«Ich werde dem künftigen Coop-Chef nicht ins operative Geschäft reinreden»

Coop-Chef Hansueli Loosli über Weihnachtsgeschenke, die Preispolitik der internationalen Markenartikelhersteller und sein neues Amt als Swisscom-Präsident.

Hat gut lachen: Coop-Chef Hansueli Loosli hat mit der  Übernahme des Grosshandelsgeschäfts Transgourmet  
mit einem Schlag den Branchenprimus Migros überholt.

Hat gut lachen: Coop-Chef Hansueli Loosli hat mit der Übernahme des Grosshandelsgeschäfts Transgourmet mit einem Schlag den Branchenprimus Migros überholt. Bild: Dominik Plüss

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Herr Loosli, haben Sie das Weihnachtsgeschenk für Ihre Frau schon eingekauft?
Hansueli Loosli: Ja. Aber ich verrate Ihnen natürlich nicht, was ich gekauft habe.

Worauf achten Sie, wenn Sie Weihnachtsgeschenke kaufen?
Es muss etwas sein, das Freude macht und überrascht. Aber es darf nichts Übertriebenes sein.

Was ist denn in Ihren Augen übertrieben?
Es muss ein reeller Gegenwert dahinterstecken. Ich würde beispielsweise nie sündhaft teure Dinge schenken. Ein Geschenk muss einfach passen.

Wo tätigen Sie private Einkäufe?
Wenn ein Produkt bei Coop oder einer Tochterfirma erhältlich ist, dann kaufe ich es dort ein. Aber die Coop-Gruppe verkauft nicht alles. Deshalb erstehe ich gelegentlich etwas bei anderen Anbietern; aber bei der Migros, Aldi und Lidl habe ich noch nie eingekauft.

Doch bevor Sie zur Coop-Gruppe wechselten, haben Sie sicher auch mal in der Migros eingekauft?
Nein, auch damals nicht. Meine Mutter leitete im aargauischen Würenlos eine Volg-Filiale. Diese führte auch Markenartikel wie Coop. Da war es naheliegend, dass ich später Coop-Kunde wurde.

Was kaufen Sie bei Coop ein, wenn Sie als Kunde dort sind?
Ich besorge die Einkäufe in den Ferien. Generell esse ich sehr gerne, dagegen bin ich kein grosser Koch. Ich kaufe Produkte aller Preissegmente: von der Preiseinstiegsmarke Prix Garantie bis zu Fine Food und unserem Biolabel Naturaplan.

Es ist bekannt, dass Sie als Coop-Chef häufig Coop-Filialen besuchen. Worauf schauen Sie?
Ich besuche im Durchschnitt einen Tag pro Woche Filialen. Es gibt viele Punkte, auf die man achten kann. So schaue ich beispielsweise auf die Ordnung vor der Filiale oder die Frische der Ware.

Seit ein paar Jahren gibt es in den grossen Coop-Filialen Selfscanning-Geräte, mit denen die Kunden ihre Einkäufe selbst erfassen können. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?
Für die Kunden ist dieses System ab einem Einkaufsbetrag von 40 Franken sinnvoll. Es ist unpraktisch, mit Einkaufskorb und dem Selfscanning-Gerät in der Hand einzukaufen. Das System bedingt eine Filialgrösse von 2000 Quadratmetern. In den Supermärkten, mit Passabene-Technologie, erzielen wir rund 10 bis 15 Prozent des Umsatzes mit Selfscanning.

Von einem Durchbruch kann man aber nicht sprechen?
Nein – die grossflächige Verbreitung von Selfscanning war sowieso nie vorgesehen. Aber es gibt Kunden, die diese Technologie sehr schätzen. Diese können das Warten an der Kasse umgehen und nach dem Einkauf die ganze Ware direkt aus dem Einkaufswagen für den Heimtransport verpacken.

Die Detailhändler hatten grosse Hoffnung in die sogenannte RFID-Technologie. Mit dieser könnte man den Einkaufswagen nur noch in eine Station stellen, und per Funktechnologie wird der Endbetrag berechnet. Wie beurteilen Sie die Chancen dieser Technologie?
Derzeit ist sie noch unbezahlbar. Die RFID-Etiketten, die auf die Produkte müssten, sind viel zu teuer. Ich sage nicht, dass das nie kommen wird, aber zuerst muss die Technologie billiger werden.

Das Ende des Berufs der Kassiererin, das schon vor ein paar Jahren ausgerufen wurde, steht also noch nicht bevor?
Nein, überhaupt nicht. Die Kassiererinnen haben eine ganz wichtige Funktion. Sie gehören – neben dem Verkaufspersonal in der Metzgerei oder an der Käsetheke – zu jenen Coop-Angestellten, die mit unseren Kunden direkt kommunizieren. Sie kennen viele unserer Kunden und hinterlassen den wichtigen letzten Eindruck.

Coop erhöht die Löhne auf Anfang 2011 um rund 3 Prozent. Im Quervergleich zu anderen Unternehmen liegt Coop – abgesehen von Google – an der Spitze. Geht es Coop so gut, dass diese Lohnerhöhung möglich ist?
Die Coop-Gruppe hat zwischen 2004 und 2010 die Produktivität um rund 40 Prozent gesteigert. In diesem Jahr geben wir nun einen Teil dieses Produktivitätsgewinns, den schliesslich unsere Angestellten miterarbeitet haben, an diese weiter.

Geht es auch darum, dass Coop die Attraktivität als Arbeitgeberin steigern kann?
Die Mitarbeitenden in den unteren Lohnklassen werden speziell berücksichtigt. Coop ist keine Aktiengesellschaft: Wir müssen keine Dividende verteilen. Für uns gibt es zwei Anspruchsgruppen, die ganz wichtig sind: die Kunden und die Mitarbeitenden. Wenn unser Eigenkapital hoch genug ist, dann können wir unsere erwirtschafteten Mittel einerseits an die Kunden durch Preissenkungen weitergeben oder die Mitarbeitenden durch Lohnerhöhungen.

Zum laufenden Jahr: Wie sind die Geschäfte gelaufen?
Wir werden wie prognostiziert einen Umsatzzuwachs von 1 bis 2 Prozent verzeichnen. Das ist zufriedenstellend, wenn man berücksichtigt, dass die Preise in unserem Sortiment auf der anderen Seite gesunken sind. Das genaue Ergebnis hängt natürlich auch noch von den beiden Wochen ab, die vor uns liegen.

Und das Weihnachtsgeschäft?
Der Wintereinbruch hat geholfen, dass gewisse Produkte hervorragend laufen. Wir sind gut gestartet, besser als im Vorjahr. Ich blicke zuversichtlich auf den Endspurt.

Welche Produktengruppe ist überdurchschnittlich gut gelaufen?
Lebensmittel laufen gut, besonders Schokolade und Wein. Generell verkaufen wir viele Bioprodukte.

Und Möbel laufen weiterhin schlecht?
Bei den Möbeln schreiben wir wieder positive Zahlen. Das Geschäft hat sich in der zweiten Jahreshälfte erholt.

Haben Sie das Gefühl, die Leute denken, die Krise sei vorbei?
Die Konsumstimmung ist eher wieder positiv. Die Leute sparten in den letzten 3 Jahren, jetzt geben sie vermehrt Geld aus. Es gibt Anzeichen für eine Besserung. Entscheidend ist nun, wie sich der Euro weiterentwickelt.

Wie stark spürt Coop in grenznahen Gebieten den Einkaufstourismus?
Wir spüren die Grenzeinkäufe stark. Die Zollabstempelungen zur Mehrwertsteuer nahmen um 15 Prozent zu. Die meisten Schweizer, die im Ausland einkaufen, machen dort Grosseinkäufe.

Wollen die internationalen Markenhersteller den tiefen Euro-Kurs immer noch nicht an Sie weitergeben?
Es gibt solche, die es machen, andere wollen nicht. Wir setzen uns für Preissenkungen ein. Es braucht harte Verhandlungen, damit wir zu günstigeren Preisen kommen. Die Schweiz wird vom Ausland als Land mit hoher Kaufkraft eingestuft, als ein Ort, wo man etwas holen kann. Häufig bilden die ausländischen Markenartikelhersteller die Preise entsprechend der eingestuften Kaufkraft. Wir bezahlen bei den Markenartikeln im Schnitt immer noch 15 bis 30 Prozent zu viel.

Der Verband der Schweizer Markenartikelhersteller Promarca hat Sie aber heftig kritisiert: Er machte geltend, Coop sei sehr aggressiv in die diesjährigen Preisverhandlungen gestiegen.
Coop kann diese Unterstellung nicht nachvollziehen. Wir haben grundsätzlich ein gutes Verhältnis zu unseren Lieferanten. Wir verhandeln zwar hart, aber stets fair und im Interesse unserer Kundinnen und Kunden.

In den falschen Hals geriet den Lieferanten, dass Sie per Brief eine 5-prozentige Preisreduktion forderten.
Es gibt seitens Coop keine pauschalen Forderungen an Lieferanten. Die Konditionen werden mit jedem Lieferanten individuell und auf Basis von Leistung und Gegenleistung ausgehandelt.

Kleine und mittlere Lieferanten fühlen sich gegenüber Coop oft machtlos und abhängig.
Gerade weil Coop die grösste Sortimentsvielfalt bietet, haben wir auch Interesse an Produkten von kleinen und mittelgrossen Lieferanten. Auch diese Lieferanten behandelt Coop im Interesse einer nachhaltigen Zusammenarbeit korrekt und fair.

Aber Sie können sicher nachvollziehen, dass sich gewisse mittlere Unternehmen gegenüber Coop ausgeliefert fühlen?
Ausgeliefert ist nicht der richtige Ausdruck. Das ist nicht das Problem. Wer innovativ ist und gute Leistungen erbringt, hat sowohl bei Coop wie auch bei den anderen Detailhändlern gute Chancen, mit seinem Produkt im Sortiment vertreten zu sein. Man muss wissen, dass wir die Hälfte des Umsatzes im Supermarktkanal mit Schweizer Lieferanten machen.

Per 1.Januar übernimmt Coop den Gastrogrosshändler Transgourmet zu 100 Prozent. Das Unternehmen war bisher ein Gemeinschaftsunternehmen von Coop und der deutschen Detailhandelskette Rewe. Welche Risiken sehen Sie?
Die Chancen und Risiken sind absolut führbar. Weder Marge noch Kosten sind mit dem Einzelhandel vergleichbar.

Doch Auslandsengagements sind risikoreich – wie die Beispiele Swissair und UBS gezeigt haben.
Dieses Geschäft findet sowohl im In- wie auch im Ausland statt und ist weniger komplex. Wir wissen, was auf uns zukommt. Transgourmet läuft gut und wächst währungsbereinigt 4 bis 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

2011 geben Sie den Chefposten bei Coop ab und übernehmen das Präsidium. Wie stark werden Sie Ihrem Nachfolger auf die Finger schauen?
Ich werde dem künftigen Coop-Chef im operativen Geschäft nicht reinreden. Das wäre auch gegen meine Natur.

Aber als ehemaliger operativer Chef hat man diese Tendenz.
Den Entscheid, zurückzutreten, fasste ich vor 2 Jahren. Nach nahezu 15 Jahren als Coop-Chef ist es richtig, dass jemand anders die operative Leitung des Unternehmens übernimmt und frische Impulse gibt. Wenn mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin mich etwas fragen wird, helfe ich gerne. Auf diese Art werde ich Coop gerne weiter mitgestalten.

Sie ersetzen 2011 Ex-Migros-Chef Anton Scherrer als Swisscom-Präsident. Was versprechen Sie sich von dieser Aufgabe?
Ich hoffe, dass ich zum Nutzen der Swisscom meine Erfahrungen bei Coop einsetzen kann. Die Swisscom hat viele Parallelen zu Coop und ist auch ein kundenorientiertes Unternehmen. Besonders faszinieren mich die technologische Innovationskraft und die Unternehmenskultur der Swisscom.

Wie wollen Sie bei möglichen Interessenkonflikten vorgehen?
Sollte es je zu Interessenkonflikten kommen, werde ich in den Ausstand treten.

Werden Sie 2011 mehr Zeit für Ihre Familie haben?
Das weiss ich noch nicht. Das müssen Sie mich in einem Jahr fragen. Ich denke, ich werde anders Zeit haben.

Für was wollen Sie sich mehr Zeit nehmen?
Ich hatte noch keine Zeit, um mir diese Frage zu stellen.

Erstellt: 20.12.2010, 17:26 Uhr

Zur Person

Hansueli Loosli wuchs quasi in einem Volg-Laden auf. Seine Mutter war in Würenlos AG Filialleiterin. Nach einer «Kindheit im Volg-Laden» und einer Lehre bei Volg, die er parallel zur Handelsschule absolvierte, erwarb er das eidgenössische Buchhalterdiplom. Nach beruflichen Stationen in der Buchhaltung wechselte er 1982 zu Mövenpick, wo er den Bereich Produktion und Handel betreute. Darauf ging er als Geschäftsführer zu Waro. 1992 wurde Loosli in die Direktion von Coop berufen. 1997, mit 41 Jahren, wurde er zum jüngsten Chef, den der Milliardenkonzern je hatte.

Damals setzte Coop 8,8 Milliarden Franken um – heute sind es 19,7 Milliarden Franken. Loosli ist vergangene Woche von der «Handelszeitung» zum Unternehmer des Jahres 2010 gekürt worden. Mit der im November angekündigten Übernahme des europäischen Gastrogrosshändlers Transgourmet sei Loosli ein cleverer Coup geglückt. Der 55-jährige Hansueli Loosli ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. rag

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