«Im Establishment gab es zu viele Egoisten»

Giorgio Behr gibt die operative Führung seiner Firma Behr-Bircher-Cellpack ab. Der Unternehmer spricht über seine Karriere als Investor und Mäzen.

«Viele Schweizer verkaufen ihre Firma lieber einem Ausländer statt einem anderen Schweizer»: Unternehmer Behr. Foto: Thomas Egli

«Viele Schweizer verkaufen ihre Firma lieber einem Ausländer statt einem anderen Schweizer»: Unternehmer Behr. Foto: Thomas Egli

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Sie haben sich als Professor von der Uni St. Gallen verabschiedet, Anfang Jahr gaben Sie nach 22 Jahren das Verwaltungsratsmandat bei Hilti ab, jetzt ziehen Sie sich aus der operativen Leitung Ihres Unternehmens BBC zurück. Was machen Sie mit der vielen freien Zeit?
Ich bin seit sechs Monaten Grossvater und freue mich, Zeit für meinen Enkel zu haben. Auch für meine Hobbies, die Eisenbahn und der Handball, werde ich mehr Freiraum bekommen. Daneben werde ich mich weiterhin stark engagieren für meine eigene Firma und in meinem Aufsichtsratspräsidium bei ZF.

Und was macht der Investor Giorgio Behr mit der gewonnen Zeit, plant er neue Engagements?
Der Investor Giorgio Behr hat seine Anlagen und fährt damit bestens. Ich beteilige mich nicht als massgeblicher Investor. In meiner eigenen Firma kann ich mehr herausholen.

Das war früher aber ganz anders. Sie waren ein gefürchteter Investor, der aus Schweizer Traditionsfirmen grosse Mischkonzerne bauen wollte.
Ich hatte gar nicht so viele Investments und habe jeweils nur günstige Zeitpunkte genutzt und zu tiefen Kursen Aktien gekauft. Heute sind die Kurse trotz Korrektur zu hoch, um einzusteigen.

Wo Sie einstiegen gab es viel Aufsehen. Industriekonzern GF ging gerichtlich gegen Sie vor, um Ihre Aktien nicht eintragen zu müssen.
Ich wollte angesichts des damals dramatischen Kurseinbruchs die Chance einer interessanten Anlage packen und erreichen, dass sich GF öffnet. Bis auf den damaligen Präsidenten haben alle bemerkt, dass ich keine geheimen Pläne hatte. Viele Leute entschuldigten sich bei mir.

Nach dem Beteiligungsaufbau am Schleifmittelhersteller Sia Abrasives wurden Sie wegen der Verletzung von Offenlegungspflichten von der Finma angezeigt und haben einen Vergleich abgeschlossen. Würden Sie heute etwas anders machen?
Nein, es war offensichtlich, dass die Anzeige sehr schwach war. Und zwar derart, dass am Tag als sie einging, das Finanzdepartement sich bei meinem Anwalt meldete und um ein Treffen bat.

Weshalb haben Sie dann einem Vergleich zugestimmt und eine Million Franken bezahlt?
Die Frage war, will ich noch jahrelang kämpfen, um Recht zu bekommen, denn Recht haben und Recht bekommen ist nicht das Gleiche – was mich viel Zeit und Energie gekostet hätte – oder will ich wohltätige Organisationen unterstützen, die ich sowieso unterstützt hätte und so die Sache vom Tisch habe.

Das wird Ihnen für immer anhaften.
Zu Beginn drohte man mir mit einer Busse von 70 Millionen Franken. Wenn ein Staat freiwillig auf so viel Geld verzichtet und einen Vergleich über 1 Million eingeht, muss er seine Chancen als sehr gering eingeschätzt haben. Es war eine Gesichtswahrung für die Finma, die ein miserables Dossier abgeliefert hatte. Für mich ist die damalige Finma-Führung sowieso ein Desaster.

Wieso das?
Der damalige Finma-Direktor Patrick Raaflaub hat der Schweiz kurze Zeit später grossen volkswirtschaftlichen Schaden eingebrockt, indem er die Schweizer Banken anhielt, sich im Steuerstreit mit den USA in die Kategorie 2 einzureihen. Das kostet die Volkswirtschaft Milliarden, aber niemand machte Herrn Raaflaub dafür haftbar. Ich verstehe nicht, wieso man das einfach hinnimmt.

Ein Investor, der sich auch über die Finma geärgert haben dürfte und für Wirbel sorgt, ist Viktor Vekselberg. Macht der Russe einen guten Job mit seinen Investments bei Sulzer oder Oerlikon?
Russisch ist eine schöne Sprache, ich nehme jeden Montag Privatunterricht.

Wohl nicht nur, weil Ihnen Russisch so gut gefällt.
Doch. Natürlich habe ich auch geschäftlich in Russland zu tun. Aber Herrn Vekselberg habe ich noch nie getroffen.

Wenn Schweizer Traditionsfirmen wie Sulzer durch turbulente Zeiten gehen wie jetzt, kann Sie das als Industrieller nicht kalt lassen?
Viele Leute, die mich früher wegen meiner Ideen kritisiert haben, sind mitverantwortlich für den Niedergang Schweizer Traditionsunternehmen.

Sie meinen, wenn die Schweizer Industrie damals wie von Ihnen vorgeschlagen, Mischkonzerne geschaffen hätte, wäre sie nicht in Hände von Ausländern geraten?
Es ist eine Eigenart von vielen Schweizern ihre Firma lieber einem Ausländer zu verkaufen statt einem anderen Schweizer, denn dieser könnte ja mehr Erfolg haben als sie selber. Als ich Präsident des Maschinenkonzerns Saurer war, wollten wir den Beschichtungsteil mit denjenigen von Sulzer oder Oerlikon verbinden. Dies scheiterte aber an Leuten, die ihre eigenen Interessen und Positionen verteidigen wollten. Schliesslich haben Ausländer die Firmen übernommen und dann doch zusammengelegt. Die Schweizer Industrie ist heute viel schlechter aufgestellt, weil es im alten Industrie-Establishment zu viele Egoisten gab.

Sie selber haben Ihre Saurer- und später Ihre Sia-Abrasives-Aktien an Ausländer verkauft.
Halt, da liegt die Sache anders. Bei Saurer blieb, nachdem Oerlikon eingestiegen war, keine andere Wahl als an Oerlikon beziehungsweise an die österreichische Victory zu verkaufen. Bei Sia war ich als Aktionär nicht willkommen, Bosch hingegen schon. Bosch war der grösste Kunde von Sia und machte mir damals klar, dass er Sia übernehmen werde. Ein Bieterwettbewerb gegen diesen Giganten hätte nur Unsicherheiten gebracht. Zu Sia erhalte ich aber heute noch Fanpost von Leuten, die sagen: ‹Schade, haben Sie sich nicht durchsetzen können, weil heute gibt es die Sia von früher in Frauenfeld nicht mehr.›

Dem Werkplatz Schweiz machen auch Frankenstärke und politisches Diskussionen zu schaffen. Wie beurteilen Sie die Situation? Wird zu viel gejammert?
Der Zeitpunkt zur Aufhebung des Mindestkurses war nicht sehr glücklich, im Sommer 2014 war der Kurs längere Zeit bei 1.25, ein Ausstieg zu diesem Zeitpunkt wäre wohl sinnvoller gewesen. Die für Januar 2015 ins Feld geführten gefährlichen Massnahmen der EZB waren schon damals bekannt. Das im Rückblick ‹penetrante› Betonen des ‹Festhaltens› Ende 2014 hat viele Industriekonzerne davon abgehalten, das bis dahin übliche Absichern gewisser Positionen einzuleiten. Dieses ‹Gejammer› ist also voll berechtigt. Ich habe schon in den ersten Monaten dieses Jahres einen Kurs zum Jahresende von 1.08 oder 1.10 prognostiziert. Die Verlagerungen werden also zunehmen. Im Grenzgebiet zu Deutschland arbeiten auf der anderen Seite gleich gute Leute für wesentlich tiefere Löhne. Läden gehen zu oder investieren nicht mehr. Da bleibt mehr als nur Flurschaden zurück.

Wie kann der Werkplatz Schweiz wieder gestärkt werden?
Es leiden vor allem die typischen Zulieferer, die nicht im Ausland tätig sind. Wirtschaftsförderer sollten sich deshalb überlegen, für hiesige Firmen Hubs im Ausland zu gründen. Dort könnten sich diese eine Produktionsstätte teilen. Das würde Kosten und Risiken senken. Wir selber haben in unserer Firma BBC ein Hotelkonzept: Der erste Bereich, der in ein Land kommt, baut die Infrastruktur auf, die anderen können sie nutzen.

Damit halten Sie die Jobs aber auch nicht in der Schweiz.
Natürlich wollen wir alle gerne Arbeitsplätze hier halten. Aber die Frage ist, wie können Firmen nachhaltig überleben. Ein Mix heute ist besser als ein Festhalten an alten Strukturen mit späterem Verlust aller Arbeitsplätze.

Wie viele Stellen haben Sie bei Ihrer eigenen Firma Behr Bircher Cellpack (BBC) verlagert, um Kosten zu senken?
Keine Wesentlichen. Anpassungen passieren ständig. In den letzten Jahren haben wir in Tschechien, Polen und China stark ausgebaut. Jetzt sind wir daran in Australien auszubauen. Gerade in Mitteleuropa findet man Topingenieure, die Deutsch und Englisch sprechen. Es gibt aber auch Beispiele von Produkten, die wir wieder in der Schweiz herstellen.

Ihr Nachfolger als CEO bei BBC ist mit Andreas Gisler ein Externer. Wieso übernimmt keiner Ihrer Söhne den Posten?
Mein Sohn Pascal Behr wird Nachfolger von Herrn Gisler werden, das steht heute schon fest. Er ist bereits Mitglied des Verwaltungsrats und soll in einigen Jahren intensiver bei BBC mitarbeiten. Wenn ich bis 75 gesund bleibe und Präsident bleiben kann, wäre das ideal, dann ist mein Sohn 40 und könnte CEO werden, und Herr Gisler ist 60 und könnte das Präsidium übernehmen.

Privat treten Sie als Mäzen auf. Wie viel Geld haben Sie schon gespendet?
Buch führe ich nicht, aber sicher einen passablen zweistelligen Millionenbetrag.

Sie finanzierten eine Handballhalle, Wohnheime für Behinderte oder den historischen Zug der Museumsbahn Stein am Rhein. Woher kommt ihr Hobby Eisenbahn?
Als Bub fuhr ich immer im Zug ins Tessin zur Nonna in die Ferien. Die Loks und die Technik faszinierten mich. Ich hatte lange keine eigene Spielzeugeisenbahn, weil das finanziell nicht drin lag. Als mein Vater mir an Weihnachten einmal eine kleine Eisenbahn schenkte, war ich überwältigt. Mit meinem ersten Lohn habe ich mir eine eigene Bahn gekauft. Und heute bin ich einmal pro Woche mit meinem ältesten Sohn im Zug unterwegs.

Ganz dem sozialen Engagement werden Sie sich nicht widmen können. Beim deutschen Autozulieferer ZF haben Sie als Aufsichtsratsvorsitzender eine Mammut-Aufgabe. Nach dem Kauf der US-Firma TRW ist ZF zur Nummer drei im Markt aufgestiegen mit 30 Milliarden Euro Umsatz. War der Kauf nicht ein zu grosses Wagnis?
Das Risiko wäre grösser gewesen, wenn wir nichts gemacht hätten. Neu ist ZF in der Lage, die Bereiche Sicherheit und neue Antriebe, sowie autonomes Fahren aus einer Hand anzubieten. Unsere Konkurrenten Bosch und Conti haben dagegen keine Getriebesparte.

Und wann treten Sie bei ZF kürzer?
Die ordentlichen Erneuerungswahlen stehen 2018 an, gewählt bin ich für die dann endende zweite 5-Jahreperiode.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.10.2015, 07:04 Uhr

Giorgio Behr

Ein Mann mit vielen Hüten

Giorgio Behr, 67, ist Anwalt, Wirtschaftsprüfer und Unternehmer. Er war Professor für Rechnungslegung an der Universität St. Gallen. Zudem arbeitet er als Aufsichtsratsvorsitzender des deutschen Autozulieferers ZF. Seine Firma, Behr Bircher Cellpack (BBC), entstand aus dem Schaltanlagenbauer Bircher. Dort stieg Behr selber ein, als er nach der Sanierung keinen Käufer fand. BBC ist in sechs Märkten wie Sensorik, Verpackung oder Medtech tätig, macht mit 1100 Mitarbeitern knapp 300 Millionen Franken Umsatz. Behr ist verheiratet und hat 4 Söhne. (bv)

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