«Ich war schon blauäugig»

Der Winterthurer Andreas Reinhart war einer der reichsten Männer der Schweiz. Jetzt ist ein Grossteil des Geldes weg. Der Mäzen über schlechte Geschäfte, die Gier der Banker und verstaubte Museen.

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Herr Reinhart, wie ist das, wenn man sich alles leisten kann im Leben?
(lacht) Das war einmal.

Das heisst?
Jeder Bankdirektor hat mehr Geld, als ich es heute habe.

Sie haben Ihr Vermögen jetzt einfach in verschiedenen Stiftungen.
Den grössten Teil meines Privatvermögens hatte ich immer in die Firma Volkart Holding investiert. Nachdem wir dann das Volkart-Kaffeegeschäft 1989 verkauft hatten, gingen wir etwa 40 Beteiligungen ein. Etwa 30 davon waren Misserfolge.

Sie haben so viel in den Sand gesetzt?
Nicht ich, oft waren wir ja nur Minderheitsteilhaber. Einige Unternehmen wurden auch Börsenstars, wie das VZ Vermögenszentrum. Die meisten aber sind irgendwie untergegangen oder vom Management übernommen worden: Samen Mauser, Back und Brau, zwei Banken in Zürich, ein Brokerhaus, ein defizitäres Russlandgeschäft mit Beat Curti. Und wir investierten 1989 in Liegenschaften, die sich als völlig überbewertet erwiesen haben: das Kulturhaus Loge in der Winterthurer Altstadt, das alternative Veranstaltungslokal Kultursagi, das Swisscom-Hochhaus..
. Überall mussten wir etwa die Hälfte der Werte abschreiben. Aber wir haben immerhin etwas versucht. Wir sind unternehmerisch tätig gewesen.

Wohl eher blauäugig.
(lacht) Ja, das schon auch. Aber vor allem einfach etwas zu enthusiastisch. Und ich bin wohl kein so guter operativer Manager für solche Geschäfte.

Und das macht Ihnen nichts aus?
Natürlich beschäftigt es mich auch. Aber ich relativiere es eben. Wir waren lange Zeit in Indien und Portugal tätig. Ich lebe in Italien. Ich sehe das normale Leben. Und auch wenn ich diese dreistellige Millionensumme nicht mehr habe, habe ich noch immer mehr als genug Geld. Wenn ich mir Sorgen machen würde, was müssten denn Leute mit 800 Euro Lohn im Monat für Sorgen haben?

Wie gross ist Ihr Vermögen heute?
Es liegt in einem sehr tiefen zweistelligen Millionenbereich.

Zuletzt wollten Sie in Portugal ein riesiges Ferienresort bauen.
Wir besassen 1300 Hektaren Land, sieben Kilometer Strand südlich von Lissabon. Geplant war ein Luxus-Ferienresort, das den Ansprüchen eines nachhaltigen Tourismus gerecht werden sollte. Wir haben 20 Jahre lang projektiert, über 25 Millionen Franken investiert – und alles verloren.

Wie ist es dazu gekommen?
Weil wir gierig wurden. Das Projekt wurde immer grösser, wir sahen riesige Gewinne vor uns. Am Anfang war es eine tolle Idee mit ein paar Bungalows, am Schluss planten wir eine Riesenüberbauung mit 3500 Betten. Es wurden Golfplätze geplant, Helikopterlandeplätze, Strassen. Es glitt mir aus der Hand. Als wir 2007 endlich die Bewilligungen erhielten, klagte eine Umweltorganisation gegen den Staat Portugal und uns. Der Strand befinde sich in einem europäischen Natur-Inventar. Auch Brüssel schaltete sich ein. Wir aber waren unter Zugzwang gegenüber anderen Investoren. Das Projekt war und ist noch immer in den Gerichten blockiert. Ich verlor das Vertrauen in unsere Leute vor Ort und in die Justiz. Ich musste das ganze Projekt für einen symbolischen Franken an einen portugiesischen Grossindustriellen verkaufen. Das Abenteuer hat neben den vielen Millionen aus meinem Privatvermögen auch viel Herzblut gekostet.

Ich staune über die Gelassenheit, mit der Sie zurückblicken können.
Das war nicht immer so, ich habe viel gelitten – habe aber bereits vor 20 Jahren zu meditieren begonnen. Das hilft. Und man wird abgeklärter mit dem Alter.

Sie scheinen generell gut loslassen zu können. Sie haben auch den Kaffee- und den Baumwollhandel verkauft, mit dem die Reinhart-Dynastie gross wurde.
Es gibt Leute, die sagen, ich hätte meine Firma zerstört. Das stimmt so nicht. Zwar gibt es Volkart nicht mehr in der alten Form, doch habe ich – wie übrigens auch schon mein Vater vor 30 Jahren – gespürt, dass der Rohwarenhandel extrem spekulativ und korrupt werden wird. Ich bin gottenfroh, habe ich dieses Geschäft verkauft. Der Erb-Konzern und damit auch das Kaffeegeschäft wurden in den Konkurs oder Ausverkauf getrieben. Die meisten Baumwollhändler stecken in Schwierigkeiten.

Auch die UBS haben Sie lange vor der grossen Krise verlassen.
Ich war dabei, als Bankgesellschaft und Bankverein zur UBS fusionierten. Dort sollte ich mich im Verwaltungsrat um ein Nachhaltigkeitskomitee kümmern. Ich aber wollte bei den Vergütungen mitreden, da wollte man mich nicht dabeihaben.

Warum?
Geld korrumpiert jeden. Wer eine sechsstellige Entlöhnung für einen Verwaltungsratssitz oder 20 Millionen für einen Manager-Job erhält, verliert den Bezug zur Realität und damit die Bodenhaftung. Das ist voll unrealistisch. Die Gier ist überall. Niemand in einem Angestelltenverhältnis ist so viel wert. Ich hatte das Bauchgefühl, dass ich aussteigen muss. Und tat dies auch 2001.

Wie viel verdienten Sie bei der UBS?
Jährlich 200'000 Franken. Und meine Gegenleistung war praktisch null. Man trifft sich ja bloss fünf- bis zehnmal im Jahr und sieht nicht hinter die Kulissen. Das machte mir Bauchweh. Ich habe alles in die Volkart-Stiftung gegeben.

Was sagen Sie zu den heute bezahlten Boni bei UBS und CS?
Diese Summen sind obszön. Die Welt wird getrieben von Macht, Gier und Sex.

Sie hatten mit Martin Ebner die BZ Bank aufgebaut, waren also auch Wegbereiter dieses Gewinnstrebens.
Ja. Aber ich stieg ja nach drei Jahren wieder aus. Ich hielt es nicht mehr aus. Ich konnte jedoch mit dem verdienten Geld und einem 100-Millionen-Kredit die 50 Prozent der Volkart-Aktien kaufen, die dem anderen Reinhart-Stamm gehörten.

Sie sind 65. Planen Sie die Pension?
Da ich nicht angestellt bin, kann ich mich nicht pensionieren. Aber ich habe mich in den Süden zurückgezogen. Bin vor allem in Italien. In Winterthur soll die jüngere Generation das Sagen haben. Ich bin noch im Verwaltungsrat der Volkart-Firma, der Volkart-Stiftung Winterthur und der indischen Stiftung sowie wichtiger Aktionär beim äusserst innovativen Verlag von Kein & Aber. Die anderen Stiftungen sind selbstständig.

Was bleibt der Nachwelt dereinst von der fünften Reinhart-Generation?
Geschäftlich gesehen, haben wir natürlich vor allem ab- und umgebaut, dafür aber überlebt. In den Stiftungen hingegen haben wir in der fünften Generation wohl ebenso viel erschaffen, wie dies die vierte Generation getan hat. Mein Bruder George hat zum Beispiel das Fotomuseum gegründet, wir haben die Fotostiftung nach Winterthur geholt, die George Foundation gegründet, die Kulturstiftung ins Leben gerufen, den Kunstmuseumsanbau mitfinanziert, wir haben die Coal Mine Book Bar eingerichtet. Dann gibt es die bedeutende Volkart-Stiftung in Mumbai, die sich dort sozial engagiert. Auch in Portugal engagieren wir uns in Schul- und Agroprojekten. Zudem hat meine Schwester Charlotte Stettler während ihrer zehnjährigen aktiven Präsidialzeit die Volkart-Stiftung bedeutend geprägt und in der Kulturszene Schweiz positioniert.

Aber aus Winterthur hat sich Andreas Reinhart verabschiedet.
Ich lebe seit über 15 Jahren nicht mehr in dieser Stadt. Aber ich bin alle paar Wochen zwei bis drei Tage in der Schweiz. Ich glaube, gewisse Leute haben einfach Mühe damit, dass ich mit dem etablierten Bürgertum Winterthurs nur noch wenig am Hut habe. Ich habe alternative Kultur gefördert, die Kultursagi, das Theater am Gleis, die Loge. Orte, wo diese Leute selten hingehen. Oder das Fotomuseum. Das ist jung, dynamisch und international. Da hat das alte Winterthur oft Mühe damit. Unsere Generation hat jedoch einfach wieder das gemacht, was unsere Grossväter schon vormachten. Zeitangepasst.

Was?
Engagiertes Mäzenatentum. Unterstützen von zeitgenössischer Kultur. Mich interessieren neue Dinge, und ich reisse auch gerne etwas an. Wir machen Gesellschaftspolitik. Ich verstehe ja eigentlich nicht viel von der Kunst. Wie auch viele andere nicht viel verstehen (lächelt). Es macht jedoch Freude.

Warum haben Sie kürzlich fünf Bilder aus dem Kunstmuseum zurückgezogen?
Diese Frage ist tendenziös. Nicht ich, sondern die Volkart-Stiftung nimmt fünf Bilder ihrer Leihgabe zurück, gleichzeitig schenkt sie dem Kunstverein aber 14 bedeutende Bilder, die mit dem Kurator ausgewählt wurden. Vom Wert her bekommt das Museum ein 40-Millionen-Geschenk. Fünf Bilder im gleichen Wert bleiben in der Stiftung.

Die Bilder waren Dauerleihgaben, Sie hätten sie dort lassen können.
Nein. Wir realisierten, dass sie massiv unterversichert waren. Wir sprechen von Bildern im Gesamtwert von 80 bis 90 Millionen Franken. Wir sind als Stiftung verpflichtet, unsere Werte zu schützen. Wir verlangten vom Kunstverein nur, dass er die Bilder richtig versichert. Doch er konnte und wollte die 30'000 bis 40'000 Franken Mehrkosten pro Jahr nicht zahlen.

Sie tönen ziemlich enttäuscht.
Ja, das stimmt. Wir haben über die Jahre extrem viel für den Kunstverein getan. Unter anderem 1,5 Millionen Franken für den Anbau des Kunstmuseums gespendet. Und 150'000 Franken für den neuen Museumskeller. Wir sind ein grosser Gönner des Vereins und bezahlen heute noch jährlich 30'000 Franken. Nun haben wir ihm noch teure Bilder geschenkt. Und dann kritisiert man, dass wir nicht alles schenkten.

Warum haben Sie denn nicht einfach alle Bilder geschenkt?
Genau diese Erwartungshaltung stört mich extrem. Das kommt gar nicht infrage! Es gibt gute Gründe, wieso die Bilder nur Leihgaben waren und von unseren Vorgängern nicht geschenkt wurden. Ausserdem herrscht bei den Winterthurer Museen ein riesiges Durcheinander. Niemand weiss, wie es weitergeht mit dem Museumskonzept.

Was für ein Durcheinander?
Das Konzept kann nicht funktionieren, wenn jeder Kurator dem anderen ausweicht. Wenn die nicht miteinander reden, kann es zu keiner Zusammenarbeit der Museen kommen.

Es liegt also an den Personen.
Ja, weitgehend. Die Bilder im Kunstmuseum befinden sich im Besitz eines einfachen Vereins, der bis vor kurzem organisiert war wie ein Kegelklub, aber verantwortlich ist für Bilder im Wert von mehreren Hundert Millionen. Und im Museum am Stadtgarten wollen konservative Leute Neuerungen verhindern. Es ist etwas verstaubt. Jährlich bloss 14'000 Besucher sind ein Skandal.

Ihr Grossonkel Oskar Reinhart hatte verfügt, dass in seinem Museum kein Bild umgehängt werden darf.
Und Sie sehen auch, wie das Museum jetzt dahinvegetiert. Es leidet an dieser Starrheit des Stiftungswillens.

Für kurze Zeit sind nun die Sammlung am Römerholz und das Museum am Stadtgarten vereint.
Das ist fantastisch und einmalig. Das hätte auch Oskar Reinhart gefreut. Doch im Vorfeld wurde gekämpft und gestritten und nur Negatives diskutiert. Mir scheint manchmal, dass in der Museumsszene der eigene Garten wichtiger ist als das Publikum. Dabei will dieses ja bloss die schönen Bilder sehen können.

Was müsste sich ändern?
Schauen Sie: Unsere Kunstmuseen schlafen doch ein bisschen. Es tötelt ein wenig in den heiligen Hallen des Rittmeyerbaus und im Stadtgarten. Die Museen müssen mehr kreatives Marketing machen können, neue Ideen entwickeln. Sie müssen manchmal sogar Bilder tauschen, verkaufen und kaufen können. Der Kunstverein darf jetzt einzelne Bilder verkaufen, die wir ihm geschenkt haben. Das könnte ihm Cash für neue Aktivitäten bringen. Das ist bestimmt ein Novum, wird aber sicher auch kontrovers diskutiert.

Und Sie würden den Bildern keine Träne nachweinen?
Nein. Sie würden ja nicht zerstört. Sie gingen einfach in andere Hände über. Was soll daran so schlimm sein?

Mit Andreas Reinhart sprach René Donzé

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.05.2010, 23:20 Uhr

«Ich habe mit dem Bürgertum Winterthurs wenig am Hut.» (Sophie Stieger)

Vertreter der fünften Generation

Andreas Reinhart (65) gehört der fünften Generation der Volkart- und Reinhart-Dynastie an, die Winterthurs Kultur- und Wirtschaftsleben geprägt hat. Begründet wurde sie 1851 von den Kaffee- und Baumwollhändlern Salomon und Johann Georg Volkart. Die Firma ging durch Heirat an Theodor Reinhart. Einer seiner vier Söhne war Oskar Reinhart, der Winterthur die Museen am Stadtgarten und Römerholz hinterlassen hat. Andreas Reinhart ist Oskar Reinharts Grossneffe. Er absolvierte die HSG, arbeitete bei J. P. Morgan in New York und gründete mit Martin Ebner die BZ Bank. Später kaufte er die Firmenanteile seiner Cousins und übernahm die Volkart AG. Die operativen Geschäfte verkaufte er 1989 (Kaffee) und Ende der 90er-Jahre (Baumwolle). Heute sind Volkart Holding und Volkart Invest reine Beteiligungsgesellschaften. Neben der bereits bestehenden Volkart-Stiftung gründete Reinhart neue Stiftungen wie die Kulturstiftung, Volkart Vision (soziale Engagements), George Foundation (Foto und Film). Er ist geschieden, hat zwei erwachsene Söhne und lebt in Italien. (rd)

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