«Im Luftraum über dem Golf wird es langsam eng»

Sie sehen sich als Mitte der Welt: Drei Luftfahrt-Drehscheiben in der Golfregion sowie Istanbul. Nun soll auch Athen zum Mega-Hub werden. Droht die gegenseitige Zerfleischung? Und was heisst das für Zürich?

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Seit Anfang Juni fliegt Etihad Airways direkt von Zürich nach Abu Dhabi. Damit fliegen alle drei grossen Golfcarrier – Emirates, Qatar Airways und Etihad Airways – ab Zürich an die grossen Drehkreuze Dubai, Doha und Abu Dhabi. Diese sind in den letzten Jahren massiv gewachsen: Terminal um Terminal wird eröffnet, und wenn der Platz knapp wird, stellt man an einem neuen Ort einen neuen Megaflughafen hin. So geschehen kürzlich in Doha, zudem eröffnete Anfang 2013 ein gigantischer A380-Terminal in Dubai.

Nicht nur in der Golfregion, sondern auch in der Türkei wächst die Luftfahrt rasant. Diesen Monat fand der Spatenstich zum neuen Flughafen in Istanbul statt. Eröffnung soll Ende 2018 sein, ab dann sollen dort rund 150 Millionen Passagiere pro Jahr abgefertigt werden – rund sechsmal mehr als 2013 in Zürich. Entsprechend stark am Expandieren ist auch die nationale Fluggesellschaft Turkish Airlines. Nun soll auch der Athener Flughafen Eleftherios Venizelos zum globalen Drehkreuz mutieren. Firmen aus China planen dort einen Einstieg, wie der chinesische Premierminister diese Woche ankündigte. Unternehmen wie die Shenzen Airport Group wollen die Passagierzahlen von heute rund 12 Millionen auf über 50 Millionen steigern.

«Die Griechen haben es komplett verschlafen»

Ist eine solche Steigerung überhaupt möglich angesichts der Konkurrenz aus der Türkei und der Golfregion? «Athen hat keine Chance, ein globales Drehkreuz zu werden – höchstens ein regionales», sagt der österreichische Aviatikexperte Kurt Hofmann gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Die Stadt liegt zwar geografisch ideal, kommt jedoch 15 bis 20 Jahre zu spät. Die Griechen haben es komplett verschlafen, die Chance der Hub-Rolle zu nutzen, und haben die potenziellen Umsteigepassagiere an Istanbul verloren.» Der Rückstand sei langfristig nicht mehr aufholbar, die Chance vergeben.

Stehen also noch Istanbul und die Golf-Drehscheiben Dubai, Abu Dhabi und Doha (Katar) im Fokus, von denen letztere drei geografisch eng beieinander liegen. Alle vier geben sich gerne als die Luftfahrt-Drehscheibe der Welt, weil von ihnen aus ein Grossteil der Welt in höchstens zehn Stunden Flugzeit erreicht werden kann. «Zwischen den Golf-Hubs und ihren Fluglinien (Emirates, Etihad und Qatar Airways – Anm. d. Red.) herrscht ein aggressiver Konkurrenzkampf», so Hofmann. «Die Passagiere werden nicht einfach über diese Flughäfen geleitet, sondern wahrhaftig geschaufelt. Das sind riesige Dimensionen.» Trotzdem ist der Experte der Ansicht, dass sie sich nicht gegenseitig zerfleischen. Solange in der Golfregion Wachstum herrsche, sei keiner dieser drei Hubs gefährdet. Doch die Konkurrenz unter ihnen werde sich verschärfen: «Im Luftraum wird es langsam eng, dann drohen Verspätungen und Sicherheitsprobleme.»

Hingegen ist es zwischen den Golf-Airports und Istanbul laut Hofmann etwas ruhiger. «Sie sehen einander nicht als Erzfeinde, weil jeder sein eigenes Süppchen kocht.» Istanbul führe aufgrund seiner geografischen Lage ein etwas anderes Flugangebot und komme deshalb gut an den Golf-Hubs vorbei. So erwartet Hofmann, dass sich sowohl die drei Golf-Drehscheiben als auch Istanbul halten können.

Die Krux mit dem Nachtflugverbot

Und was bedeutet die Expansion der Golf-Airports und Istanbuls für Mittel- und Westeuropa? Wie Experte Hofmann ausführt, werden sekundäre Hubs wie Zürich oder Wien zwar Passagiere an die Golfstaaten und die Türkei verlieren, wenn es um Verbindungen in Richtung Asien gehe. Bei Reisen nach Nord- und Südamerika würden europäische Passagiere jedoch lieber an Hubs in Europa umsteigen. Zudem seien diese einiges überschaubarer als die Megaflughäfen und die Umsteigewege kürzer. «Bei den enormen Distanzen am Flughafen Dubai kann das Umsteigen manchmal überhaupt keinen Spass mehr machen», weiss Hofmann aus Erfahrung.

Der Österreicher glaubt auch, dass sich die grossen europäischen Hubs wie London-Heathrow, Paris-Charles de Gaulle und Frankfurt werden behaupten können. «In Heathrow wurde kürzlich ein neuer Terminal eröffnet, und der Flughafen hat weltweit das grösste Netz an die grossen Flughäfen des Erdballs.» Viele europäische Flughäfen, darunter Zürich und Frankfurt, hätten jedoch gegenüber den Golf-Flughäfen und Istanbul einen grossen Nachteil, weil sie wegen des Nachtflugverbots ein Drittel des Tages geschlossen seien, so Hofmann. «Da kann die Infrastruktur noch so gut sein.»

Neben den erwähnten Flugdrehscheiben sind weltweit auch diejenigen in Panama und Peking gross im Kommen, wie Kurt Hofmann erklärt. «In diesen Ländern sowie den Golfstaaten und der Türkei sieht man die Luftfahrt als Wirtschaftsmotor, den man fördern müsse, während in weiten Teilen Europas der Schutz der Flughafenanrainer höher gewichtet wird.»

Erstellt: 19.06.2014, 19:07 Uhr

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