Im Krater

Der Absturz der Boeing 737 Max 8 ist ein schwerer Rückschlag für Ethiopian Airlines. Sie ist der Stolz des Landes – und eine afrikanische Erfolgsgeschichte.

Mitten in der Unglücksstelle: Der Geschäftsführer der Ethiopian Airlines inspiziert Überreste der 737 Max 8. Foto: Facebook via Keystone/AP

Mitten in der Unglücksstelle: Der Geschäftsführer der Ethiopian Airlines inspiziert Überreste der 737 Max 8. Foto: Facebook via Keystone/AP

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Am Flughafen von Kapstadt schaut eine Familie, die sich so anhört, als käme sie aus Schwaben, durch die Fenster hinaus auf das Flugzeug der Ethiopian Airlines, das beladen wird. «Es ist alles gut, das ist eine 787», sagt die Frau. Der Vater macht ein Foto mit dem Handy.

Die Passagiere des Ethiopian Airlines-Fluges nach Addis Abeba achten darauf, dass sie nicht mit einer Boeing 737 Max 8 fliegen müssen, die sich innerhalb weniger Monate zu einem toxischen Objekt verwandelt hat, das kein Passagier mehr betreten will.

Wozu es derzeit auch keine Gelegenheit mehr gibt: Die Boeing 737 Max 8 hat mittlerweile weltweites Flugverbot. Am Sonntag war eine Maschine dieses Typs kurz nach dem Start in Addis Abeba abgestürzt, der Pilot hatte technische Probleme gemeldet und um die Erlaubnis gebeten umzukehren. Wenig später rammte sich die Maschine in den Boden, 157 Menschen starben.

Bildstrecke: Schweres Flugzeugunglück in Äthiopien

Es dauerte nur wenige Stunden, bis klar wurde, dass es Parallelen gibt zu einem ähnlichen Unglück: Vor einigen Monaten war eine 737 Max 8 der indonesischen Lion Air ins Meer gestürzt, keine Überlebenden. Erste Untersuchungsergebnisse zeigten, dass die Piloten einen verzweifelten Kampf mit dem Computersystem führten, das das Flugzeug immer wieder nach unten drückte. Erste Daten vom Absturz der Ethiopian-Maschine vermitteln ein ähnliches Bild, im Zickzack geht es auf und ab. Und dann nach unten.

Mensch gegen Maschine. Boeing gegen Airbus. Und Amerika gegen Europa. So kann man die Tage nach dem Unglück beschreiben. Die einen glauben, dass die zunehmende Technisierung den Absturz verursacht hat, andere fragen nach der Erfahrung des Piloten. Europa liess die Boeing recht schnell am Boden bleiben, was für den ewigen Konkurrenten Airbus kein Schaden sein muss. Worüber nicht so viel gesprochen wurde: was das Unglück für Ethiopian Airlines bedeutet. Und für das ganze Land.

Weltmeister im Wachstum

In Europa denken bei Äthiopien immer noch viele an aufgeblähte Hungerbäuche, mehr nicht. Äthiopien sieht sich selbst ganz anders, als 100-Millionen-Vielvölkerstaat, ein Land mit seiner eigenen Zeit und eigener Schrift, das als einziges in Afrika nie wirklich kolonialisiert wurde. Es ist ein stolzes Land im Aufbruch, dessen Wirtschaft im vergangenen Jahr so stark wuchs wie sonst nirgends auf der Welt. Nicht zuletzt wegen des Erfolgs von Ethiopian Airlines.

Es ist der frühe Freitagmorgen in Addis Abeba, etwa 2600 Meter hoch liegt der Flughafen, die Luft ist klar. Die ersten Maschinen rollen auf die Startbahn. Auf dem Rollfeld steht Heckflosse neben Heckflosse, alle mit dem Logo von Ethiopian Airlines, mehr als 50 Maschinen nebeneinander.

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Noch vor fünfzehn Jahren war die Fluglinie unbekannt, heute ist sie eine afrikanische Erfolgsgeschichte, Mitglied der Star Alliance und eine der am schnellsten wachsenden Fluglinien der Welt. Es ist eine Geschichte, die zeigt, was in Afrika möglich ist, wenn eine Regierung und ein Unternehmen einen Plan haben und ihn durchziehen. Die grossen Fluggesellschaften vom Golf sind auch deshalb so erfolgreich, weil sie von ihren Regierungen subventioniert werden. Ethiopian behauptet, noch nie einen Cent vom Staat erhalten zu haben.

Im Jahr 2005 hatte Ethiopian gerade mal 26 Flugzeuge, heute sind es 108, der Umsatz hat sich seitdem fast verzwanzigfacht. Der Flughafen in Addis Abeba hat Dubai überholt, ist das grösste Drehkreuz für Flüge nach Afrika geworden. Afrika war mal ein Kontinent, auf dem Fliegen Glückssache war, so viele Flugzeuge fielen vom Himmel. Aber vor dem Absturz vom Sonntag war zwei Jahre lang kein tödlicher Absturz einer Passagiermaschine zu verzeichnen, auch, weil Ethiopian ihr Streckennetz rasant ausbaute und viele Jahre unfallfrei flog.

Ausserhalb von Afrika wurde das kaum wahrgenommen. Was vielleicht auch daran liegt, dass diese Erfolgsgeschichte nicht zum Bild passt, das viele von Afrika haben. «Flugzeug in Afrika abgestürzt», titelte das «Wall Street Journal», so, als sei die Maschine in allen 49 Staaten Subsahara-Afrikas gleichzeitig heruntergekommen, so als sei alles eins, Afrika halt.

Tewolde Gebremariam, der dynamische Chef von Ethiopian Airlines. Foto: AP

Es ist ein Bild, gegen das sich viele Afrikaner wehren, dem sie aber manchmal selbst zum Opfer fallen. Es ist ein Gefühl der Minderwertigkeit, das aus der Zeit des Kolonialismus kommt: Jahrhundertelang haben die weissen Eroberer den Schwarzen erzählt, dass die wirklich schwierigen Dinge nur von der angeblich überlegenen Rasse erledigt werden können. Zu den Folgen dieser Herabstufung zählt auch, dass manche Opfer irgendwann denken: Was ist, wenn es stimmt?

Heute ist es eher umgekehrt, heute bildet Ethiopian für die ganze Welt Piloten aus, die einen guten Ruf haben. Heute steht man in einem Kaff in der Demokratischen Republik Kongo, vor einem Flughafengebäude, das aussieht, als falle es gleich zusammen – dann schwebt eine nagelneue, glänzend weisse Maschine von Ethiopian ein.

Das Flugzeug wurde pulverisiert

Am Sonntag kurz nach dem Absturz steht Tewolde Gebremariam, der Chef von Ethiopian Airlines, in einem tiefen Krater ein paar Kilometer vom Flughafen in Addis Abeba entfernt und berührt ein Flugzeugteil, eines der wenigen Dinge, die überhaupt greifbar scheinen, der Rest der Boeing wurde pulverisiert.

Tewolde (in Äthiopien nennt man sich beim ersten Namen) sieht aus wie versteinert, ganz anders, als man ihn kennen gelernt hatte. Damals dachte man erst, er sei der Gärtner. Es war vor vielen Monaten, Tewolde hüpfte fast durch die Tür in einen recht engen Besprechungsraum im Hauptquartier der Fluglinie, er trug ein Polohemd und ausgebeulte Stoffhosen, sah aus wie der Gärtner, nicht wie der Chef.

Man hatte einen dieser sterilen Krawattenträger erwartet, und dann erschien dieser lustige und nahbare Mann, der wahrscheinlich bedauert, dass der Tag nur 24 Stunden hat, zu wenig Zeit für all das, was er mit Ethiopian vorhat. Er bedankt sich für das Interesse und sagt: «Wir sind nur eine kleine Fluglinie», und lächelt. Seine Mitarbeiter führten über den Campus der Fluglinie, gleich neben dem Flughafen, durch riesige neue Hallen zum Stolz der Fluglinie: die eigene Pilotenschule, in der pro Jahr 400 Flugkapitäne ausgebildet werden.

In einem Simulator sitzt ein junger Mann, der gerade einen Airbus landet. Mit ernster Miene erzählt er von seinem Leben in der Provinz, vom Traum, der in Erfüllung ging, als er die Tests bestand, in die Akademie aufgenommen wurde. Weil er gut war, nicht weil er die richtigen Verbindungen hatte.

Die Frage ist, was nach dem Absturz aus der Erfolgsgeschichte von Ethiopian Airlines wird.

Das war immer die Bedingung des obersten Chefs Tewolde: Die Airline gehört dem Staat, der sich aber rauszuhalten hat, der nicht mal die Gewinne bekommt, die seit Jahren sprudeln – die fliessen alle in neue Investitionen. Vor neun Jahren hatten er und seine Kollegen die «Vision 2025» vorgestellt, einen Plan für die nächsten 15 Jahre, der Ethiopian zur grössten Fluggesellschaft Afrikas machen sollte. Derzeit muss der Plan überarbeitet werden, weil alle Ziele schon erfüllt sind, und noch mal nach oben geschraubt werden.

Ein neuer Flughafen soll gebaut werden für 100 Millionen Passagiere und neue Hotels, in denen die übernachten, die in Addis einen Zwischenstopp einlegen. Und weil die Fluglinie so viele Mitarbeiter einstellt, für die sich nicht immer passende Wohnungen finden, soll nun auch noch eine kleine Ethiopian-Stadt entstehen. Und, und, und.

Die Frage ist, was nach dem Absturz aus der Erfolgsgeschichte von Ethiopian Airlines wird.

Das Unternehmen hat sich dafür entschieden, die Black Box zur Auswertung nach Frankreich zu schicken, in das Heimatland von Airbus, ein Umstand, der noch heikel werden könnte, wenn Boeing und den USA die Ergebnisse nicht gefallen. Erste Resultate wird es womöglich in den kommenden Tagen geben. Ein Abschlussbericht kann auch gut ein Jahr dauern. Der wird sich auch um die Frage drehen, ob Ethiopian nach dem Absturz der Lion-Air-Maschine geübt hat, wie man den Computer überlistet oder ausschaltet, die entsprechenden Simulatoren hat man ja.

Enttäuschte Angehörige

Die Zukunft von Ethiopian Airlines wird also noch länger in der Schwebe bleiben. Jetzt steht im Hotel der Fluglinie ein langer Tisch mit brennenden Kerzen, auf Schildern steht «Family Assistance Center», ein paar Listen mit den Namen der Angehörigen liegen herum. Sonst ist niemand zu sehen.

Am Donnerstag hatte die Fluglinie Angehörige der Opfer ins Hotel eingeladen, um sie über den Stand der Dinge zu informieren, darüber, ob und wie die sterblichen Überreste der Verstorbenen überführt werden können. Das Treffen verlief aus der Sicht vieler Betroffener enttäuschend. Die Fluglinie habe ihnen zwar ihr Beileid ausgesprochen, sonst aber nichts Neues erzählt, weder zur Ursache, noch zu den Leichen ihrer Geliebten, viele verliessen das Hotel wütend. Für sie ist Ethiopian Airlines im Moment keine Erfolgsgeschichte. Sie warten auf Antworten.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.03.2019, 19:45 Uhr

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