«Ich hatte sehr viele Misserfolge»

Amazon-Gründer Jeff Bezos ist der drittreichste Mensch der Welt. Das Internetunternehmen ist für ihn die Möglichkeit, an der Zukunft mitzuarbeiten.

Jeff Bezos glaubt an harte Arbeit und hält das leichte Leben für eine Illusion. Foto: Mike Segar (Reuters)

Jeff Bezos glaubt an harte Arbeit und hält das leichte Leben für eine Illusion. Foto: Mike Segar (Reuters)

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Wer dem Gründer von Amazon, dem grössten Einzelhandelsmarkt der Welt, zum ersten Mal begegnet, dem fällt sofort eines auf: sein verblüffend lautes Lachen. Es dröhnt geradezu. Es kommt überraschend und wie eine Explosion und ist ebenso ansteckend wie einschüchternd. Während des Interviews erschallte es mindestens zwanzigmal. Der 52-jährige Unternehmer verbringt gerade einen Kurzurlaub in Florenz, mit seiner Frau, einer Schriftstellerin. Er ist eher klein, sehr lebhaft und pflegt einen Haarschnitt, der an die Offiziersmesse der Science-Fiction-Serie «Star Trek» erinnert. Und er ist seit kurzem der drittreichste Mann der Welt, hinter Amancio Ortega, dem Zara-Chef, und Bill Gates, dem Gründer von Microsoft.

Sie haben die Tageszeitung «Washington Post» gekauft. Glauben Sie, dass die traditionellen Medien eine Zukunft haben können? Und wird sich dieser Bereich über Anzeigen oder Abonnenten finanzieren?
Es wird verschiedene Modelle geben, und ich bin überzeugt, dass einige Zeitungen – nicht alle – es schaffen werden. Neben ihnen wachsen auch die rein digitalen Zeitschriften, das sieht man bereits. Die «Washington Post» hat eine brillante Zukunft vor sich. Sie war schon immer eine herausragende lokale Tageszeitung mit Weltruf, und jetzt haben wir die Möglichkeit, daraus eine globale Zeitung mit demselben Weltruf zu machen. Wir versuchen gerade den Übergang von einer Zeitung, die trotz einer eher beschränkten Anzahl von Lesern einen grossen Gewinn einbrachte, zu einer Zeitung, die pro Leser weniger Umsatz macht, dafür aber ein viel grösseres Publikum erreicht. Ich denke, dass dies der richtige Ansatz für die «Post» ist – bei anderen jedoch könnte es schiefgehen.

Das heisst, der Journalismus muss sich nicht unbedingt auf Philanthropie oder Non-Profit verlassen.
Für eine Zeitung ist es gesund und auch günstig, wenn sie sich zu einem grossen Teil selbst trägt. Und da dieses Modell so lange funktioniert hat, besteht kein Grund, warum das nicht weiter so sein sollte, und das garantiert die Unabhängigkeit des Journalismus.

Im Gymnasium haben Sie einmal über Ihren Traum geschrieben, den Weltraum zu kolonialisieren und die Erde in ein Naturreservat zu verwandeln.
Stimmt, und ich habe meine Meinung nicht geändert: Daran arbeite ich noch!

Sie und Blue Origin, Elon Musk mit SpaceX, Richard Branson mit Virgin Galactic. Wer gewinnt am Ende das Rennen um den Weltraum?
Der Weltraum ist so riesig, dass er viele Sieger aufnehmen kann. Ich hoffe, dass SpaceX gut abschneidet, auch Virgin Galactic und die Übrigen ebenso. Grosse Branchen werden nicht nur von einer einzelnen Firma aufgebaut, sondern von einer Vielzahl von Unternehmen, damit ein Ökosystem erschaffen werden kann. Mein Traum ist, dass die kommende Generation diesen Geist der Firmen­expansion im Weltraum, die wir im Internet schon in den vergangenen 20 Jahren gesehen haben, auch tatsächlich erleben kann. Und um das zu verwirklichen, müssen Unternehmen wie Blue Origin einen Transport von Infrastruktur zu möglichst geringen Kosten ermöglichen. Wir glauben, dass man auf sichere und günstige Weise in den Weltraum reisen kann. Wenn uns das gelingt, dann haben wir die Welt für die nächste Generation vorbereitet. Wir wollen erreichen, dass Millionen von Menschen im Weltraum arbeiten und leben können.

Das Motto von Blue Origin ist «Gradatim ferociter» – Schritt für Schritt, aber fest entschlossen. Ist das auch Ihre Philosophie?
Ich denke schon. Ich war immer schon davon überzeugt, dass langsam auch ruhig bedeutet, und ruhig wiederum schnell. Ich habe nie an Abkürzungen geglaubt. Das leichte Leben ist eine Illusion, wir müssen hart arbeiten, ein Fundament schaffen und dann darauf aufbauen. Und genau das tun wir bei Amazon und bei der «Washington Post». Man muss hartnäckig an einer Vision festhalten, aber im Detail flexibel sein. Man lernt aus jeder Erfahrung, und das bringt einen dazu, auch Pläne wieder zu verändern. Doch die Vision selbst muss über die Zeit hinweg stark bleiben; wenn man an etwas glaubt, muss man dafür kämpfen. Man muss sich auf ein Ziel, das einen begeistert, voll konzentrieren und dann darauf zugehen. Und dabei keine Angst haben, auch einmal zuzugeben, dass das Experiment gescheitert ist. Dann hat man dennoch auch wieder etwas Neues gelernt, das die eigene ­Vision wieder aufbaut.

Amazon wurde 1994 kreiert. Heute hat es über 150'000 Mitarbeiter und macht einen Umsatz von 100 Milliarden Dollar. Was ist Amazon heute? Ein Technologieunternehmen, ein Unternehmen des Einzelhandels, ein Unternehmen, das alles macht?
Was wir tun, ist von der Technologie abhängig. Wenn ich eine Definition auswählen müsste, dann würde ich sagen, es ist eine «Customer Company», ein Unternehmen im Dienst der Kunden. Der Hauptgrund, warum wir damals Erfolg hatten, lag in unserer Besessenheit, die Konsumenten zufriedenzustellen, mehr als unsere Konkurrenten. Hart zu arbeiten für die Zufriedenheit der Kunden: Daraus entsteht unsere Energie, nicht aus dem Kampf gegen die Konkurrenz. Das ist unser Geheimnis.

Es klappt gut mit der Technologie, doch vor kurzem haben Sie auch analoge Buchhandlungen und Geschäfte eröffnet.
Das ist ein Experiment. Wie schnell wir das dann weiterführen, hängt davon ab, in welchem Masse wir dabei lernen. Wir wollen sichergehen, dass das auch Sinn ergibt.

Amazon hat auch eine ganz spezifische Kultur. Powerpoint-Präsentationen zum Beispiel sind im Betrieb verboten.
Ja, die Mitarbeiter müssen vollständige Sätze schreiben, mit Verben und Hauptwörtern, Argumenten, Abschnitten. Das Problem der Präsentationen ist, dass sie für den Autor einfach sind, da es ausreicht, eine Reihe von Punkten hintereinanderzusetzen. Aber für denjenigen, der zuhört, ist es schwierig. Wenn ich ein Dokument von sechs Seiten verfassen will, dann muss ich diesen Gedankengang auch verstehen können. Wenn ich schreibe, dann merke ich, dass ich besser verstehe, was ich sagen will. Unsere Meetings dauern eine Stunde bis eineinhalb Stunden. Die ersten dreissig Minuten verbringen wir schweigend, wir lesen das Dokument und machen uns Notizen. Danach diskutieren wir. Das ruhige Lesen verbessert die Qualität der Unterhaltung.

Einige Produkte von Amazon wie der Kindle E-Book Reader haben für Furore gesorgt. Was ist das Rezept für diese Neuerungen?
Ganz einfach: die Verbesserung der Kundenerfahrung. Um das zu erreichen, muss eine Innovation von den Konsumenten angenommen werden. Wenn diese sich nicht dafür entscheiden, sondern lieber alte Wege gehen, dann gibt es auch keine Innovationen! Wir lieben es, neue Dinge zu erfinden, und sind auch mal bereit, zu scheitern. Die grossen Erfolge wie Kindle machen die diversen gescheiterten Projekte wieder wett. Misserfolge sind teuer, sie sind peinlich und unangenehm. In einigen Kulturen können sie auch der Grund für eine Entlassung sein. Erfindungen und Misserfolge sind dasselbe, es kann das eine ohne das andere nicht geben.

An die Erfolge erinnert man sich immer, aber an die Misserfolge? Was war Ihr grösster Rückschlag?
Da hat es sehr viele gegeben. Die Zeit dieses Interviews würde nicht reichen, um sie aufzuzählen. Einer der grössten Misserfolge war etwas, was sich «Die Amazon-Versteigerungen» nannte, das ist jetzt 15 Jahre her. Ich dachte, es sei ein grossartiges System, aber ich glaube, nur meine Mutter hat es mal benutzt, ansonsten niemand. Zwei Jahre später haben wir es noch einmal probiert, aber es war wieder nichts zu machen. Am Ende ist daraus der virtuelle Marktplatz von Amazon geworden, wo alle neue und gebrauchte Produkte verkaufen können. «Marketplace» machte nach weiteren 18 Monaten 4 Prozent des Gesamtverkaufs aus. Zu diesem Zeitpunkt haben wir dann verstanden, dass wir endlich einen Winner gelandet hatten.

Amazon ist für seine Strenge wie für seine Genügsamkeit bekannt. Doch im letzten Jahr wurde nach einer Untersuchung der «New York Times» von einem Klima exzessiven Drucks auf Ihren Mitarbeitern gesprochen. Wie haben Sie auf diese Kritik reagiert?
Der Redaktor der «New York Times» hat zugegeben, dass es in diesem Artikel viele Ungenauigkeiten gab, so wie wir es auch bereits erklärt hatten. Doch die beste Antwort, die ich darauf geben kann, ist, dass man das, was wir tun, nicht mit unglücklichen Menschen machen kann, die den ganzen Tag nur auf die Uhr schauen. Wenn du Kreativität willst, musst du noch unter der Dusche an deine Kunden denken. Du musst Mitarbeiter haben, die in dem, was sie tun, einen Sinn sehen. In einer Hinsicht hatte der Artikel recht: Wir arbeiten sehr hart. Wir wollen Leute, die Veränderungen mögen. Andere ziehen Stabilität vor. Aber für diese ist das Internet nicht der richtige Arbeitsplatz.

In einer Rede an einer Universität haben Sie einmal gesagt: «Mit 80 Jahren werde ich zurückblicken, und das Wichtigste werden die Entscheidungen sein, die ich getroffen habe.» Welches war bisher Ihre beste Entscheidung?
80 Prozent deines Glücks hängen davon ab, welchen Partner oder welche Partnerin du wählst. Ich habe Glück gehabt. Ich bin seit 23 Jahren mit Mackenzie verheiratet. Das war meine beste Entscheidung – bis heute. Ich bereue nichts. Oft bedauert man die Dinge, die man nicht getan hat, wie zum Beispiel eine Liebe, die man nicht ausgesprochen hat. Wer seinen Leidenschaften folgt, der bedauert nichts. Entscheide dich, mit wem du deine Zeit verbringen willst, erkenne, wofür du kämpfen willst: Willst du lieber gegen etwas ankämpfen oder etwas Neues erfinden? Ich erfinde lieber.

Sie sind in dieser Woche zum drittreichsten Mann der Welt erklärt worden. Dabei gelten Sie als anspruchslos. Welche Bedeutung hat das Geld für Sie?
Ich bin der glücklichste Mensch der Welt. Ich wurde in einem Land geboren, das mir die Möglichkeit gab, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, ich hatte ausserordentliche Vorbilder und eine Familie, die mich immer unterstützt hat. Die Menschen, die ich am meisten bewundere, sind diejenigen, die trotz aller Schwierigkeiten und Hindernisse wachsen. Bei mir ist das nicht der Fall. Ich habe vier Kinder, mir gefällt mein Leben. Dank Amazon habe ich die Möglichkeit, an der Zukunft zu arbeiten, was für mich ein Traum ist, es gibt mir ein Ziel. Ich denke, sobald man für die grundlegenden Dinge wie den Lebensunterhalt und die Gesundheit gesorgt hat, ist das, was wir alle suchen, der Gedanke, dass das, was wir tun, dazu beiträgt, die Welt in einen besseren Ort zu verwandeln.

Ihre Zeitung, die «Washington Post», berichtet äusserst kritisch über Donald Trump. Mittlerweile sind Ihre Journalisten gar von dessen Wahlkampfauftritten ausgeschlossen. Glauben Sie, dass Trump als Präsident der Vereinigten Staaten geeignet ist?
Ein Präsidentschaftskandidat sollte damit einverstanden sein, unter die Lupe genommen und auch infrage gestellt zu werden. Wir haben da ein Stück Papier in den Vereinigten Staaten, in dem es um ­Redefreiheit geht. Es nennt sich Verfassung. Aber wenn niemand sie beachtet, hat sie keinerlei ­Bedeutung mehr. Die Grundlage der Gesetze liegt darin, dass die Bürger an sie glauben. Wer an die Redefreiheit glaubt, vor allem als Kandidat, der muss sie auch respektieren und sagen: «Kommt her, ich stehe zu eurer Verfügung, überprüft mich!»

Dieses Interview ist ursprünglich in der italienischen Tageszeitung «La Repubblica» erschienen.

Erstellt: 05.08.2016, 17:36 Uhr

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