«Ich will die Liquidation der Swissair zu Ende führen»

Karl Wüthrich sammelt und verwertet seit zwölf Jahren Überreste der Swissair. Er sagt, wie lange das noch dauert, wie viel Geld er verteilt – und beschreibt seinen schwierigsten Moment in der Swissair-Story.

Unermüdlicher Swissair-Liquidator Karl Wüthrich: Auch zwölf Jahre nach dem Grounding der nationalen Fluggesellschaft führt er noch Klagen gegen Mario Corti und andere Ex-Verwaltungsräte der Swissair. (Archivbild)

Unermüdlicher Swissair-Liquidator Karl Wüthrich: Auch zwölf Jahre nach dem Grounding der nationalen Fluggesellschaft führt er noch Klagen gegen Mario Corti und andere Ex-Verwaltungsräte der Swissair. (Archivbild) Bild: Keystone

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Herr Wüthrich, Sie sind seit zwölf Jahren daran, die Überreste der Swissair zu beerdigen. Weshalb dauert dies so lange?
Karl Wüthrich: Dass dies so lange dauert, ist nichts Aussergewöhnliches. Es ist üblich, dass Liquidationsverfahren bei Unternehmen in der Grössenordnung der SAirGroup Jahre in Anspruch nehmen.

Gibt es überhaupt direkt vergleichbare Fälle?
Nehmen Sie die Omni Holding von Werner K. Rey. Sie war wesentlich kleiner als die Swissair-Gruppe. Die Liquidation dieses Unternehmens wurde 1991 eingeleitet. Erst vor wenigen Tagen wurde publiziert, dass das Verfahren jetzt abgeschlossen werden soll.

Dennoch: Zeit ist Geld für die Gläubiger, die mehr als ein Jahrzehnt auf das ihnen zustehende Geld aus der Konkursmasse warten müssen.
Es geht hier um Forderungen von mehr als 10'000 Gläubigern von insgesamt weit über zehn Milliarden Franken. Neben den Gläubigern sind noch andere Parteien, zum Beispiel die ehemaligen Organe der Swissair, mit anderen Interessen am Verfahren beteiligt. Es müssen sehr viele Teilverfahren mit entsprechenden Fristen und Bearbeitungszeiten durchgeführt werden. Dies beansprucht jedes Mal Monate. In aller Regel sind 80 Prozent eines Grossverfahrens relativ schnell erledigt. Meistens sind es dann ein paar wenige Fälle, die am Schluss sehr lange dauern.

Sind Sie bei diesen letzten Fällen angelangt?
O ja. Ich würde sogar sagen, dass mehr als 80 Prozent erledigt sind.

Es sind aber drei grosse Verfahren allein gegen ehemalige Swissair-Verantwortliche offen. Dabei geht es um Hunderte Millionen Franken. Auch die Abrechnung über das Darlehen des Bundes über 1,15 Milliarden Franken ist noch pendent. Zudem sind Klagen wegen der Sabena noch hängig.
Das trifft zu. Das sind diese letzten Fälle, die sehr viel Zeit in Anspruch nehmen.

Sie sind jetzt 60. Werden Sie Ihr grösstes berufliches Projekt in fünf Jahren abgeschlossen haben?
Ich hoffe, dass die letzten Verfahren der Liquidation der Swissair-Gruppe in fünf Jahren abgeschlossen sind. Vielleicht sogar früher. Aber bei Anwälten gibt es ja keinen fixen Termin für die Pensionierung. Deshalb ist es gut möglich, dass ich länger als bis 65 arbeite. Es ist mein Ziel, die Liquidation der Swissair-Gruppe persönlich zu Ende zu führen.

Tag für Tag zur Arbeit gehen, nur um vielleicht wieder ein Stück einer längst stillgelegten Fluggesellschaft beerdigen zu können. Ist Ihnen dieses Thema nach so vielen Jahren nicht verleidet?
Nein, das Thema hat so viele Aspekte, dass es einem kaum langweilig wird. Anders als bei anderen grossen Liquidationsverfahren hat die Liquidation der Swissair auch eine politische Komponente. Ausserdem ist sie nicht mein einziges Mandat.

Ist denn die Liquidation eines Konzerns mit Milliardenumsätzen und Dutzenden von Tochtergesellschaften kein Vollzeitjob?
Es gab am Anfang eine Zeit, in der ich tatsächlich täglich bis zu achtzehn Stunden für die Liquidation der Swissair unterwegs war.

Es gibt aber bis heute Verfahren, die Millionen von Franken Anwaltskosten verschlingen. Braucht es da nicht Ihren vollen Einsatz, um für die Gläubiger das Beste herauszuholen?
Ich habe ein gutes Team mit Spezialisten sowie extra Anwälte, welche die Verfahren führen und begleiten. Die Swissair macht heute weniger als 20 Prozent meiner Arbeit aus.

Aus wie vielen Leuten besteht denn ihr «Swissair»-Team?
Es sind rund zehn Personen. Allerdings arbeitet niemand mehr Vollzeit für die Swissair-Mandate.

Der Kollokationsplan der SAirGroup, also das Gläubigerverzeichnis, ist ein viertausend Seiten starkes Buch. Wie viele Gläubiger sind darin aufgeführt?
Auswendig weiss ich das nicht. Es dürften zwischen 10'000 und 15'000 sein.

Viele davon sind Privatgläubiger und Kleinobligationäre.
Ja, das ist so. Gerade in diesen Tagen zahlen wir wieder eine Tranche aus an alle Drittklassgläubiger, darunter befinden sich eben die Obligationäre und Zulieferfirmen, deren Rechnungen vor dem Grounding nicht mehr bezahlt wurden. Es ist die dritte Abschlagszahlung von 2,6 Prozent.

Das Geld, das Sie bisher ausbezahlt haben, entspricht aber nur einem kleinen Teil dessen, was der Konzern den Obligationären und Zulieferern schuldet.
Bis jetzt haben die Kleinobligationäre und Zulieferer insgesamt rund 10 Prozent des ihnen geschuldeten Geldes zurückbekommen. Im besten Fall werden diese Gläubiger am Schluss aller Verfahren zwischen 10 und 20 Prozent ihres Geldes zurückbekommen.

Insgesamt liquidieren Sie in Zusammenhang mit dem Swissair-Grounding ja vier Gesellschaften.
Ja, neben der Liquidation der SAirGroup als Muttergesellschaft bin ich auch für die Liquidation der Tochtergesellschaften SAirLines, Flightlease und Swissair zuständig.

Es dürfte selbst für Sie nicht einfach sein, den Überblick zu behalten. Wissen Sie auswendig, wie viel Geld Sie insgesamt bis heute an die Gläubiger ausbezahlt haben?
Nein, das weiss ich nicht auswendig. Aber lassen Sie uns eine Überschlagsrechnung machen: Bei der SAirGroup gibt es rund zehn Milliarden Franken anerkannte Gläubigerforderungen. Davon wurden bis heute 10 Prozent – also rund eine Milliarde – ausbezahlt.

Und bei den drei Tochtergesellschaften?
Bei den anderen drei Gesellschaften wurden bis heute alles in allem wohl rund eine halbe Milliarde Franken ausbezahlt. Das ist alles in den Zirkularen an die Gläubiger dokumentiert.

Es scheint, dass Sie bei Ihrem Mandat als Liquidator auch eine moralische Mission haben. Das ist eher ungewöhnlich für einen Anwalt, oder?
(lacht) Wie meinen Sie das?

Sie sagten einmal, das Ziel Ihrer Schadenersatzklagen gegen die Swissair-Chefs sei, künftigen Verantwortungsträgern in der Schweiz vor Augen zu halten, was ihnen droht, wenn sie verantwortungslos handeln.
Habe ich das tatsächlich einmal so gesagt? Ob ich als Liquidator auch eine moralische Aufgabe wahrnehme, lasse ich dahingestellt.

Aber?
Ich denke, es liegt tatsächlich in der Natur solcher Verfahren, dass die Frage nach der Verantwortlichkeit aufgearbeitet werden muss. Würde dies nicht getan, so würde es seitens der Gläubiger oder der Medien schnell heissen, dass da etwas unter den Tisch gekehrt wird.

Sind Sie persönlich überzeugt, dass Mario Corti und die anderen Verwaltungsräte der Swissair Fehler begangen haben, für die sie zur Rechenschaft gezogen werden sollten?
Ich bin überzeugt, dass Fehler begangen wurden bei der Führung der Swissair-Gruppe. Die Frage, ob die Verantwortlichen dafür schadenersatzpflichtig sind, müssen aber die Gerichte beantworten.

Drei Klagen gegen ehemalige Swissair-Chefs sind noch hängig. Werden Sie nach Ihrer jüngsten Niederlage vor dem Zürcher Obergericht, die diese Zeitung publik gemacht hat, den Kampf gegen die Swissair-Kapitäne jetzt aufgeben?
Bei den noch hängigen Verfahren geht es um andere Sachverhalte. Ich will mich zu den hängigen Verfahren hier nicht äussern.

Die Zeitschrift «Bilanz» hat einmal einen Artikel über Sie geschrieben mit dem Titel «Im Rausch der Klagen». Klagen Sie auch in aussichtslosen Fällen?
Das ist vielleicht die Meinung der «Bilanz». Ich sehe dies anders. Ich habe immer nur Klagen eingereicht, wenn wir die Chancen, Erfolg zu haben, mindestens mit 50 Prozent beurteilt haben.

Das ist ein schwacher Trost für Gläubiger: Bei den verlorenen Klagen mussten Sie den obsiegenden Swissair-Chefs insgesamt über zwanzig Millionen Franken Anwaltskosten aus der Kasse der Gläubiger zahlen.
Es ist immer eine Frage der Relationen. Bei den Klagen gegen die Verantwortlichen haben wir tatsächlich verloren. Bei der anderen Kategorie von Klagen, den Anfechtungsklagen, verzeichneten wir hingegen grosse Erfolge.

Bei den Anfechtungsklagen ging es darum, Geld von Finanzinstituten zurückzufordern, das ihnen die SAirGroup zu einem Zeitpunkt auszahlte, als sie eigentlich bereits konkursreif war.
Ja. Mit diesen Klagen gegen Finanzinstitute – darunter die Zürcher Kantonalbank – konnten wir insgesamt mehr als eine halbe Milliarde Franken in die Kasse der Swissair-Gläubiger zurückführen. Die Gerichte gaben uns bei diesen Klagen grossmehrheitlich recht. Da waren wir erfolgreich.

Damit rechtfertigen Sie die hohen Kosten, welche Sie den Gegenanwälten bei den anderen Klagen zahlen müssen?
Nein, aber es zeigt die Relationen: Die Millionen, die wir an die Gegenanwälte verloren, machen bloss wenige Prozente dessen aus, was wir bei den anderen Prozessen hereingeholt haben.

Was hat Sie in all den Jahren als Liquidator der nationalen Fluggesellschaft am meisten betroffen gemacht?
Der wohl schwierigste Moment im Zusammenhang mit der Liquidation war etwa zehn Tage nach dem Grounding. Ich musste vor eine Gruppe von frühpensionierten Swissair-Mitarbeitern stehen. Sie hatten bislang monatlich eine Frühpensionsentschädigung erhalten, die rechtlich gesehen weder Lohn noch Pensionskassengeld war. Ich musste ihnen mitteilen, dass sie ab sofort kein Geld mehr bekommen. Das war an einer Versammlung im Balsberg. Anwesend waren etwa 200 Betroffene. Das war vor allem auch menschlich gesehen keine einfache Aufgabe. (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.05.2013, 12:33 Uhr

Karl Wüthrich der

Zum Interviewtermin, lächelt freundlich, setzt sich und startet im kargen Sitzungszimmer seinen Tablet-Computer. Er kommt gerade von einer wichtigen Sitzung und wälzt im Geiste wohl bereits Strategien für die nächste Besprechung. Das Interview, so scheint es, stellt für ihn eine Art Verschnaufpause dar.
Der 60-jährige Zürcher Anwalt trägt als Sachwalter seit zwölf Jahren die ehemalige Fluggesellschaft Swissair zu Grabe und führt damit die grösste Liquidation der Schweizer Geschichte durch. Für 10'000 Gläubiger soll er wenigstens einen Bruchteil jener zehn Milliarden Franken zurückholen, die sie an die Swissair ausgerichtet haben.

Wie diese Zeitung vorletzte Woche aufdeckte, hat Wüthrich vor dem Zürcher Obergericht gerade eine empfindliche Niederlage erlitten. Das Gericht wies seine Klage über 150 Millionen Franken gegen die Swissair-Verantwortlichen ab. Die früheren Chefs dürften damit ungeschoren davonkommen.
Der juristische Marathonläufer Wüthrich lässt sich von dieser einen Niederlage nicht aus der Ruhe bringen.

Und während er geduldig Fragen beantwortet, bearbeitet er zugleich Dokumente auf dem Tischcomputer. Ohne Zweifel: Der Mann, der vor der Swissair schon das Imperium des Berner Financiers Werner K. Rey und die Biber Holding liquidiert hat, beherrscht das Multitasking.

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