Bio Suisse fehlt es an Transparenz

Seit der Skandal in Italien aufgeflogen ist, hat sich Bio Suisse kaum mehr zu Wort gemeldet. Selbst Importeure erhalten nicht detailliert Auskunft über die Herkunft ihrer Handelsware.

«Von Bio wird zu viel erwartet»: Freilandhühner auf einem Bio-Betrieb.

«Von Bio wird zu viel erwartet»: Freilandhühner auf einem Bio-Betrieb. Bild: Keystone

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Anfang Dezember 2011 hat die italienische Finanzpolizei in Verona sieben Biohändler verhaftet, die jahrelang konventionell hergestellte Futter- und Lebensmittel als Bioware verkauft haben. Der gigantische Betrug mit gefälschten Rechnungen und Echtheitszertifikaten soll sich auf 220 Millionen Euro belaufen. Bio Suisse, Hüterin der Bioknospe in der Schweiz, hatte sofort reagiert und in der Schweiz vorsorglich alle an Lager befindlichen Bioerzeugnisse des italienischen Biogrosshändlers Sunny Land gesperrt. Dieser spielt im Skandal eine zentrale Rolle als Schaltstelle zwischen rund 40 involvierten Firmen und ist von Bio Suisse zertifiziert.

Laut Auskunft der Finanzpolizei Verona hat Sunny Land 2008 der in Lugano domizilierten Agridea für nicht existierende Warenlieferungen im Umfang von 9600 Tonnen Rechnung gestellt. Die Rechnungen sollten die Existenz von Bioware belegen, die effektiv gar nie vorhanden war. Durch betrügerische Machenschaften habe Sunny Land den Umsatz von knapp 7 Millionen Euro 2006 auf 57 Millionen 2008 erhöht. Seit der Sperrung der Lager hat sich Bio Suisse allerdings nicht mehr zum Fall geäussert. Einzige Ausnahme: ein Auftritt im «Kassensturz» vom 3. Januar. Dem TA teilte Sprecherin Sabine Lubow mit: «Wir sehen zum jetzigen Zeitpunkt keinen Anlass für eine zusätzliche Information gegenüber der Öffentlichkeit.»

Ware muss nicht vernichtet werden

Dabei sind nach dem Betrug in Italien durchaus Fragen offen. Etwa: Ist da, wo Bio drauf steht, auch wirklich Bio drin? Verunsicherte Kunden reagieren zunehmend skeptisch – wohl zu Recht. «Ich habe den Eindruck, dass die Erwartungen der Konsumenten über das hinausgehen, was Bio wirklich ist», sagt der Zürcher Kantonschemiker Rolf Etter. Bei kontaminierter Ware hätten die Biovermarkter auch in der Vergangenheit ab und zu weniger strenge Massstäbe anlegen wollen als die Behörden.

Diesen Eindruck bekommt auch, wer das jüngste Rundmail von Bio Suisse an die Importeure liest. «Zwar ist das Risiko eher klein, dass Knospe-Produkte vom Betrug betroffen sind, weil Bio Suisse zusätzliche Kontrollen verlangt und der Aufwand zum Fälschen deshalb wesentlich höher wäre.» Der Bioverband hebt damit seine schützende Hand über eine Firma, die wegen Betrug in grossem Stil angeklagt ist. Immerhin hat er entschieden, «dass die gesperrten Waren bis auf weiteres nicht als Knospeprodukte vermarktet oder verwendet werden dürfen.» Die Ware muss aber nicht vernichtet werden; die Importeure verkaufen es einfach als konventionelles Produkt.

Laut Bio Suisse geht es dabei um 600 Tonnen Futter- und Mahlweizen – also auch um Getreide, das zu Brot und Backwaren verarbeitet wird. Insgesamt haben Schweizer Importeure 2010 und 2011 bei Sunny Land über 5000 Tonnen Futtermittel bezogen. 2009 hat zudem der Agrarkonzern Fenaco, sonst nicht Kunde von Sunny Land, im Rahmen einer Ersatzlieferung von den Italienern Biofuttermais und Biofuttererbsen gemäss Bio-Suisse-Richtlinien gekauft, wie Sprecher Hans Peter Kurzen bestätigt.

Reicht ein Test auf Pestizide?

Laut Oberst Bruno Biagi, der die Untersuchung in Verona führt, waren die Betrüger bis zu ihrer Verhaftung im Dezember aktiv. «Der lukrative Handel mit gefälschter Bioware wurde erst durch unser Eingreifen gestoppt.» Es sei nicht davon auszugehen, dass Sunny Land in die Schweiz nur korrekt deklarierte Ware lieferte. Auch Schweizer Biokäufer dürften also getäuscht worden sein.

Wieso also ist Bio Suisse dennoch überzeugt, vom Betrug kaum betroffen zu sein? Zum einen, weil alle Pestizidanalysen der gesperrten Ware negativ ausgefallen sind, wie die Organisation die Lieferanten in einem Rundmail informierte. Fachleute monieren jedoch, dass dies nichts beweise: Auch konventionelle Ware könne pestizidfrei sein. Bio Suisse entgegnet: «Der Pestizidtest ist insofern aussagekräftig, als eine Pestizidbelastung ein starkes Indiz für konventionelle Ware wäre.»

Zum anderen verlangt Bio Suisse laut Sprecherin Lubow für jeden Import eine genaue Aufzeichnung des Warenflusses, dieser werde überprüft. Das erhöhe den Betrugsaufwand. Nur: Die Transparenz hört auf, sobald ein Importeur wissen will, woher etwa die Ware stammt, die er vom Bio-Suisse-zertifizierten Händler Sunny Land gekauft hat. Diese Auskunft erhält er von Bio Suisse nicht, wenn sie der Händler nicht geben will. Sprecherin Lubow: «Wir vertreten den Standpunkt, dass es weder in der Macht noch in der Kompetenz von Bio Suisse liegt, in Handelspraktika und Abmachungen zwischen einzelnen Handelspartnern einzugreifen.»

Ein Importeur, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, hat dafür kein Verständnis: «Die Knospeorganisation Bio Suisse schützt so den internationalen Handel und setzt die eigene Glaubwürdigkeit aufs Spiel.»

Bio Suisse lehnt eine Klage ab

Immerhin überdenkt Bio Suisse ihre Zusammenarbeit mit der vom Staat zertifizierten, aber privaten italienischen Kontrollstelle Suolo e Salute. Zwei ihrer Vertreter wurden verhaftet, weil sie die Fälschung von Zertifikaten ermöglicht hatten. «Es laufen Abklärungen mit Suolo e Salute», sagt Lubow. «Diese Woche finden Gespräche mit der Kontrollstelle statt.» In Abhängigkeit davon werde Bio Suisse entscheiden, ob und unter welchen Bedingungen eine Zusammenarbeit weiter möglich sei.

Letzte Woche hat sich der italienische Bioverband Federbio im Strafverfahren gegen die Biobetrüger zur Zivilklägerin erklärt. Laut Sprecherin Lubow unterstützt Bio Suisse das Vorgehen ideell: «Dieser Betrugsfall hat den Biolandbau generell in Mitleidenschaft gezogen, wir gehören auch zu den vielen Betrogenen und Geschädigten.» Selber klagen will die Organisation aber nicht. Hingegen erwägen einige geschädigte Knospelizenznehmer, rechtliche Schritte gegen Sunny Land einzuleiten.

Zu wenig echtes Biofutter

Laut der Kontrollstelle CCPB haben die italienischen Produzenten seit dem Auffliegen des Skandals Mühe, genügend biologische Futtermittel zu finden. Entsprechende Anfragen landen unterdessen gar in der Schweiz. Laut Fenaco-Sprecher Kurzen ist vor allem die Beschaffung von Biofutterproteinen «anspruchsvoll». Das hat auch Folgen für den Schweizer Biomarkt. Kenner der Branche rechnen aufgrund der Verknappung mit massiv höheren Preisen. Sollte sich das Gerücht bewahrheiten, dass die italienische Finanzpolizei nochmals eine Reihe von Firmen anklagen wird, dürfte Bio auf dem Futtermittelmarkt definitiv zur Mangelware werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.02.2012, 15:40 Uhr

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