Im Anflug zur letzten Landung

Swiss-Präsident Bruno Gehrig blickt auf eine Karriere mit vielen Spitzenfunktionen zurück.

«Wir müssen höllisch aufpassen»: Bruno Gehrig ist auch für sein ausgeprägtes politisches Sensorium bekannt. Foto: zVg

«Wir müssen höllisch aufpassen»: Bruno Gehrig ist auch für sein ausgeprägtes politisches Sensorium bekannt. Foto: zVg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die grosse Lufthansa und die kleine Swiss, da war wenig spontane Liebe im Spiel, als der gelbe Kranich vor zehn Jahren die junge Schweizer Airline unter seine Flügel nahm. Während in Deutschland die Sorge umging, die Swiss könnte sich drei Jahre nach dem Grounding der Swissair bald als neuerlicher Sanierungsfall entpuppen, herrschten hierzulande Befürchtungen darüber, Frankfurt könnte ihre neue Tochter vom «eidgenössischen» Carrier zum Trabanten und Zubringer der Lufthansa umfunktionieren.

Die Degradierung des Flughafens Zürich vom luxuriösen internationalen Drehkreuz, dem zentralen helvetischen Hub der globalen Businessgemeinde zum überdimensionierten Regionalflugplatz – es gab reichlich Pessimisten, die vor einer solchen Entwicklung warnten.

Bruno Gehrig hat jene vielen kritischen Stimmen noch im Ohr, die den Verkauf der Schweizer Airline nach Deutschland seinerzeit begleitet hatten und auch er selber war von diesen Bedenken anfänglich nicht ganz frei. Jedenfalls liess sich Gehrig im Oktober vor zehn Jahren als erster Präsident in die neu gegründete Swiss-Luftfahrt­stiftung wählen. Deren Zweck war es, die Schweizer Interessen im neuen Luftfahrtkonzern zu vertreten.

Inzwischen ist Gehrig Verwaltungsratspräsident der Swiss und die Stiftung wird, wie schon bei der Gründung vorgesehen, im Oktober aufgelöst. «Die Swiss ist eine Erfolgsgeschichte – sowohl für die Schweiz wie auch für die Lufthansa», unter diesem Titel wird Gehrig heute Abend in Basel auf Einladung der Vereinigung Basler Ökonomen über die Swiss in globaler Konkurrenz referieren. Die Zahlen sprechen in der Tat für sich: Die Swissair-Nachfolgegesellschaft, die vier Jahre nach ihrer Gründung mit einem Verlust von 14 Millionen Franken nach Deutschland verkauft worden war, hat sich mit einem Jahresgewinn von zuletzt 350 Millionen Franken (2014) zu einem Schmuckstück des Lufthansa-Konzerns gemausert. Die Abbau-Szenarien haben sich nicht bewahrheitet. Nicht nur zählt die Swiss heute 1500 Mitarbeiter mehr als vor zehn Jahren, auch hat sie seither 26 neue Europa- und sechs neue Interkontinentalverbindungen eröffnet und die Zahl der beförderten Passagiere um 60 Prozent gesteigert.

Ein Blick auf seine Lieblingsfolie

Wenn Gehrig im kommenden Jahr das Amt an seinen designierten Nachfolger Reto Francioni übergibt, kann er mit dem Erreichten zufrieden sein. Doch Selbstlob passt weder zum bescheidenen Auftreten des sympathischen Ostschweizers, noch erfüllt es den Zweck seiner Funktion als Präsident. Heute Abend dürften die Zuhörer an der Universität, wo sich der einstige Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen so wohl fühlen wird wie der Fisch im Wasser, mehr als einmal den Warnfinger zu sehen bekommen, wie Gehrig im Gespräch mit der Basler Zeitung in seinem Büro in Kloten andeutet. «Das ist meine Lieblingsfolie», sagt er und zeigt eine grafische Darstellung der langfristigen Gewinnentwicklung der internationalen Luftfahrtindustrie.

Während die europäischen Airlines bis 2008 noch die weltweit höchsten Profite einflogen, wirtschaften sie seither weit hinter der Konkurrenz aus Asien, Amerika und dem Mittleren Osten mit roten Zahlen. «Wir müssen höllisch aufpassen, dass die europäische Airline-Branche von der asiatischen und arabischen Konkurrenz nicht weggefegt wird», betont Gehrig. «Ein solches Szenario wäre für die Schweiz fatal und würde eine massive Schwächung des Wirtschaftsstandortes bedeuten.» Bundesrätin Doris Leuthard und das Bundesamt für Zivilluftfahrt müssten die Entwicklung der Swiss auch nach der Auflösung der Stiftung im Auge behalten, mahnt Gehrig. Der Markt sei so stark in Bewegung, dass sich die Verhältnisse schnell ändern könnten.

Die Rettung der UBS

Es ist kein Zufall und auch keine Überraschung, dass Gehrig als Verwaltungsratspräsident eines privatwirtschaftlichen Unternehmens mindestens so oft über dessen volkswirtschaftliche Bedeutung sinniert wie er die betriebswirtschaftlichen Leistungen, den Börsenkurs oder die Dividende hervorhebt. Wenn es in Gehrigs langer und wechselvoller Laufbahn nämlich einen roten Faden gibt, dann ist es der eines Schweizer Wirtschaftsführers, der überall, wo man ihn um Rat bat, eine politische Note einzubringen wusste.

Das war auch 2008 der Fall, als Gehrig vom damaligen UBS-Präsidenten Peter Kurer zur Mitwirkung im Verwaltungsrat der Grossbank gebeten wurde. Eines der ersten Traktanden in jenem Gremium war die Rettung durch den Staat. «Ich habe nie geglaubt, dass die UBS untergehen kann, aber ich hätte auch nie gedacht, dass sie sich in derart existenzielle Probleme manövrieren kann», erinnert sich Gehrig. «Die staatliche Rettungsaktion war nötig, primär natürlich aus Gründen der Finanzstabilität, aber auch, weil die Schweiz die Grossbanken braucht.»

Ohne UBS und Credit Suisse wäre das Land als Wirtschaftsstandort klar weniger attraktiv, ist Gehrig überzeugt. Umso wichtiger sei es nun, die Banken mit geeigneten regulatorischen Massnahmen auf eine solide Grundlage zu stellen. Mehr Eigenkapital in Verbindung mit vorsorglichen organisatorischen Massnahmen, um die Konzerne im Notfall schneller entflechten zu können – die Stossrichtung der Schweizer Too-big-to-fail-Gesetzgebung ist «absolut richtig», findet Gehrig. Auch die Swiss Life stand mitten im Gewitter, als Gehrig 2003 Andres Leuenberger als Verwaltungsratspräsidenten beerbte.

Der Versicherer war im Zug der emotionalen und von Gewerkschaften und linken Parteien hart geführten Rentenklau-Diskussion stark in Bedrängnis geraten. Auch damals war wieder das Gesicht des bodenständigen Professors gefragt, der es verstand, den Kritikern des Assekuranzkonzerns in manchen Punkten ebenso glaubwürdig zuzustimmen wie ihnen in der finalen Frage um die Verstaatlichung der zweiten Säule mit aufrichtigen Argumenten Paroli zu bieten. «Ich kann mich auf die Leute einstellen, wie sie eben sind», sagt ­Gehrig über sich selber.

Mit dieser Fähigkeit hat er auch dem Roche-Konzern geholfen, den Wandel vom Privatunternehmen mit Publikumsaktionären zur Publikumsgesellschaft mit privaten Hauptaktionären zu meistern. Kurz nach dem Konflikt mit dem Financier Martin Ebner berief ihn der damalige Verwaltungsratspräsident und Konzernchef Franz Humer zum Vizepräsidenten und Lead Independent Director. Ebenso wie sich Gehrigs ­Mittlerqualitäten positiv auf die Be­­ziehungen des Roche-Konzerns zu seinen Publikumsaktionären auswirkten, waren sie auch hilfreich, die Gouvernanz-Reform im Schweizer Aktienrecht konstruktiv zu begleiten.

AHV mit 70 Jahren

Gehrig, der in Bern und in Rochester (USA) studierte, der seine Dissertation im Bereich der monetären Theorie sogleich mit einer Habilitation ergänzte, musste sich vor der Annahme einer Professur zuerst in der Privatwirtschaft versuchen. 1981 begann er eine Karriere bei der damaligen Schweizerischen Bankgesellschaft, in der er es rasch zum Chefökonomen und später zum CEO der Tochterbank Cantrade brachte. Doch wer Gehrig kennt, versteht schnell, weshalb er diesem Exkurs rasch ein Ende setzte, um als Bankenprofessor und Mitglied der Eidgenössischen Bankenaufsicht die Finanzwelt wieder aus einer gewissen Distanz zu verfolgen. Die seltene Vereinigung von praktischer Erfahrung und Theorie war dennoch so wertvoll, dass ihn die Nationalbank 1996 ins Direktorium berief. 2002 scheiterte er indessen im Rennen um die Nachfolge des Direktionspräsidenten Hans Meyer gegen den Walliser Jean-Pierre Roth. Ein Jahr später verliess er die Nationalbank, um sich in den Verwaltungsräten grosser Unternehmen nicht zuletzt auch politisch einzubringen.

Den bevorstehenden Wahlen sieht das altgediente CVP-Mitglied mit gemischten Gefühlen entgegen. «Die Polarisierung an den Rändern und die Erosion der politischen Mitte ist ein ernsthaftes Problem für unser Land», sagt Gehrig. «Die Sicherung der bilateralen Verträge mit der EU und Fragen zur langfristigen Finanzierbarkeit der Sozialversicherungen werden uns stark herausfordern und pragmatische, sachorientierte Lösungen verlangen. Das wird nicht zuletzt auch für die Zukunft der Swiss entscheidend sein.» Da ist er wieder, der politische Kopf im Wirtschaftsestablishment.

2016 wird Gehrig 70 Jahre alt. Zeit, die grossen Mandate anderen zu überlassen. Dann wird Gehrig erstmals auch seine AHV-Rente einfordern, die er bis dahin aufgeschoben hat. «Die künftigen Generationen werden diesen Entscheid nicht mehr freiwillig treffen können», sagt der Kapitän, der den Sozialversicherungen ohne Erhöhung des Rentenalters eine Bruchlandung prophezeit. «Wir können rechnen, wie wir wollen, aber ohne das wird es nicht gehen.» Gehrig selber steuert auf eine sichere Landung zu. Inzwischen hat er es sogar ein wenig eilig. Diesmal sind es die Enkel, die ihn erwarten.

«Swiss in globaler Konkurrenz – Chancen und Herausforderungen», Vortrag von Swiss- Präsident Bruno Gehrig, Donnerstag, 10.9.2015, ­Universität Basel, Kollegienhaus, Hörsaal 001. Veranstaltet durch die Basler Ökonomen.

(Basler Zeitung)

Erstellt: 10.09.2015, 15:16 Uhr

Artikel zum Thema

Einigung im Gebührenstreit am Flughafen

Im Konflikt zwischen dem Flughafen Zürich und den Fluggesellschaften ist eine Lösung gefunden: Der Flughafen ist bereit, die Passagiergebühren zu senken. Mehr...

Chefwechsel bei Swiss: Die Kandidaten und ihre Chancen

Harry Hohmeister soll als Swiss-Chef abtreten: Die Nachricht ist noch nicht bestätigt, doch es wird bereits über Nachfolger spekuliert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Blogs

Sweet Home 15 weihnächtliche Dekorationsideen

Tingler Auf dem Index

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...