitarbeiter. Potenzial sehe ich auch in der Energietechnik: In den Bereichen Hoch- und Höchstspannung bedienen die Schweiz und ein Werk in China den Weltmarkt mit Produkten und Systemwissen. In diesem Bereich, mit gasisolierten Schaltern und Systemgeschäft, arbeiten in der Schweiz weitere 1500 Mitarbeitende.

Gibt es neue Kompetenzzentren?
Die erwähnten Traktionstrafos von Sécheron sind ein Beispiel. Wir bedienen die Bahnbranche gezielt mit Komponenten, vom Trafo über Umrichter, Motoren, Schalter und andere Produkte. Genf ist mit 340 Mitarbeitern im Konzern für den Aufbau des Bahngeschäfts verantwortlich. Weltweit ist es heute im Konzernverbund ein Milliardengeschäft. Vor einigen Jahren waren es wenige Hundert Millionen.

Hängt die Zukunft der Schweiz also von der Fähigkeit ab, solche Kompetenzfelder auf- und auszubauen?
Ja. Und von der Überzeugung, dass wir es schaffen. Ein Beispiel: ABB produziert seit 1955 Leistungshalbleiter. Wir haben so fest daran geglaubt, dass diese heute in viel mehr Anwendungen gebraucht werden, dass wir 150 Millionen Franken investierten. Man muss die Kraft haben, sich ständig zu erneuern.

Warum wurde die Chipfabrik nicht in China gebaut?
Den Ausschlag gaben der flexible Arbeitsmarkt, hoch- und höchstqualifizierte Mitarbeiter, der Hochschulverbund, Produktivität, Qualität und Wettbewerbsfähigkeit.

Gibt es schrumpfende Bereiche?
Nein, von Randaktivitäten hat ABB sich in der Krise getrennt. Wir fragen uns aber ständig, wo die Schweiz eine höhere Wertschöpfung hat. Wo sind wir besser, schneller, innovativer?

Wird die Schweiz da nicht von Osteuropa und Asien kannibalisiert?
Wenn man bestehende Produkte nicht selbst mit Innovationen kannibalisiert, tut es die Konkurrenz. Selbst bei Turboladern, wo wir technisch führend sind, investieren wir in die nächste und forschen an der übernächsten Generation, obwohl das Neugeschäft gerade in einer Krise steckt.

Kurz: ABB Schweiz geht es blendend?
Ich bin vorsichtig optimistisch.

Haben Sie die Schweizer Bescheidenheit so stark verinnerlicht?
Da haben Sie mich erwischt (lacht). Es braucht meines Erachtens produktive Unruhe. Ich will eine Milliarde Franken im Heimmarkt erreichen. Wir müssen eine gesunde, konstruktive Unzufriedenheit mit dem Erreichten in uns haben. Das Schlimmste ist, wenn alle sagen, es läuft doch super, das wäre Gift.

Wann kommen die schlauen Stromnetze in den Haushalten an, die man uns seit Jahren verspricht?
Auf der Ebene Integration von Windfarmen oder Solarparks sowie bei der Modernisierung der Übertragungsnetze läuft das Geschäft an. Für den Konzern wird das ein Milliardengeschäft.

Wann profitieren die Haushalte?
Dazu braucht es differenzierte Tarifmodelle und intelligente Verteilnetze. Die EU will 80 Prozent der Haushalte bis 2020 mit elektronischen, übers Netz ablesbaren Zählern ausstatten. Die Revolution, welche Internet und Mobilfunk in die Kommunikation brachten, hat die Stromwirtschaft noch vor sich. Die Landschaft wird sich stark verändern. Wer weiss, vielleicht kommt die Stromrechnung irgendwann von einer Telecomfirma, die die Endkunden betreut.

In der Schweiz fehlen 3000 Ingenieure plus andere Fachkräfte. Wieso bilden wir nicht mehr aus?
Wir müssen junge Menschen für Technik begeistern. Die Frage ist, sind wir als Gesellschaft technikfeindlich, was für eine Lobby haben Ingenieure, was ist ihr Image. Oder auch: Wie begeistert man schon kleine Kinder für Technik?

Und, was ist Ihre Strategie?
Wir machen, unter anderem, Techniktage in unseren zehn Krippen. Es ist faszinierend, wie unbefangen Kinder mit Technik umgehen. Wir müssen uns fragen, worauf wir Wert legen. Es stimmt mich nachdenklich, wenn an einem internationalen Elitegymnasium Eltern aus China fragen, was hat mein Kind für Noten in Mathematik und Physik, während die Europäer wissen wollen, wie es in Kunst und Theaterworkshops läuft.

Was machen Sie, damit Ingenieurin sein cool wird?
Man muss selber begeistert sein. Ich finde Technik hip und cool. Bei Projekten und Produkten denke ich oft, Mensch, das ist genial. Es braucht Leidenschaft, um sie Kunden, Mitarbeitern und jungen Menschen zu vermitteln.

Wieso ist der Frauenanteil bei ABB immer noch so tief?
Der Hauptgrund ist, dass nicht mehr junge Frauen technische Berufe und Studien wählen. In Skandinavien, in Osteuropa, aber auch in China ist der Frauenanteil höher. Da müssen wir aufholen. Im Moment liegt der Frauenanteil bei uns bei 17 Prozent, im Kader bei 6 Prozent. Entscheidend bleibt, dass die Besten gefördert werden, unabhängig von Geschlecht oder Herkunft.

Fördert ABB Elternschaft?
Das ist ja auch für Väter ein grosses Thema. Schon in Bewerbungsgesprächen sind Fragen nach internationalen Schulen, nach Krippen und Kindergärten, nach flexiblen Arbeitszeiten und Teilzeit allgegenwärtig. Und hier können wir viel bieten. Familienfreundlichkeit ist ein Grund, warum viele zu uns kommen oder bleiben.

Warum zogen Sie mit Kleinkind vom büronahen Ennetbaden nach Bäch an den Zürcher Obersee?
Für das Unternehmen spielt das keine Rolle. Unterwegs auf der Westumfahrung telefoniere ich morgens mit Ländern, wo man bald ins Bett geht, abends mit Ländern, wo der Tag beginnt.

Haben Sie ein Kindermädchen?
Zu Persönlichem möchte ich keine Aussage machen. Es ist alles eine Frage der Organisation. Und ich bin ja nicht allein, ich habe einen Partner. Am Schluss muss es einfach für alle stimmen.

Erstellt: 04.05.2010, 22:52 Uhr

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Zur Person

Jasmin Staiblin ist seit 2006 Chefin von ABB Schweiz. Die Süddeutsche hat an der Universität Karlsruhe Elektrotechnik und Physik studiert und ihre gesamte Karriere bei ABB verbracht. Staiblin ist Mutter eines Säuglings. Als sie letzten Juni in den Mutterschaftsurlaub ging, attackierte sie «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel wegen ihrer Babypause. Staiblin äussert sich in Interviews prinzipiell nicht zu Persönlichem. (aba)

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